In letzter Zeit passiert es mir immer häufiger, dass ich hier sitze,
die Nachrichten lese und nicht glauben kann, was ich da lese. Dabei
wundere ich mich zunehmend, dass die Menschen um mich herum, in
Deutschland und Europa dies alles so kritiklos hinnehmen und ohne
Widerspruch, gar Widerstand über sich ergehen lassen. Da wir mit
Ungeheuerlichkeiten und auch Rechtsbrüchen konfrontiert werden, die
ihresgleichen suchen.
So verfolgte ich gestern mit großem Interesse bei Maybritt Illner
das Aufeinandertreffen des deutschen EU-Parlamentspräsidenten und
SPD-Politikers Martin Schulz und des einstigen slowakischen
Parlamentspräsidenten und ESFS/ESM-Ablehner Martin Sulik, über
dessen Weigerung die dortige Regierungskoalition zerbrach. Es war
schon sehr interessant mit anzusehen, wie die Sachargumente von
Herrn Sulik mit Emotionalität, persönlichen Angriffen und
Sprechblasen unsachlich geradezu herabgewürdigt und negiert wurden.
Denn alles, was Herr Sulik sagte, hatte Sinn und Verstand. Er wies
auf die europäischen Verträge hin, welche die Souveränität der
einzelnen Mitgliedsstaaten festschreiben und die explizit ein
Eintreten für die Schulden eines anderen Staates ausschließen. Er
verwies ferner auf die Anstrengungen seines Landes und fragt, warum
sein Land für Griechenland zahlen soll, wo die sich eine um den
Faktor 10 größere Armee leisten (relativ zu der Bevölkerungszahl)
und diese auch höhere Gehälter als in der Slowakei zahlen. Dann
verwies er, als Schulz wieder mit den Eurobonds ankam, dass doch
Griechenland schon einmal beim Einstieg in den Euro von niedrigen
Zinsen profitiert hätte und dort enorme Milliardenhilfen für den
Aufbau der Infrastruktur und Wirtschaft bekommen hätte. Er stellte
die berechtigte Frage, wo das Geld denn hingeflossen sei? Dann
verwies er auf die enormen Kürzungen der Gehälter, die man dem
griechischen Volk zumutet und gab zu Bedenken, dass dies bei
Wiedereinführung der Drachme eben nicht so dramatisch ausfallen
müsste. Diese Argumentation war in sich absolut schlüssig, basierte
auf dem Gedanken, dass Verträge und Recht auch in schwierigen Zeiten
eingehalten werden müssten und keinesfalls in irgendeiner Form
radial oder gar rassistisch. Vernünftig eben!
Nun würde man meinen, dass ein Präsident des Europäischen Parlaments
zumindest dem Hinweis auf die Rechtstreue folgen würde. Wobei zu
meinem großen Erstaunen die Rechtsverstöße von Herrn Schulz einfach
so hingenommen wurden, ja als notwendig erachtet wurden. Solidarität
wurde angemahnt, dem Recht voran gestellt und auf die Hilfe
Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg verwiesen.
Für mich ist das, was Herr Schulz von sich gab, blanker
Machiavellismus. Im Machiavellismus, der sich als politischer
Realismus in seiner konsequentesten Form versteht, werden die
Kategorien Wahr und Gut im Handeln ausgeschaltet und auf die der
Nützlichkeit reduziert. Dabei wird der unkontrollierte Machtgebrauch
zelebriert. Diejenige Macht und Herrschaft gilt als die „beste“ oder
„geeignetste“, in der das politische Ziel des oder der Herrschenden
adäquat verwirklicht wird. Als allgemeines Prinzip gilt somit: „Der
Zweck heiligt die Mittel.“
Wie sie unschwer erkennen können, ist das aber das Gegenteil von
einem Rechtsstaat, in dem das Recht oberste Priorität genießt. Hier
heiligt der Zweck eben nicht die Mittel. Und so müssen wir uns alle
fragen, wie weit wir es mit den Rechtsbrüchen (No-Bail Out;
Maastricht Vertrag) und Satzungsbrüchen (Staatsanleihenkäufe der Bad
Notenbank EZB) treiben wollen. Vor allem aber stelle ich mir die
Frage, was wir – Gott bewahre uns davor – anderen weniger
freiheitlich gesinnten Kräften entgegenhalten, die möglicherweise in
Europa eines Tages anwachsen, wenn die ebenfalls Recht brechen und
auf die jetzige Situation verweisen? Da werden uns wohl die
Argumente ausgehen. Der große deutsche Philosoph Sloterdijk hat mir
in einem Gespräch, auf meine Klage, dass es so schwer ist, die von
mir kritisierten Ungerechtigkeiten im System und die alles
aufhaltende Bürokratie zu ändern, sehr weise und klug geantwortet,
dass das richtig und möglicherweise ärgerlich sei, dass dies aber
auch für Kräfte gelte, die weniger demokratiefreundlich sind. Und
aus diesem Aspekt heraus, wiederum sein Gutes hätte. Insofern sollte
uns der lotterhafte Umgang mit dem Recht in Europa große Sorgen
machen.
Wie traurig unser zum Stierlein verkommene Europa heute dasteht,
sieht man auch daran, dass die Kanzlerin im totalitären, die
Menschenrechte mit Füßen tretenden China für unser Europa auf
Betteltour gehen muss. Und sich von den in Wirtschaftsfragen klugen
und sehr auf ihren Vorteil bedachten Chinesen natürlich eine Abfuhr
einhandelte. Den Preis, den China für eine solche Hilfe haben will,
den können wir nicht zahlen wollen. Aus reiner Selbstachtung heraus.
Das sage ich schon jetzt, ohne dass ich weiß, was da in den
Hinterzimmern besprochen wurde. Und so stellt sich mir die Frage,
warum wir es so weit kommen ließen, dass wir bei Diktaturen um Hilfe
betteln müssen? Warum wir die Werte, die Europa zugrunde liegen,
wieder und wieder verraten? Wir müssen wieder zurück, zu dem, was
Europa ausmacht.
Aber diese ganze Verlogenheit geht ja im Großen wie im Kleinen
weiter. Unser Bundespräsident bzw. die First Lady, die beide doch
die Pressefreiheit angeblich so achten, gehen jetzt sogar mit einer
einstweiligen Verfügung gegen die Berichterstattung um den
Audi-Privatwagen vor. Wegen gezielter Falschberichterstattung. Wann
gab es das zuletzt? Ich kann mich nicht erinnern. Wäre es nicht
besser und ein möglicher Befreiungsschlag, dass er sich für die
Einhaltung der Werte und Gesetze in Europa ins Zeug und dort quer
legt?
Wobei ich es schon Klasse finde, dass unsere Saubermann von den
Grünen, Herr Özedmir, nicht gewusst haben will, dass das Ticket für
das Fußballspiel Barcelona gegen Real Madrid, das ihm vom
Eventmanager Schmidt in Rechnung gestellt wurde, viel teurer gewesen
sei. Wo man das doch an jeder Kasse und auch im Internet einfach
nachprüfen kann. Bin ich denn der einzige in diesem Land, der seine
Tickets selbst kauft und nicht kaufen lässt? Will Özdemir uns denn
nach seiner Miles & More Affäre schon wieder auf den Arm nehmen?
Wie verlogen die gegenwärtige Politik in Wirtschaftsfragen ist,
zeigt ein Artikel der hiesigen Regionalzeitung mit der Überschrift
„Wer fair bezahlt, hat kaum eine Chance“. Während fast alle Parteien
und Politiker mit großem moralischen Impetus Mindestlöhne fordern
und Menschen ins Abseits stellen, die aus guten wirtschaftlichen
Gründen dagegen sind, achtet der Staat, angefangen unten bei den
Kommunen, diesem Artikel zufolge bei der öffentlichen
Auftragsvergabe –und zwar über alle Parteigrenzen hinweg - allzu oft
nicht auf die Einhaltung der tariflichen Mindeststandards. „Meist
erhält der billigste Anbieter den Zuschlag, auch wenn er seine
Beschäftigte mit Hungerlöhnen abspeist“, muss ich da leider lesen
und weiß das natürlich auch aus eigener Anschauung. Aber in
Talkshows und sonst das Maul weit aufreißen. Wie wäre es da mit
etwas mehr Aufrichtigkeit?
In der gleichen Zeitung lese ich auf der ersten Seite, dass eine
hiesige Biogas-Firma, die voll auf den Gesetzgeber vertraut und auf
Mais gesetzt hat, nach der Gesetzesänderung, die den Einsatz von
Mais- und Getreidekorn auf 60% Masseprozent reduzierte, wegen des
darauf folgenden dramatischen Auftragseinbruchs mit 200 Mitarbeitern
in die Pleite geht. Sozial ist das wohl nicht, oder?
Dies alles und andere Beispiele zeigen, dass der Gesetzgeber und
Politiker sich besser aus der Wirtschaft heraushalten, verlässliche
und mittelfristig, vor allem auch „beständige“ Rahmenbedingungen
erarbeiten und vielleicht auch einmal auf kritische Stimmen jenseits
des Mainstreams Rücksicht nehmen sollten.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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