Das Geziehe um Griechenland geht mir zunehmend auf den Zeiger. Wobei
das Vorgehen reichlich irritierend ist. Wenn es einen
Schuldenschnitt geben sollte, dann ist es doch nur logisch und
konsequent, dass der nicht nur von den Privaten, sondern auch von
den Öffentlichen geleistet werden muss. Sprich, da sind auch die Bad
Notenbank EZB und die Staaten mit im Boot. Dass die sich natürlich
sträuben, ist mir klar. Würde insbesondere die Bad Notenbank damit
doch Kritikern wie auch mir im Nachhinein recht geben, dass der Kauf
von Staatsanleihen nicht zu den Aufgaben einer Notenbank gehören
sollte. Und so wehrt sich Draghi (noch) so gut er kann. Aber auch
Merkel und Schäuble hätten ein Problem. Die haben vor zwei Jahren
betont, dass es sich bei Griechenland nur um Garantien handeln
würde. Wie schnell doch aus Garantien reale Belastungen werden
können? Da kann ich nur sagen. Trau schau wem!
Angesichts dessen wundern mich natürlich schon die hohen
Popularitätswerte unserer Bundeskanzlerin. War es nicht sie, die in
der Finanzkrise und im Fall Griechenland bis heute einen
Schlingerkurs par excellence gefahren ist und auch weiter fährt? War
es nicht sie, die Herrn Wulff als Bundespräsident vorgeschlagen hat?
Und auch jetzt in China machte sie angesichts des von den Chinesen
nicht zugelassenen Treffens mit Systemgegnern keine besonders gute
Figur. Menschenrechte gegen Europahilfen. Ist das die Politik, die
wir künftig gegenüber China betreiben wollen? Da werden wir aber
schnell den Kürzeren ziehen.
Jetzt zeigt sich recht deutlich, dass Versäumnisse in der
Vergangenheit ihre harte Konsequenz in der Gegenwart haben. Um so
unverständlicher ist es, dass wir nicht daraus lernen und z.B. die
Systemfrage bei den Banken weiter nicht gelöst wird. „Too big to
Fail“, ich kann es gar nicht oft genug wiederholen, ist weder mit
der Basel III noch mit der Finanztransaktionssteuer bisher
angegangen worden. Wobei wir inzwischen das Jahr Drei nach Ausbruch
der Finanzkrise schreiben. Übrigens bin ich da mit meinem
Unverständnis nicht allein. Auch der chinesische Staatspräsident Hu
Jintao mahnte entsprechende Maßnahmen an.
Und so ist einmal Zeit innezuhalten und zu fragen, was sich denn
seit damals strukturell zum Besseren gewendet hat?
Ich kann da außer Basel III, was wahrscheinlich wieder einmal
indirekt den Mittelstand treffen wird, nicht viel erblicken.
Im gesamten Bereich des Kapitalmarkts hat sich wenig bis nichts
getan. Die auf den Weg gebrachte Regulierung trifft wieder einmal
die Kleinen. Die Großen machen weiter wie zuvor. Statt mehr
Wettbewerb von unten wird der Vor-Finanzkrisen Status Quo
festgeschrieben. Es bleibt also im Finanzsektor weitestgehend alles
so wie es ist.
Vieles hat sich aber zum Schlechteren gewendet. Die Bad Notenbank
EZB hat dem Lender of Last Resort mit dem forcierten Abgang von
Weber und Stark endgültig die deutsche Stabilitätskultur
ausgetrieben. Und so kauft die munter weiter Staatsanleihen auf bzw.
vergibt großzügige „Geldgeschenke“ zum beinahe Nulltarif an Banken.
Da sind die Dinge, die man unserem Bundespräsidenten vorwirft, ein
Klacks dagegen.
Die No Bail out Klausel wurde ohne große Gegenwehr und unter Bruch
nicht nur eines Vertrags einfach in den Orkus der europäischen
Geschichte getreten. Souveränität von Staaten wurde neu definiert.
Beim Nehmen verzichtet man gerne darauf, beim Geben legt man Großen
Wert darauf. Auch retten wir jetzt jeden, der meint gerettet werden
zu müssen. Schließlich sind wir ja gute Europäer. Was man darunter
auch immer verstehen mag.
Auch die Ratingagenturen spielen ihr Spiel weiter wie zuvor. Als
wäre nichts gewesen.
Und die US-Investmentbanken drehen mit Facebook schon wieder an
einem großen Rad, dessen Antrieb im Verhältnis doch viel zu
unterdimensioniert ausfällt.
Die Occupy Wall Street Bewegung konnte mit rechtzeitiger politischer
Umarmung von allen Seiten auf Außenseiterniveau gehalten werden.
Wobei die Bewegung da auch ein Wenig selbst schuld dran ist. Nur
dagegen zu sein, reicht nicht. Statt gegen das gesamte System und
den bösen Kapitalismus anzurennen, hätte es genügt den Finger
dauerhaft in die Schwächen dessen zu legen. So hätte man es den
anderen auf dem Status Quo beharrenden nicht ganz so leicht gemacht.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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