Geldpolitisches Verbrechen



14:30 31.01.12

Da wir heute die Telefonanlage auf einen anderen Anbieter umgestellt haben, komme ich erst jetzt, wo alles halbwegs wieder funktioniert, dazu Ihnen meine Kolumne zu präsentieren.

Gerade habe ich die jüngsten Meldungen gelesen. Und das, was ich da lesen muss, erschüttert mich bis ins Mark. Was die Bad Notenbank EZB und Herr Draghi als ihr Präsident da vorhaben, ist – falls es nur ansatzweise so kommen sollte – ein geldpolitisches Verbrechen sondergleichen.

Waren die 500 Mrd. Euro vor Weihnachten nach dem trichtet‘schen Sündenfall überhaupt Staatsanleihen aufzukaufen schon verantwortungslos, so ist die jetzt gehandelte zusätzliche Summe von bis zu einer Billion Euro jenseits von Gut und Böse. Statt endlich die strukturellen Probleme - auch und gerade im Banksektor anzugehen - wird wieder einmal der einfachere Weg über das Anwerfen der Gelddruckmaschinen gewählt. Insofern frage ich mich persönlich, ob Herr Draghi und die Herren in der Bad Notenbank EZB noch alle im Stübchen haben. Das kommt davon, wenn man ehemaliges Führungspersonal von Goldman Sachs und die aus Weichwährungsländern an solche verantwortungsvolle Posten lässt. Ich habe davor letztes Jahr gewarnt. Wobei ich schon damals einer der schärfsten Kritiker von Herrn Trichet war.

Ich kann wiederholt nur warnen. Wie wurde doch Greenspan mit seiner ungehemmt expansiven und verantwortungslosen Geldpolitik in den Himmel gehoben. Gebüßt haben wir es später alle über gigantische Blasenbildungen. New Economy und auch die Finanzkrise wären ohne eine solch expansive Geldpolitik nicht passiert. Und so möchte ich mir gar nicht die Verwerfungen vorstellen, die in ein paar Jahren weltweit passieren. Eines ist aber sicher. Das meine sehr verehrten Anleger werden wir alle erst einmal über steigende Kurse feiern. Insofern könnte ich mich jetzt, der gerade einen Aktienfonds aufgelegt hat, hinstellen und mich freuen und die Schnauze halten. Nach dem Motto; Nach mir die Sintflut.

Weil ich aber ansatzweise ahne, was für einen Absturz es in ein paar Jahren geben wird, dessen Ausmaße ich jedenfalls noch nicht erlebt haben – weil wir letztlich derzeit unsere Probleme alle zu Lasten der jungen Generation in die Zukunft schieben, statt sie zu lösen und ich das ablehne - tue ich das nicht. Und protestiere als Vorstand und Diplom-Volkswirt dagegen auf das Entschiedenste. Wohl wissend, dass dies wenig, bis nichts bewirken wird. Und so ist Europa wohl derzeit dabei, einen großen Fehler mit historischen Ausmaßen zu begehen. Und obwohl ich sonst nicht die Zukunft deute und das Glaskugel lesen anderen überlasse, so tue ich es diesmal doch, weil es nach den Regeln der Volkswirtschaft eine mathematische Gewissheit ist. Europa wird für diese geldpolitischen und wirtschaftlichen Versäumnisse büßen. Und zwar bitter. Da bin ich mir absolut sicher. Man wird eines Tages auf diese Zeiten zurückschauen und sich fragen, wie man es so weit hat kommen lassen können. Und wieso niemand dem ganzen Einhalt geboten hat. Wir werden uns vor der jungen Generation rechtfertigen müssen!

Jetzt höre ich schon die neunmal Klugen um die Ecke kommen und sagen, dass das doch alles nicht so schlimm sei. Und der heute verkündete Inflationsrückgang doch zeige, dass Pessimisten (wobei für mich immer das Glas halb voll anstatt halb leer ist) wie ich, die schon vor zwei drei Jahren die Inflation an die Wand malten, doch im Unrecht gewesen wären und sein werde. Insbesondere und vor allem solange die Bad Notenbank EZB die Gelder wieder einsammelt. Was sie derzeit tut. Und die Konjunktur rückläufig ist.

Ich bezweifle aber, dass sie das dauerhaft kann. Momentan ist es natürlich keine Hexerei. Da eine Bank der anderen nicht vertraut (ein Zustand, den offenbar gar keinen mehr zu beängstigen scheint), ist das Ganze linke Tasche rechte Tasche. Die Banken nehmen die Geldmenge dankbar entgegen und geben sie über Nacht gleich wieder an die Bad Notenbank EZB zurück. Deshalb die Rekordsummen der Übernachtgelder. Von etwas risikoreicher aufgestellten Banken wird das Geld vielleicht noch in Staatsanleihen gesteckt, wobei die Wette in Richtung Gesundung und Reduzierung der Staatsverschuldung geht. Wobei wir Letzteres wohlgemerkt, bisher noch nie gesehen haben. Bisher stiegen die Schulden selbst in Deutschland immer weiter an. Und jedes Mal war die Ausrede die, dass wir vor historischen Aufgaben stehen. Das Problem ist nur, dass die Historie uns immer wieder vor historische Aufgaben stellen wird. Und ein Ende wohl nicht in Sicht ist. Insbesondere in Zeiten, wo sich die wirtschaftlichen Gewichte aufgrund der Globalisierung so erratisch verschieben wie derzeit.

Jetzt malen wir doch einfach einmal ein gar nicht so unrealistisches Szenario an die Wand. Die europäischen Staaten schaffen es einfach nicht zu sparen. Was mich angesichts der momentanen Politiker, die viel reden, aber wenig handeln, nicht wundern würde. Was werden die wohl tun, wenn das Volk auf die Straße geht, wie jetzt in Griechenland? Dann haben wir das Thema Systembanken, das strukturell immer noch einer Lösung harrt, wieder auf der Matte. Dann aber in einem wesentlich gewaltigeren Umfang. Wollen wir dann 10, 20 Billionen und mehr ins System schieben? Mit einer Jugendarbeitslosigkeit von dann vielleicht 40% im Schnit? Da braucht es nicht viel Vorstellungskraft, was dann mit Europa und Deutschland passiert.

Insofern ist das, wovon jetzt nur gesprochen wird, schlicht unverantwortlich. Sie sehen mich absolut entsetzt. Weil selbst ich mir das in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte. Trotz Trichet, Draghi, Juncker, Merkel und Sarkozy. Das ist die Abdankung Europas. Und eine starke Machtverschiebung hin zu den Banken. Honi soit qui mal y pense. Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt.

Wie sagte doch Albert Einstein:



"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."

Nie war ich Albert Einstein näher als heute.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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