Smart Investor Weekly 5/2012
Das Geld anderer Leute - Wahn und Wirklichkeit in der EU
Wieder einmal, wir haben aufgehört mitzuzählen, feiern sich die
Teilnehmer eines Euro-Krisengipfels für ihre Heldentaten. Diesmal
also wurde der sogenannte Fiskalpakt beschlossen, an dem 25 von 27
EU-Ländern teilnehmen wollen.
Der zweite Teil der Geschichte
Einzig London und Prag verweigern sich der neuen Sparsamkeit. Aber
blicken wir kurz zurück: Das Gros der Euro-Länder hat mehrfach
oder gar dauerhaft die Maastricht-Kriterien (Staatsverschuldung
max. 60% des Bruttoinlandsprodukts (BIP), Neuverschuldung max. 3%
des BIP) verletzt. Da Deutschland das erste Land war, das hier
schluderte, wird ihm heute für diese Vorreiterrolle eine gehörige
Mitschuld an der europäischen Schuldenmalaise angedichtet.
Offenbar, weil sich alle so sehr an Deutschland orientierten, dass
sie nichts Eiligeres zu tun hatten, als uns unmittelbar
nachzueifern. Dabei wird der zweite Teil der Geschichte
geflissentlich übersehen: Deutschland ist in der Folge eben nicht
mit aufgehaltener Hand bei den Nachbarn vorstellig geworden um
Solidarität einzufordern. Stattdessen hat sich unser Land aus -
böses Wort - eigener Anstrengung wieder auf Maastricht-Kurs
gebracht. Dass die Früchte jener Anstrengung nun fest im Visier
der Brüsseler Umverteilungsbürokratie sind, entspricht der Logik
dieses Apparats.
Bestechende Logik
Nach EU-Recht gab es zudem eine weitere Grenze: Das "strukturelle
Defizit" eines Mitgliedslandes durfte die Grenze von 1% des BIP
nicht übersteigen. Das tat es trotzdem, wenn auch nicht gerne, so
doch oft. Die bestechende Logik der Unterzeichner des
"Fiskalpakts": Da das Kriterium ohnehin gerissen wird, kann man
sich auch auf ein ambitioniertes Ziel, wie eine halbierte Grenze
von 0,5% einigen - das sieht wenigstens gut aus. Teil des
"Fiskalpakts" sind daneben Schuldenbremsen, die "verpflichtend" in
nationales Recht umgesetzt werden müssen. Und wer nicht genau
weiß, wie so eine Schuldenbremse funktioniert, der möge seinen
Blick Richtung USA wenden: Die dortige Schuldenbremse wurde in
ihrer Geschichte schon mehr als 50mal angehoben, weshalb sie auch
durchgängig eingehalten werden konnte. Ein schöner Erfolg, der
aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass derartige Grenzen im
Wesentlichen Ausgabendisziplin vortäuschen, wo diese tatsächlich
nicht gegeben ist. Andererseits: Jetzt, wo so feste gespart werden
soll, wurde die deutsche Forderung nach einem Sparkommissar
schlicht überflüssig. Kommissare müffeln ja ohnehin immer ein
bisschen nach Sowjetunion. Außerdem ließ man aus Griechenland
wissen, dass Stolz und Ehre des griechischen Volkes einer
Beaufsichtigung entgegenstünden. Das scheint uns allerdings
weniger ein Phänomen der griechischen Volks, als eines der Politik
zu sein, die ja auch anderenorts häufig zu stolz ist, um sich auf
die Finger schauen zu lassen und allenfalls diesen Stolz ein wenig
bändigen kann, wenn es darum geht, vom Geld anderer Leute zu
leben.
Auf Dauer
Wozu aber die ganze Mühe?! Weil auf dem Gipfel nämlich nicht nur
furchtbar viel vom Sparen geredet wurde, sondern weil man sich so
ganz nebenbei darauf verständigt hat, richtig viel Geld
auszugeben. Der sogenannte Europäischen Stabilitätsmechanismus
(ESM), der freilich besser OPM hieße (=Others People Money - Das
Geld anderer Leute) ist ein Vehikel, mit dem die Menschen
insbesondere in Deutschland zwangsverpflichtet werden sollen,
kulturelle Errungenschaften anderer Länder, wie Korruption und
Misswirtschaft auf Dauer zu finanzieren. Wir nennen dies
europäische Solidarität. Ohnehin hören wir allerorten, dass sich
Deutschland nicht so anstellen solle, denn Sparen sei schließlich
der falsche Weg. Nur Schulden, so lehrt die Erfahrung, machen
reich, schön und glücklich. Das Startvolumen des ESM wird zwar
dennoch "nur" die von Deutschland maximal zugestandenen 500 Mrd.
Euro umfassen (interessant, wie preiswert das klingt, wenn man
zuvor über Billionen fabuliert hat). Diese freundliche Geste fällt
den Nehmerländern jedoch deshalb so leicht, weil das Volumen wohl
schon bald erhöht werden dürfte. Das wesentliche Ergebnis war
aber, dass man den ESM nun offiziell um ein Jahr auf Juli 2012
vorziehen will, offenbar weil man muss. Die EU und der Euro haben
mittlerweile so viel Schlagseite bekommen, dass einem
unwillkürlich die Bilder der havarierten und bewegungsunfähigen
"Costa Concordia" in den Sinn kommen. Wenn die EU ein Staat wäre,
dann wäre dieses Schiff ihr Nationalsymbol. Allerdings: Hätten die
Staats- und Regierungschefs der EU auf der Brücke das Kommando
gehabt, sie wären wohl nicht in die Rettungsboote gefallen. Der
Verbleib auf "unserem Schiff" wäre so alternativlos gewesen, dass
es gar keiner Rettungsboote oder Schwimmwesten an Bord bedurft
hätte. "Rettung" hätte dann so ausgesehen, dass das schwer
beschädigte Schiff soweit wie möglich aufs offene Meer
hinausgesteuert worden wäre. Schließlich hatte man just gelernt,
wie gefährlich es in Küstennähe ist und Fluchtversuche wären vor
diesem Hintergrund tatsächlich "undenkbar".
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Fundstück
Ein interessantes Fundstück erreichte uns heute Morgen zur
lateinischen Münzunion, die 1865 zwischen Frankreich, Belgien,
Italien, der Schweiz und Griechenland gegründet wurde. Sie
zerbrach mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Der amerikanische
Finanzexperte Henry Parker Willis (1874 - 1937) bezeichnete den
Beitritt Griechenlands aufgrund der dort herrschenden
Misswirtschaft und Korruption als grundlegende Fehlentscheidung.
Offenbar taten sich Ökonomen schon damals schwer mit praktisch
gelebter Solidarität; ähnlich schwer wie die Politik, auch nur
einen Fußbreit auf der Lernkurve voranzukommen.
Zu den Märkten
Die nach wie vor zahlreich vorhandenen Bären haben derzeit nicht
viel Spaß. Die Börsen laufen und laufen - und wir haben nicht den
Eindruck, dass dies abrupt aufhören würde. Wir geben diesem
Bullensturm noch einige Wochen, bevor er sich erschöpft. Wie Sie
dem aktuellen Heft 2/2012 (welches in den meisten Fällen am
Wochenende ausgeliefert wurde; zumindest im Inland) entnehmen
können, sind wir gerade dabei unser Crack-up-Boom-Szenario zu
modifizieren. Der jetzige schnelle Aktienbörsen-Anstieg so wie die
immer wahrscheinlicher werdende Rezession in Europa veranlassen
uns zu dieser Modifikation. Mehr dazu im "Großen Bild" im neuen
Heft 2/2012 ab. S. 49. Diese Modifikation werden wir auch in den
kommenden Heften noch deutlich herausarbeiten. Einen Vorgeschmack
darauf gibt ein Interview, welches Frank Meyer von der Metallwoche
vor wenigen Tagen mit Ralf Flierl geführt hat:
http://www.metallwoche.de/der-crack-up-boom-eine-hausse-zum-furchten/
Preiserhöhung
Mit der Auslieferung der Februar-Ausgabe (2/2012)
erhielten/erhalten alle Abonnenten die Ankündigung für eine
Preiserhöhung ab der kommenden März-Ausgabe (3/2012). Statt 4 EUR
wird das Heft im Abo zukünftig 5,34 EUR kosten. Die ersten
Reaktionen darauf reichen von "Das geht gar nicht!" bis "?wurde ja
endlich Zeit, dass Ihr die Preise erhöht".
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Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
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