Ich bekomme immer wieder Zuschriften, die mich ob meiner kritischen
Haltung zu Deutschland und Europa, schelten. Das gipfelt dann
mitunter in dem Ausspruch, dass ich doch dort hingehen soll, wo es
angeblich so gut ist. Wobei das eine echte Alternative und zu
überdenken wäre, da hier über die gegenwärtige Bundesregierung die
Alternativlosigkeit institutionalisiert wird und man uns im Lande
ein Hemmnis nach dem anderen aufbaut und deren Einhaltung mit
deutschem Eifer verfolgt, während man z.B. Griechenland jegliches
Nichteinhalten und Überschreiten von Zusagen gnädig gestattet.
Meinen mir weniger geneigten Lesern sei gesagt, dass nur derjenige
Kritik übt, der die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hat und
offensichtlich an dem Gegenstand der Kritik noch etwas liegt.
Insofern halte ich es da mit Churchill, der einst sagte, dass die
Kritik wie der Schmerz im Körper ist. Den möchte man zwar gerne
vermeiden. Gäbe es ihn aber nicht, würde man von innen heraus
verfaulen. Sie sehen, dass auch Staatsmänner, die es damals
jedenfalls noch gab, eine weit drastischere und anschaulichere
Sprache hatten, als die vielen weichgespülten und aalglatten
Politprofis und Politpseudos in Berlin und Brüssel. Die auch mal
gerne auf Firmenkosten Urlaube und sonstiges machen. Man gönnt sich
ja sonst nichts.
Zu diesem Thema, ob wir hier im Westen die Kritik verdient haben
oder nicht, habe ich gestern im Handelsblatt einen interessanten
Artikel von Kishore Mahbubani, Politwissenschaftler an der Uni
Singapur und ehemaliger singapurischer Botschafter in der USA und
bei der UNO gelesen. Sein Fazit nehme ich gleich vorweg:
„Westliche Politiker sollten eingeladen werden, sich selbst vor
Ort ein Bild zu machen von den Industrieanlagen und
Dienstleistungsbranchen in Japan, Korea, China und Singapur. Sie
könnten möglicherweise Wertvolles dabei lernen.“
Seine Sicht der Dinge ist die, dass „nicht der Kapitalismus an sich
in der Krise steckt, sondern der westliche Kapitalismus.“ Da kann
ich ihm nur beipflichten. Wiederholt habe ich z. B. das sehr
verantwortungsvolle Verhalten der indischen und chinesischen
Notenbanken, die geradezu lehrbuchhaft agierten, hervorgehoben. Auch
haben sich diese Länder weitestgehend aus dem amerikanischen
Hypotheken-Gau herausgehalten.
Die Feststellung, dass der Kapitalismus eine sorgfältige Aufsicht
und vernünftige Regulierung benötigt, ist dabei nicht neu. In dem
Land, dass die segensreiche Soziale Marktwirtschaft erschaffen hat,
ist diese Auffassung, auch Ordnungspolitik genannt, nur leider in
Vergessenheit geraten. Den Primat hat die Politik aber aus purer dem
Machterhalt geschuldeter Pflichtvergessenheit und auch großer
Inkompetenz sowie mangelnder Grundsatztreue abgegeben und damit
ernorm Vertrauen verspielt. Insofern muss es uns nicht wundern und
ist gleichzeitig eine große Gefahr für die Institution der
Demokratie, wenn derzeit nur 6% der Bundesbürger glauben, dass
Wahlen etwas ändern.
Der berechtigte Vorwurf, dass die Politiker dem Volk das Prinzip und
den Nutzen des Schumpeterschen Prinzips der „schöpferischen
Zerstörung“ nicht erklärten, hat schlicht damit zu tun, dass die
meisten Politiker dieses Prinzip selbst nicht begreifen. Sich auch
gar nicht darum bemühen. Und wenn sie es denn begriffen haben
sollten, das Volk für zu unmündig halten, die teils harten
Botschaften zu verstehen und den daraus resultierenden Konsequenzen
zu folgen. Was im Zeitalter der Globalisierung ein gewagtes Spiel
ist. Dass das Auto die Branche für Pferdewagen quasi vernichtet hat,
ist nun mal Ergebnis von Fortschritt. Wobei ich in diesem
Zusammenhang auf Hayek und seinen „Wettbewerb als
Entdeckungsverfahren“ hinweisen möchte. Auch da gibt es erheblichen
Nachholbedarf.
Die Finanzdienstleistungsbranche vergleicht Mahububani nicht ohne
Grund mit einer Art Schneeballsystem. Wobei man wohl inzwischen
begriffen habe, dass große Teile dieses Sektors keine wirklich neuen
Werte geschaffen haben, sondern im Gegenteil im Zuge der Finanzkrise
mächtig bei der Vernichtung mitgeholfen haben. Wenigstens hat es der
Finanzsektor aber zumindest geschafft, den Anschein einer
Wertschöpfung zu erwecken. Sonst würde die deutsche und europäische
Politik ihr nicht so willfährig hinterherlaufen. Wieso man – direkt
wie indirekt - allerdings Milliarden und Billionen in ein System
steckt, dass keine Werte schafft, ist zumindest einer Nachfrage
wert. Ob uns das mal nicht eines Tages in Form niedrigerer
Wachstumsraten und hoher Inflation auf die Füße fällt?
Eine Selbstverständlichkeit ist auch, dass für das Fortbestehen
einer marktwirtschaftlichen Ordnung eine notwendige Voraussetzung
ist, dass alle Einkommensschichten gleichmäßig von einem Aufschwung
profitieren sollten. Die weiter aufgehende Schere zwischen Arm und
Reich passt da leider überhaupt nicht ins Bild und dazu. Wenngleich
man immer wieder betonen und entgegenhalten muss, dass Ungleichheit
Voraussetzung für Wirtschaftswachstum ist.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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