In den Wirren der Schuldenkrise erweist sich Deutschland als
Stabilitätsanker der Eurozone. Doch was passiert, wenn
Griechenland scheitert? In einem offenen Brief an die Kanzlerin
schreibt Telebörse-Moderator Raimund Brichta, was Europa wirklich
blüht, wenn die Währungsunion zusammenbricht.
Liebe Angela Merkel! "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa."
Mit dieser Parole haben Sie in den vergangenen zwei Jahren im
Bundestag viel Geld für Euro-Schuldensünder - pardon, für Europas
Rettung - locker gemacht. Die Abgeordneten fanden das offenbar
überzeugend. Ich fand es, ehrlich gesagt, nicht. Denn ich fragte
mich, was Sie damit wohl meinen? Meinen Sie, ohne Euro würde die
gesamte Europäische Union zerfallen, würden alle ihre Einrichtungen
aufgelöst und zigtausend EU-Beamte entlassen? Bei aller Phantasie,
liebe Frau Merkel, aber das können vermutlich selbst Sie sich nicht
vorstellen, oder?
Vielleicht wollten Sie aber auch nur Angst schüren, um möglichst
viele Leute davon zu überzeugen, dass die Milliardenhilfen
alternativlos sind, wie Sie es gerne nennen? Diese Vermutung drängt
sich umso mehr auf, als Sie nicht einmal ansatzweise erläutert
haben, wie denn ein Scheitern Europas aussehen würde. Und für
diejenigen, denen bei der Vorstellung eines solchen Scheiterns nicht
schaurig genug wurde, legten Sie später noch eine Schippe drauf, als
Sie behaupteten: "Die Geschichte sagt uns: Länder, die eine
gemeinsame Währung haben, führen nie Krieg gegeneinander. Deshalb
ist der Euro viel, viel mehr als nur eine Währung.“
Der Euro also als eine Art Friedensgarant? Und müssten wir uns im
Umkehrschluss wieder vor Krieg fürchten, wenn der Euro stürbe?
Welchem Menschen könnte es angesichts einer solchen Gefahr schon auf
ein paar Milliarden zur Eurorettung ankommen? War es diese
Gefühlsregung, die Sie damit erwecken wollten? Wenn ja, hätten Sie
sich zumindest eine Nominierung für den Europäischen Märchenpreis
verdient. Denn schon Ihre Ausgangsbehauptung lässt sich durch
Ereignisse der jüngeren Vergangenheit widerlegen: So prallten etwa
im Sommer 1991 Jugoslawien und Slowenien im so genannten
10-Tage-Krieg aufeinander, obwohl sie in dieser Zeit noch eine
gemeinsame Währung hatten. Eine solche Blöße sollten Sie sich als
Kanzlerin eigentlich nicht geben.
Wäre es nicht besser, wenn Sie erst gar nicht so viel Angst vor
einem möglichen Aus des Euro schürten? Dann müssten Sie nämlich
später keinen Rückzieher machen, wenn es tatsächlich einmal so weit
käme. Denn warum sollten wir ohne Euro nicht weiterhin so
erquicklich mit unseren EU-Partnern zusammenarbeiten wie in den
Jahren vor seiner Einführung? So, wie wir es im Übrigen auch jetzt
noch mit denjenigen Partnern tun, die den Euro nicht eingeführt
haben, oder mit Nachbarn, die gar nicht zur EU gehören, wie die
Schweiz oder Norwegen. Mit anderen Worten: Je mehr Sie heute
dramatisieren, liebe Frau Merkel, desto stärker könnten Sie später
in Erklärungsnot geraten.
Was Laien beeindruckt
Dabei ist unbestritten, dass ein Zerfall des Euro wirtschaftliche
Spannungen mit sich brächte. Allerdings entlüde sich damit nur jener
Druck, der vom Euro selbst stammt, da er das Ventil der Wechselkurse
beseitigt hat, wie in meiner Kolumne Kalinikta Euro beschrieben.
Diesen Druck, liebe Frau Merkel, spüren auch Sie derzeit täglich. Er
beansprucht einen Großteil Ihrer Arbeitskraft. Und Sie haben ihn
ausgerechnet jenem Konstrukt zu verdanken, das Sie unter allen
Umständen erhalten wollen, weil es für Sie "viel, viel mehr als nur
eine Währung“ ist.
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Raimund Brichta, n-tv Telebörse |
Raimund Brichta moderiert seit 1992 die n-tv Telebörse - die älteste und populärste Börsensendung im deutschen Fernsehen. Außerdem ist der Diplom-Volkswirt als freier Wirtschaftsjournalist und Videoproduzent tätig. Bereits 1978 sammelte er seine ersten journalistischen Erfahrungen bei der Nachrichtenagentur VWD. In den neunziger Jahren baute er als Leiter der Wirtschaftsredaktion die Börsen- und Wirtschaftsberichterstattung von n-tv auf. Danach leitete er als Geschäftsführender Gesellschafter die Investor-Relations-Agentur "bv medien" und lernte dabei die andere Seite der Finanzkommunikation kennen, bevor es ihn wieder in den Journalismus und zu n-tv zurückzog.
Der leidenschaftliche Börsenfan, Jahrgang 1959, hat sich nicht nur als Moderator und Börsenreporter, sondern auch als Gastredner und Autor einen Namen gemacht. So hat er zum Beispiel einen nützlichen Leitfaden für Privatanleger sowie ein Buch über Medientraining für Manager geschrieben. Darüber hinaus ist Brichta Autor und Co-Produzent einer erfolgreichen Video-Edition für Privatanleger, die er auch moderiert.
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