„Meine Schlussbilanz fällt mehr als ernüchternd aus,“ sind
die Worte von einem, der es wissen muss. Diese Worte stammen von
Jochen Sanio, Chefbankenaufseher der Bafin, der nach 37 Jahren in
Pension geht. Die Bankenbranche habe sich in all den Jahren zu einem
„hoch komplexen Gebilde entwickelt, das sich nicht mehr beherrschen
habe lassen.“ Die Aussage, dass nach der Finanzkrise 2008 „eine
Chance verpasst wurde,“ bestätigt die von mir seit Langem geäußerte
Kritik an den Banken, ihren Vorständen und Aufsichtsräten und der
Politik sowie den wenig die Bankenwelt begreifenden Politikern, die
letztlich in unserer Petition für ein Trennbankensystem gipfelte. Er
fährt aber noch fort: „Bis heute hat der Rückbau des weltweiten
Finanzsystems nicht stattgefunden“ und „Die Strukturen sind nicht
angetastet worden."
Während es Kommentatoren gibt, die diesen Mann als weise bezeichnen,
so bin ich Herrn Sanio gegenüber weniger gnädig. Ich bin froh, dass
dieser Mann endlich weg ist, und hoffe, dass jemand kommt, dem die
Nähe zu den Banken weniger wichtig ist. Wir haben es selbst erlebt
und auch mancher Aktienclub, der mir schrieb, dass die Bafin mit
Kanonen auf sie, die Spatzen, schoss, während sie die Raubvögel
gewähren ließ. Die fern jeglicher Prüfung und ungehemmt in ihren
Structured Investment Vehicles die wildesten Zockergeschäfte
durchführte, an deren Verlusten wir heute noch knapsen. Wobei die
mit Politikern vollgestopften Landesbanken da mit schlechtem
Beispiel vorangingen. Was den Steuerzahler viele, viele Milliarden
gekostet hat. Und nicht nur einmal hat Sanio in der Finanzkrise die
Banken in Schutz genommen. Das habe ich weder vergessen, noch ihm
verziehen.
Fakt ist, dass auch die Bankenaufsicht Bafin und Herr Sanio ganz
persönlich versagt haben. Wo waren denn die Warnungen? Wo die
Sonderprüfungen? Und wo die großen Anklagen? Wo war der
möglicherweise angemessene Rücktritt? Wo der Tritt in Richtung
Politik? Von all dem habe ich, der sich nun wirklich umfassend
informiert, nicht mehr viel bis gar nichts mehr in Erinnerung. Das
mag an meinem selektiven Gedächtnis liegen. Möglicherweise auch
daran, dass Herr Sanio aus meiner Sicht beißgehemmt agierte. Und so
lasse ich es jedenfalls nicht zu, dass sich einer nach dem anderen
bestens versorgt vom Acker macht und nachträglich noch an seiner
falschen Legende strickt.
Diese gesamte Finanzkrise konnte nur passieren, weil u.a. Leute wie
Sanio und die Bafin, immerhin die deutsche Bankenaufsicht, ihren Job
nicht ordentlich bis gar nicht gemacht haben. Insofern mag es
verwundern, wenn ich seit Langem ein Befürworter der Abschaffung
dieser Behörde bin. Dann würden wir wenigstens ein paar Millionen
einsparen und die Kleinen würden in Ruhe gelassen. Und umgekehrt
machen die Banken und Bankenvorstände doch eh, was sie wollen. Sie
haben sich inzwischen zu einem Staat im Staate entwickelt. Die zum
Teil die Gesetze dieses Landes nicht mehr respektieren und noch dazu
gegen ihre eigenen Kunden wetten und agieren. „Misleading of
Clients“ nennt der unerschrockene US-Senator Carl Levin das dann auf
neudeutsch. Wobei ich mich immerzu frage, wo denn die deutschen
Levins geblieben sind? Da herrscht gähnende Leere im politischen
Berlin.
Wobei wir Steuerzahler diese Banken, sei es über die Soffin oder die
Bad Notenbank EZB oder den EFSF/ESM gerettet haben und weiter
retten. Und sich bis heute keiner der Betroffenen bei uns dem
Steuerzahler bedankt hat. Das nehme ich Euch, die ihr das sicher
auch zu Ohren bekommt, besonders übel.
Ich bin mal gespannt, wie lange diese Pflichtversäumnisse unser
Staat noch aushält. Insbesondere dann, wenn die Zeiten schlechter
werden sollten. Und das werden sie.
Im Übrigen wurde nicht nur eine Chance, wie Sanio es sagte, sondern
eine ganze Armada aus Chancen verpasst. Aus einer Mischung aus
Unkenntnis, Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit sowie aus
individuellem Karrierestreben heraus.
Und so wartet man vergebens auf jemanden, der Ehre im Leib,
Verantwortungsgefühl und Pflichtbewusstsein zu seinen Tugenden
zählt. Mit denen man heute nicht mehr allzu weit kommen wird. Und
noch dazu die entsprechende Kompetenz mitbringt sowie jemanden, der
die Kraft hat, alte längst überholte Strukturen aufzubrechen und
Neues zu schaffen.
Von den Chancen eines „Yes we can“ sind die Amis inzwischen schon
selbst weit abgekommen. Als Deutscher und Europäer wagt man erst gar
nicht, solche verheißungsvolle Worte in den Mund zu nehmen. Wo doch
alternativ- und niveauloses Herumgefrickel, zuletzt in Form der
lediglich uns alle abzockenden, aber nichts strukturell ändernden
Finanztransaktionssteuer das Geschehen beherrscht.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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