Ich habe in meinem bisherigen Leben schon viel erlebt. Manche Höhen
und auch Tiefen. Auch habe ich im Verlauf der Zeit selbst manchen
Fehler gemacht. Sodass mich das Leben Bescheidenheit gelehrt hat.
Und ich mit zunehmendem Alter etwas milder mit den Fehlern anderer
umgehe. Aber eines geht mir noch immer mächtig auf den Senkel. Wenn
Menschen etwas vorgeben, was sie erkennbar nicht haben oder sind und
mich für dumm verkaufen wollen. Das hat für mich etwas mit Respekt
zu tun. Und wenn es einen Wert gibt, der mit zunehmendem Lebensalter
in meiner Wertschätzung steigt und den ich auch für mich einfordere,
dann ist es Respekt. Und der zeigt sich dadurch, dass man seinen
Gegenüber zunächst ernst nimmt und ihn nicht verarscht.
Wenn nun einer Person, Organisation oder Institution hoher Respekt
zu Teil wird, weil dies von moralisch gutem bzw. sittlichem Handeln
getragen wird, dann sprechen wir von Würde. Jedenfalls hat der große
deutsche Philosoph Immanuel Kant das so gesehen. Friedrich Schiller
sieht das in „Anmuth und Würde“ wie folgt: „Würde entstehe dann,
wenn sich der Wille des Menschen über seinen Naturtrieb erhebe:
„Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist
Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.“
Alle werden wir uns wohl darauf einigen, dass Würde weder allgemein
definierbar noch konstant ist und wie alle Wertvorstellungen einem
konstanten Wandel unterliegen. Wobei der Kern der Würde über alle
zeitlichen Moden erhalten bleibt. Und jeder dafür ein gewisses
Gespür hat.
Ich greife dieses „wert“-volle Thema aus gegebenem Anlass auf. So
fordert zum einen Griechenland – man kann es in allen Zeitungen
nachlesen - Respekt vor seiner Würde. Dann geht es um die Würde des
für mich höchsten Amtes im Staat, des Bundespräsidenten. Wobei ich
schockiert bin, dass es erstmals in der Geschichte der
Bundesrepublik eine Durchsuchung im Bundespräsidialamt gab. Und
schließlich stellt sich ebenfalls aus gegebenem Anlass die Frage,
wie und ob wir Analysten uns bei der Bewertung von Unternehmen und
dem Verfolgen von Renditezielen von Menschenrechten bzw. Verstößen
beeinflussen lassen. Was auch mit Würde und zwar der eines jeden
Menschen zu tun hat.
Kommen wir zunächst zu Griechenland. Dort wird ein Sparkommissar für
Griechenland gefordert. Was für Widerspruch in Athen und der brüsken
Zurückweisung führte. „Athen verlangt Respekt vor seiner Würde“,
lese ich nun in einer großen Tageszeitung. Das finde ich
interessant. Wobei diese Überschrift die Frage provoziert, wie viel
Würde ein Land hat, das über Jahre hinweg über seine Verhältnisse
lebte und so gut wie nichts für seine Unternehmens-Infrastruktur und
seine Jugend getan hat, deshalb in größte Schwierigkeiten kam und
nun bereits faktisch pleite ist? Nicht nur, dass dieses Land bis
Ende März eine „kleine“, aber immerhin milliardenschwere Rate
aufbringen muss. Es kommt noch dicker. Statt der 130 Mrd. Euro
wollen Sie nun plötzlich 145 Mrd. Euro. Ich bin da ganz einfach
gestrickt. Nach dem Motto: Wer nicht will, hat schon. Da wir in
keiner Pflicht sind, schlage ich vor, dass wir dem Land die
Alternative geben seine Insolvenz ohne unsere Hilfe über die Bühne
zu bringen. Dann wollen wir mal sehen, wie viel Würde Griechenland
am Ende hat.
Mindestens genau so traurig und auch schockierend ist, dass es der
jetzige Amtsinhaber geschafft hat, dass das Bundespräsidialamt
Gegenstand einer Hausdurchsuchung geworden ist. Was sind das nur für
Leute, die sich mit solchen Personen wie Glaesecker umgeben und sie
dann auch noch oberschlau, scheinbar politisch taktisch klug fallen
lassen. Es scheint, dass Wulff das kommen sah und weil er um die
Vorgänge rund um Herrn Glaesecker möglicherweise wusste, ihn in die
Wüste schickte. Das finde ich persönlich in zweierlei Weise
verwerflich und würdelos. Wenn mich einer in meiner Karriere
begleitet und mir den Rücken freigehalten hat, dann kann der zu
Recht von mir so etwas wie Dankbarkeit erwarten und dass ich ihn
nicht fallen lasse, wenn es eng wird. Ganz gleich, was ich nun von
dem halte, was da passiert ist. Wollen wir einen Bundespräsidenten,
der um seines Vorteils willen bisherige Weggefährten und Freunde im
Stich lässt? Und mindestens genauso würdelos ist die Art und Weise,
dass dieser Bundespräsident meint, damit durchzukommen. Aber was
eigentlich am schlimmsten ist, ist diese Respektlosigkeit, die ich
jedenfalls seitens des amtierenden Bundespräsidenten verspüre, dass
er mich für so blöd hält, dass ich das ganze billige, politische
Spiel nicht durchschaue. Und die Bundeskanzlerin deckt das Ganze
auch noch.
Als Letztes ist da noch das Thema „Menschenwürde“, mit dem wir
unvermutet bei einer unserer Beinah-Empfehlungen (genannt
Reservebank) konfrontiert wurden. Da meint der CEO der Want Want
China Holdings, Eigner der China Times und Multimilliardär doch
glatt, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in der
Washington Post leugnen zu können. Was unglaublich ist. Wobei ich
durchaus die Zwänge in solchen totalitären Regimen sehe. Und dennoch
muss man nicht mit den Wölfen heulen. Schon gar nicht muss man sich
ohne Not an Geschichtsverfälschungen beteiligen. Wir als
wertorientiertes Unternehmen wollen so etwas weder direkt noch
indirekt unterstützen und haben uns deswegen dem Boykottaufruf von
Wang Dan, der seinerzeit vor Ort war, angeschlossen.
Es kann uns nicht egal sein, was Konzerne in anderen Teilen dieser
Welt anrichten. Wir müssen endlich in der Finanzwirtschaft den Mut
finden und auch die Kraft, Konzerne bei massiver Verletzung der
Menschenrechte zu stellen und diese dort zu treffen, wo es ihnen am
meisten wehtut. Und das ist nun mal auf der Kapitalseite. Wenn wir
wertorientiert anlegen wollen, müssen wir auch Werte als Messlatte
gelten lassen. Und vor allem nützt da schönes Reden nichts. Da muss
man konkret werden. Für uns heißt das, dass wir zukünftig keine
Unternehmen mehr empfehlen werden, die wegen
Menschenrechtsverletzungen oder wie in diesem Fall der Leugnung
Menschenrechtsverletzungen negativ aufgefallen sind. Damit leisten
wir einen sicherlich kleinen und bescheidenen, aber immerhin einen
konkreten Beitrag dazu, die Finanzwelt ein wenig besser zu machen.
Wenn die Verletzung von Menschenrechten sich in die
Bewertungsformeln von Unternehmen wiederfindet, wird es auch sehr
schnell Schluss sein, mit der Ausbeutung der Menschen oder der Natur
in den Entwicklungs- und auch Schwellenländern.
Würde. Was ist Würde? Wenn wir uns abends nach einem harten
Arbeitstag ins Bett legen können und unseren Pflichten nachgekommen
sind, soweit das möglich war. Und vor allem nicht nur ans
Geldverdienen und die Karriere gedacht haben, sondern auch an unsere
Bürgerpflichten und unsere Pflichten als Mensch der Schöpfung
gegenüber.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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