Trotz der jüngsten Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten ist die
Finanzkrise ist noch nicht beendet. Diese Meinung äußerten die
Referenten auf der 27. Kapitalanlegertagung, die am 17. und 18.
Januar in Zürich stattfand.
Der Ökonom Simon Johnson sieht in angelsächsischer Manier ein
Auseinanderbrechen der Eurozone voraus. Gleichzeitig ist er sich
sicher, dass die EZB Liquidität zur Verfügung stellen werde. Dies
werde aber nicht ausreichen. Eine Restrukturierung der Schulden sei
unvermeidlich. Die Banken seien nach wie vor unterkapitalisiert und
trügen eine Menge Risiken, wären aber „too big to fail“. Die sechs
großen US-Banken seien größer als 2008. Er weist darauf hin, dass
Hedge Fonds in die gleiche Zielrichtung „too big to fail“ arbeiten
würden. Sollte der erste Hedge Fonds wegen seiner Systemrelevanz vom
Steuerzahler gerettet werden müssen, würden Bewegungen wie „Occupy“
neue Nahrung erhalten. Johnson hält eine inflationäre Entwicklung -
„The Great Inflation“ - für unausweichlich.
Prof. Dr. Wolfgang Wiegard, ehemaliges Mitglied des
Sachverständigenrates („die fünf Wirtschaftsweisen“) ist der
Meinung, dass sich Italien aus eigener Kraft aus
Schulden-Schlamassel herausziehen kann. Für Griechenland sieht er
eine nicht-freiwillige Insolvenz kommen. Die Schulden würden
letztendlich von der EZB übernommen werden. Er fordert anstelle der
Finanztransaktionssteuer eine „Finanzaktivitätssteuer“, die die
fehlende Umsatzsteuer für Finanzdienstleister kompensiert. Die
Einführung von Euro-Bonds sieht er nicht. Diese würde gegen Verträge
verstoßen und sei außerdem für Deutschland nachteilig, da die
Liquidität aus Deutschland herausfließen würde.
Die Immobilienbranche sei einer der Profiteure der Finanzkrise.
Eurobonds würden diese Branche in Deutschland in Bedrängnis bringen.
Auf die Peripherieländer komme eine harte Phase der Lohnmoderation
zu. Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion sei keine Option, ein
Austritt Griechenlands hingegen schon. Ein Scheitern der
Währungsunion wäre für Deutschland nachteilig, da einerseits das
Auslandsvermögen (netto 1 Billion Euro) abgewertet werden würde und
andererseits Target-Forderungen an das EZB-System (etwa 450 Mrd.
Euro) ganz oder teilweise abgeschrieben werden müssten.
Eine normale Inflation würde zur Reduzierung der
Schuldenstandsquoten wenig beitragen. Es müsse schon eine
„Überraschungs-Inflation“ sein, die von den Marktteilnehmern nicht
eingepreist sei. Er selbst glaube aber nicht an das Auftreten einer
solchen „Überraschungs-Inflation“.
Philipp Vorndran, Finanzmarkt-Stratege bei Flossbach von Storch,
sieht die Situation im Bezug auf die Eurozone pessimistischer als
Prof. Wiegard. Er geht davon aus, dass der Euro in drei bis vier
Jahren keinen Bestand mehr haben wird, allerdings bleibe eine
Kerngruppe mit Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande,
Österreich, Belgien, Finnland und Irland bestehen. Hinzu kämen
Slowenien, die Slowakei, Tschechien, Polen Estland und
möglicherweise weitere skandinavische Länder. Spanien, Portugal und
Italien würden jeweils über eigene Währungen (Peseten, Escudos,
Lira) verfügen. Demnach würde es zwar ein Nord-Euro bilden, ein
Süd-Euro würde es hingegen nicht geben. Die Austritte würden
freiwillig erfolgen.
Ein Schuldenschnitt funktioniert zwar bei kleinen, nicht aber bei
großen Volkswirtschaften Es sei zwischen Staatsbankrott und
Währungsbankrott zu unterscheiden. Ein Bankrott der Währung sei
durchaus möglich. Ein negativer Realzins sei durch die
Niedrigzinspolitik einerseits und durch eine steigende
Inflationsrate auf längere Zeit sicher gestellt. Mit etwa 5 bis 5
Prozent Inflation sei in den großen Volkswirtschaften in den
kommenden Jahren zu rechnen. Das Quantitative Easing werde
fortgesetzt.
Die Pensionsverbindlichkeiten würden in einem solchen Umfeld zu
einem Problem. Die Pensionskassen würden umdenken. Sie würden
beginnen, Aktien relativ zu Anleihen zu bevorzugen. Es würde
reichen, wenn Dividenden von Aktientiteln 4% Rendite abwerfen,
Kursgewinne seien nicht notwendig. Insbesondere Qualitätsaktien
stünden vor einem „Revival“. Der Goldpreis dürfte angesichts
negativer Realzinsen weiter steigen.
Felix Zulauf, Zulauf Asset Management AG, Zug, geht von einer sich
vertiefenden Krise aus. Die EZB dürfte Kapital zur Verfügung stellen
bzw. weiterhin Anleihen erwerben. Die Geldpolitik dürfte jedoch kaum
Nachfrage erzeugen, und fiskalpolitisch tritt man auf die Bremse.
Ausgaben würden gesenkt, die Steuern würden erhöht werden. Für die
europäische Peripherie erwartet Zulauf einen anhaltenden „Bank Run“.
Durch das Abziehen der Gelder würden die Peripherie-Banken
„verdursten“. Die niedrigen Zinsen würden die Geldmarktfonds in die
Knie zwingen, da die Fixkosten bei Geldmarktfonds bei etwa 1,5% vom
Anlagevermögen liegen würden. Der Geldmarkt ginge kaputt. Am kurzen
Ende sollte der Zinssatz in den USA in den kommenden vier bis fünf
Jahren bei null verharren. Die schlechten Banken der Peripherie
würden derzeit durch den hohen Spread zwischen kurzem und langem
Ende subventioniert. Dies geschähe auf Kosten der starken und
gesunden Länder. Das Bankensystem würde bei einem Austritt
Griechenlands aus der Eurozone an den Rande der Pleite gedrängt
werden, die Risiken seien enorm.
Der Euro/Dollar hätte in 2012 Abwärtspotential in den Bereich von
1,10. Rohstoffe sollten korrigieren, der Goldpreis könnte bis 1.520
Dollar fallen. Dort lägen Kaufkurse vor. Im Sommer 2012 sollte man
Aktien kaufen, aber zuvor dürfte das Oktober-2011-Tief gebrochen
werden. Der Ölpreis könnte bis auf 70 US-Dollar fallen, US-Erdgas
auf 2 Dollar. Da die Produktionskosten bei 4 Dollar lägen, würden
einige Bohrlöcher stillgelegt werden, bis sich der Preis wieder
erholt hat.
In Europa dürfte es 2012 zu einer Rezession kommen, so Felix Zulauf.
In Asien dürfte es Enttäuschungen geben. Die Geldpolitik dürfte
expansiv agieren, die Fiskalpolitik dürfte auf Austerität
ausgerichtet sein.
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Robert Rethfeld, Wellenreiter-Invest.de |
Robert Rethfeld ist Wirtschaftsjournalist und betreibt die Website Wellenreiter-Invest, eine Onlinepublikation für wirtschaftliche, finanzielle und gesellschaftliche Entwicklungen. Er ist Recherchepartner und Gastautor für das Börsenmagazin "Smart Investor" und liefert Beiträge und Interviews für die Online-Seiten von ARD und ZDF. Rethfeld ist Mitglied der Vereinigung technischer Analysten (VTAD) und leitet dort den Vorsitz der Jury zur Vergabe des VTAD-Awards.
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