Würde



11:27 30.01.12

Ich habe in meinem bisherigen Leben schon viel erlebt. Manche Höhen und auch Tiefen. Auch habe ich im Verlauf der Zeit selbst manchen Fehler gemacht. Sodass mich das Leben Bescheidenheit gelehrt hat. Und ich mit zunehmendem Alter etwas milder mit den Fehlern anderer umgehe. Aber eines geht mir noch immer mächtig auf den Senkel. Wenn Menschen etwas vorgeben, was sie erkennbar nicht haben oder sind und mich für dumm verkaufen wollen. Das hat für mich etwas mit Respekt zu tun. Und wenn es einen Wert gibt, der mit zunehmendem Lebensalter in meiner Wertschätzung steigt und den ich auch für mich einfordere, dann ist es Respekt. Und der zeigt sich dadurch, dass man seinen Gegenüber zunächst ernst nimmt und ihn nicht verarscht.

Wenn nun einer Person, Organisation oder Institution hoher Respekt zu Teil wird, weil dies von moralisch gutem bzw. sittlichem Handeln getragen wird, dann sprechen wir von Würde. Jedenfalls hat der große deutsche Philosoph Immanuel Kant das so gesehen. Friedrich Schiller sieht das in „Anmuth und Würde“ wie folgt: „Würde entstehe dann, wenn sich der Wille des Menschen über seinen Naturtrieb erhebe: „Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.“ Alle werden wir uns wohl darauf einigen, dass Würde weder allgemein definierbar noch konstant ist und wie alle Wertvorstellungen einem konstanten Wandel unterliegen. Wobei der Kern der Würde über alle zeitlichen Moden erhalten bleibt. Und jeder dafür ein gewisses Gespür hat.

Ich greife dieses „wert“-volle Thema aus gegebenem Anlass auf. So fordert zum einen Griechenland – man kann es in allen Zeitungen nachlesen - Respekt vor seiner Würde. Dann geht es um die Würde des für mich höchsten Amtes im Staat, des Bundespräsidenten. Wobei ich schockiert bin, dass es erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Durchsuchung im Bundespräsidialamt gab. Und schließlich stellt sich ebenfalls aus gegebenem Anlass die Frage, wie und ob wir Analysten uns bei der Bewertung von Unternehmen und dem Verfolgen von Renditezielen von Menschenrechten bzw. Verstößen beeinflussen lassen. Was auch mit Würde und zwar der eines jeden Menschen zu tun hat.

Kommen wir zunächst zu Griechenland. Dort wird ein Sparkommissar für Griechenland gefordert. Was für Widerspruch in Athen und der brüsken Zurückweisung führte. „Athen verlangt Respekt vor seiner Würde“, lese ich nun in einer großen Tageszeitung. Das finde ich interessant. Wobei diese Überschrift die Frage provoziert, wie viel Würde ein Land hat, das über Jahre hinweg über seine Verhältnisse lebte und so gut wie nichts für seine Unternehmens-Infrastruktur und seine Jugend getan hat, deshalb in größte Schwierigkeiten kam und nun bereits faktisch pleite ist? Nicht nur, dass dieses Land bis Ende März eine „kleine“, aber immerhin milliardenschwere Rate aufbringen muss. Es kommt noch dicker. Statt der 130 Mrd. Euro wollen Sie nun plötzlich 145 Mrd. Euro. Ich bin da ganz einfach gestrickt. Nach dem Motto: Wer nicht will, hat schon. Da wir in keiner Pflicht sind, schlage ich vor, dass wir dem Land die Alternative geben seine Insolvenz ohne unsere Hilfe über die Bühne zu bringen. Dann wollen wir mal sehen, wie viel Würde Griechenland am Ende hat.

Mindestens genau so traurig und auch schockierend ist, dass es der jetzige Amtsinhaber geschafft hat, dass das Bundespräsidialamt Gegenstand einer Hausdurchsuchung geworden ist. Was sind das nur für Leute, die sich mit solchen Personen wie Glaesecker umgeben und sie dann auch noch oberschlau, scheinbar politisch taktisch klug fallen lassen. Es scheint, dass Wulff das kommen sah und weil er um die Vorgänge rund um Herrn Glaesecker möglicherweise wusste, ihn in die Wüste schickte. Das finde ich persönlich in zweierlei Weise verwerflich und würdelos. Wenn mich einer in meiner Karriere begleitet und mir den Rücken freigehalten hat, dann kann der zu Recht von mir so etwas wie Dankbarkeit erwarten und dass ich ihn nicht fallen lasse, wenn es eng wird. Ganz gleich, was ich nun von dem halte, was da passiert ist. Wollen wir einen Bundespräsidenten, der um seines Vorteils willen bisherige Weggefährten und Freunde im Stich lässt? Und mindestens genauso würdelos ist die Art und Weise, dass dieser Bundespräsident meint, damit durchzukommen. Aber was eigentlich am schlimmsten ist, ist diese Respektlosigkeit, die ich jedenfalls seitens des amtierenden Bundespräsidenten verspüre, dass er mich für so blöd hält, dass ich das ganze billige, politische Spiel nicht durchschaue. Und die Bundeskanzlerin deckt das Ganze auch noch.

Als Letztes ist da noch das Thema „Menschenwürde“, mit dem wir unvermutet bei einer unserer Beinah-Empfehlungen (genannt Reservebank) konfrontiert wurden. Da meint der CEO der Want Want China Holdings, Eigner der China Times und Multimilliardär doch glatt, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in der Washington Post leugnen zu können. Was unglaublich ist. Wobei ich durchaus die Zwänge in solchen totalitären Regimen sehe. Und dennoch muss man nicht mit den Wölfen heulen. Schon gar nicht muss man sich ohne Not an Geschichtsverfälschungen beteiligen. Wir als wertorientiertes Unternehmen wollen so etwas weder direkt noch indirekt unterstützen und haben uns deswegen dem Boykottaufruf von Wang Dan, der seinerzeit vor Ort war, angeschlossen.

Es kann uns nicht egal sein, was Konzerne in anderen Teilen dieser Welt anrichten. Wir müssen endlich in der Finanzwirtschaft den Mut finden und auch die Kraft, Konzerne bei massiver Verletzung der Menschenrechte zu stellen und diese dort zu treffen, wo es ihnen am meisten wehtut. Und das ist nun mal auf der Kapitalseite. Wenn wir wertorientiert anlegen wollen, müssen wir auch Werte als Messlatte gelten lassen. Und vor allem nützt da schönes Reden nichts. Da muss man konkret werden. Für uns heißt das, dass wir zukünftig keine Unternehmen mehr empfehlen werden, die wegen Menschenrechtsverletzungen oder wie in diesem Fall der Leugnung Menschenrechtsverletzungen negativ aufgefallen sind. Damit leisten wir einen sicherlich kleinen und bescheidenen, aber immerhin einen konkreten Beitrag dazu, die Finanzwelt ein wenig besser zu machen. Wenn die Verletzung von Menschenrechten sich in die Bewertungsformeln von Unternehmen wiederfindet, wird es auch sehr schnell Schluss sein, mit der Ausbeutung der Menschen oder der Natur in den Entwicklungs- und auch Schwellenländern.

Würde. Was ist Würde? Wenn wir uns abends nach einem harten Arbeitstag ins Bett legen können und unseren Pflichten nachgekommen sind, soweit das möglich war. Und vor allem nicht nur ans Geldverdienen und die Karriere gedacht haben, sondern auch an unsere Bürgerpflichten und unsere Pflichten als Mensch der Schöpfung gegenüber.



Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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