Finanz Fukushima



10:38 09.02.12

Ich gönne mir jeden Morgen, nachdem ich alles gelesen habe, was zu lesen war und ich den Marktbericht, die Pressetour und die Kolumne geschrieben und veröffentlicht habe, den Luxus, eines kurzen Spaziergangs raus auf die Felder. Manchmal begleitet mich meine Frau, wenn sie nicht gerade zu tun hat und stets mein in die Jahre gekommener, mittlerweile von Alterserscheinungen gezeichneter alter Hund.

Auf so einem Spaziergang kamen meine Frau und ich auf die zahlreichen Ungerechtigkeiten zu sprechen, denen wir in diesem Land ausgesetzt sind. Ich weiß nicht, wie wir drauf kamen, aber plötzlich sprachen wir über das Thema Energiepolitik mit dem in großer Hektik vollzogenen Atomausstieg und der gigantischen Förderung der Erneuerbaren Energien, die jede Familie in Zukunft über stark steigende Energiekosten noch mehr spüren wird, als es ihnen lieb ist. Und deren Weiterleitung aufgrund des nicht vorhanden Stromnetzes nicht gesichert ist. Gleichzeitig stellten wir fest, wie schwer es doch war und wie viel Anstrengungen es kostete, sich im Finanzbereich mit einem vollkommen neuen und sehr innovativen Ansatz halbwegs zu etablieren. In einem Geistesblitz drängten sich mir folgende Gedanken auf, von denen ich Sie gerne unterrichten möchte.

In letzter Zeit lese ich zunehmend Positives über Japan. Was mich persönlich, der ich in unserem Value Börsenbrief den Schwerpunkt Japan gesetzt habe, nicht wundert. Japan war in 2011 von einer der größten Katastrophen gekennzeichnet, die man sich denken kann. Ein heftiges Erdbeben mit anschließendem Tsunami. Und obendrauf noch das Fukushima-Desaster. Mit welch hoher Disziplin und hohem Einsatz das japanische Volk diese Katastrophe weggesteckt hat und den Wiederaufbau angeht, nötigt mir einen enormen Respekt ab. Das soll aber heute nicht das Thema sein.

Mir geht es um den möglicherweise etwas hinkenden, aber nicht ganz unzuverlässigen Vergleich zweier Katastrophen bzw. zweier Sachverhalte, die man, wenn man sie denn abstrahiert, nebeneinanderstellen kann und dann interessanterweise ihre vollkommen unterschiedlich Behandlungsweise erkennt. Was meines Erachtens bei tiefgründiger Betrachtung so nicht in Ordnung ist.

Ich meine einmal das Abschiednehmen von der Atomenergie, welches über die Fukushima-Katastrophe katalysiert wurde und zum übereilten Atomausstieg führte. Und das Finanz-Fukushima, worunter ich die Finanzkrise 2008 verstehe, die im Gegensatz und weit über Fukushima hinaus, die ganze Welt in Mitleidenschaft zog. Schon jetzt verweise ich darauf, wie unterschiedlich die Politik darauf reagierte, was im Grunde genommen sehr schwer verständlich ist.

In Deutschland werden die Erneuerbaren Energien seit Jahren, ja Jahrzehnten mit Milliardenschweren Subventionen gefördert. Das haben wir vor allem auch den Grünen zu verdanken, die seinerzeit aus der AKW-Bewegung hervorgingen. Man kann dazu stehen, wie man will. Es ist auf jeden Fall ein Anliegen, das jeder Mensch nachvollziehen kann. Auch bleibt es das große Verdienst dieser Bewegung der Umwelt den hohen Stellenwert zurückgegeben zu haben, der ihr als Schöpfung zusteht. Demzufolge haben sich in diesem Bereich eine Menge an Unternehmen im Solarbereich und im Bereich der Windenergien entwickelt. Wobei die deshalb existieren konnten, weil sie aufgrund des hohen politischen Drucks massiv gefördert wurden. Nachhaltigkeit war und ist das Stichwort. Wobei Nachhaltigkeit jedenfalls im Wirtschaftlichen bedeutet, dass sich ein Unternehmen ohne Förderung aufgrund seiner Einnahmen und darunter liegenden Kosten selbst dauerhaft tragen kann. Der Gegner war von Anfang an klar. Die Atomkonzerne. Noch heute wird diese Gegnerschaft in Fernsehspots der Solarworld hochgehalten. Ob immer geglückt sei dahingestellt.

Nun möchte ich Sie bitten mir gedanklich zu folgen, wenn ich die Finanzwirtschaft mit der Atomwirtschaft vergleiche und die Reaktorenunfälle in Fukushima mit der Finanzkrise. Wobei Letzteres regional begrenzt war, wie übrigens auch Tschernobyl. Einigen können wir uns sicherlich darauf, dass wir in beiden Fällen am Rande einer großen Katastrophe standen.

Auf Fukushima hat die Regierungskoalition mit der Abschaltung der Atommeiler und dem beschleunigten Ausstieg aus der Atomenergie reagiert. Nach dem Motto koste es, was es wolle. Da gab es schnell einen großen Konsens.

Was aber ist im Finanzbereich passiert bzw. hätte passieren müssen? Wenn wir analog gehandelt hätten, hätten wir aus dem Bankenwesen, wie es derzeit aufgestellt ist, aussteigen müssen. Wir hätten alternativen und nachhaltigen Anbieter im Finanzmarkt mit Milliardenbeträgen fördern, die bürokratischen Hürden für diese beiseite räumen müssen und eine Restlaufzeit für Banken und Bankgeschäfte vereinbaren müssen. Was aber ist stattdessen geschehen?

Tatsächlich wurden und werden ganz im Gegensatz zu der Atombranche, diejenigen, die mit ihrem unethischen und unverantwortlichen Handeln die Welt an den Rand einer Katastrophe geführt haben und weswegen zahlreiche Menschen weltweit unter die Armutsgrenze gedrückt wurden und auch sterben mussten (übrigens zahlenmäßig weit mehr als in Fukushima oder Tschernobyl, nur nicht so bilderträchtig und medienwirksam, sondern einsam abseits der Kameras) sogar noch belohnt. Die Notenbanken schmeißen den Banken das Geld nur so hinterher. Die Bad Notenbank EZB hat vor Weihnachten 500 Mrd. Euro (!!!) zu 1% für 3 Jahre herausgereicht und will, soll man Gerüchten aus Expertenkreisen Glauben schenken, noch einmal mit bis zu 1 Billion Euro (!!!) weiter nachhelfen. Wobei die Absicht, die von der Politik betrieben wird, klar ist. Man will damit sich selbst, also die klammen Eurostaaten retten, die sich in hemmungsloser und unverantwortlicher Weise Jahre und Jahrzehntelang auf Kosten der jungen Generation verschuldet haben, retten.

Jetzt mache ich Sie einmal auf das aufmerksam, worüber gar keiner redet und nachdenkt und uns als Unternehmen, die wir eine andere bessere und nachhaltigere Finanzwelt wollen, zunehmend negativ aufstößt. Während den Newcomern bei den erneuerbaren Energien die Taschen mit garantierten Kilowattstundeneinnahmen und -abnahmen nur so vollgestopft wurden, müssen sich Unternehmen wie wir und auch andere nachhaltig orientierte Alternativanbieter selbst am Markt behaupten. Was ok ist. Weil eine soziale Marktwirtschaft, wie ich sie will, aufgrund des Wettbewerbsgedankens das nun mal so fordert.

Darüber beschweren wir uns nicht. Aber was uns mächtig auf den Senkel geht, ist, dass wir bei der Finanzierung auf diejenigen angewiesen sind, die den ganzen Scheiß angerichtet haben. Und die nachvollziehbarerweise keine große Lust verspüren da mehr zu tun als nötig. Wer päppelt schon gerne seine Konkurrenz auf? Und noch weit mehr auf den Senkel geht uns, dass wir nicht nur nicht gefördert werden, sondern der Konkurrenz auch noch mit Steuermitteln die Taschen vollgestopft wird und wir mit bürokratischen Hemmnissen klein gehalten und der faire Wettbewerb so quasi ausgeschaltet werden. Wobei keiner an die Hemmnisse heran geht. Oder haben Sie schon einen ernsthaften Vorschlag zur strukturellen Änderung des Bankwesens wahrgenommen?

Ich erkenne als Diplom-Volkswirt darin eine massive Wettbewerbsverzerrung, ja geradezu ein staatlich gefördertes Konkurrenzvernichtungsprogramm zu Lasten derjenigen, die eine andere Finanzwelt bauen wollen.

Wenn Sie nun glauben, dass da irgendwer eingreift, also z.B. die Wettbewerbsbehörde in diesem Lande wie das Kartellamt, dessen Aufgabe der Schutz des Wettbewerbs sein sollte, dann haben sie sich getäuscht. Hierzulande sind die Behörden gleichgeschaltet. Wenn man lesen muss, dass die Bafin, wohlgemerkt die Bundesaufsichtsbehörde für Finanzdienstleistung und ihre neue Chefin Elke König, vergangene Woche Entwarnung für die anstehende Kapitalerhöhung der Banken gibt, so frage ich mich, ob das wirklich ihre Aufgabe ist. Ich persönlich sehe das anders und würde dieser Behörde Beine machen. Lassen Sie sich nur einmal folgenden Satz von Frau König auf der Zunge zergehen:



„Aus den Plänen, die uns die Institute vorgelegt haben, geht hervor, dass es ihnen gelingen sollte, die von der EBA empfohlene Kapitalisierung aus eigener Kraft zu erreichen.“

Da weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Was heißt da aus eigener Kraft, wenn die Bad Notenbank EZB die Keller der Banken mit billigem Geld flutet? Und die Soffin reaktiviert wurde? Von den Bilanztricks, die man den Banken zugesteht, ganz abgesehen.

Daran mögen Sie erkennen, wie intelligent und effizient und vor allem auch clever Unternehmen wie wir, aber auch andere Newcomer sein müssen, damit sie sich in diesen verlotterten und total verzerrten Märkten durchsetzen und halten können und konnten. Das gelingt uns nur, weil wir die Technik in hocheffizientester Weise einsetzen. Wir erbringen damit eine Leistung, die teils besser ist aber doch zumindest mithalten kann, mit denjenigen, die in Ihren Glaspalästen in Frankfurt, New York, Tokyo, Singapur, Shanghai oder sonst wo sitzen. Das zeigen unserer Renditen.

Und so verzeihen Sie mir bitte, dass ich als Vorstand einer solchen kleinen Gesellschaft mit stolzgeschwellter Brust vor Ihnen stehe und das auch einmal betone. Auch, wenn wir ein verschwindend kleines Rädchen im großen Getriebe der Finanzwelt darstellen. Ich bin deshalb so stolz, weil ich mir hundert Prozent sicher bin, dass diese ach so von den Medien gefeierten Banker und Bankvorstände an unserer Stelle mit eigenem Geld und eigenen Ideen jämmerlich scheitern würden. Die schaffen es doch nur, weil Ihnen das Geld des Steuerzahlers vorn und hinten reingeschoben wird. Wobei die Renditen, die sie angesichts dessen erzielen, mindestens genauso jämmerlich sind, wie sie selbst.

Was hätte Deutschland, was hätten sie gesagt, wenn man nach Fukushima nicht die Atommeiler abgestellt, sondern den Bau weiterer Atomkraftwerke beauftragt und noch dazu mit billigem staatlichen Geld gefördert hätte?

Im Finanz- und Bankenbereich hat man im übertragenen Sinne genau das getan. Und kaum einer scheint sich daran zu stören.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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