Smart Investor Weekly 8/2012
Und täglich grüßt das Murmeltier - Griechenland erneut
gerettet
Natürlich hatten die meisten schon vermutet, dass Griechenland
wieder mal "in letzter Minute gerettet" würde. Diese Dramaturgie
ist aus Hollywood-Produktionen bestens bekannt, wird dort aber
hübscher in Szene gesetzt - Politik ist eben - so ein geflügeltes
Wort - Show-Business mit hässlichen Menschen.
Schließlich hat man Griechenland nicht vor zwei Jahren vom
Kapitalmarkt genommen, um heute zu vollziehen, was damals schon
jeder Verantwortliche wusste: Das Land ist pleite. Ein Job
übrigens, den der Markt damals besser und schneller erledigt
hätte, als der ganze "alternativlose" Transfersozialismus
Merkelscher Prägung. Sich und vor allem anderen einen Fehler
einzugestehen, scheint Politikern ohnehin noch schwerer zu fallen,
als Normalsterblichen.
Für 130 Mrd. EUR weitergewurstelt
Selbst wenn in der Fraktion der "Dauerretter" der Missmut steigt
und sie sich zunehmend von ihren griechischen "Euro-Partnern",
milde formuliert, verschaukelt fühlen, so werden sie brav weiter
zahlen. Erstens sehen sie keine Alternative und zweitens können
sie nach der Suspendierung der Marktkräfte für Griechenland auch
keine glaubwürdige Drohkulisse mehr aufbauen. Man wird sich mit
dem Euro also auf den drei wackeligen Säulen der EU-Realpolitik
weiter durchwursteln: Wunschdenken, Realitätsverweigerung und
Umverteilung. Diesmal ist es also ein Paket von 130 Mrd. EUR, das
die griechische Politik für ihre beiden Hauptexportgüter "heiße
Luft" und "leere Versprechungen" erhält. Die "Dauerrettung"
Griechenlands ist damit auf dem besten Weg der Running Gag der
Finanzgeschichte zu werden. Die Akteure brauchen sich also über
einen Platz in den Geschichtsbüchern nicht mehr zu sorgen. Was
derzeit passiert, werden noch Generationen von Studenten mit
ungläubigem Kopfschütteln nachlesen können.
Bester Darsteller
Wenn wir die eingangs erwähnte Analogie zu Hollywood noch ein
bisschen weiter strapazieren, dann erscheint uns ein Oscar in der
Kategorie "Schmierenkomödie" überfällig. Ein heißer Anwärter auf
die besten darstellerischen Künste in diesem Bereich dürfte
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sein, der im kleinen Kreis
und "off records" so ganz anders redet, als vor der deutschen
Öffentlichkeit. Als Beleg mögen zwei Video-Sequenzen dienen. Die
eine, ein nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Redeausschnitt
vor dem European Banking Congress im November 2011:
http://www.youtube.com/watch?v=2IRnDOtu1z8
Die andere, eine offenbar ebenfalls nicht für die Öffentlichkeit
bestimmte Unterredung mit seinem portugiesischen Amtskollegen vom
Februar 2012:
http://www.youtube.com/watch?v=AwlXR5FfQTY
Da das, was Herr Schäuble öffentlich sagt, so vollkommen von dem
abweicht, was er im kleinen Kreis äußert, halten wir seine
schauspielerische Leistung für preiswürdig. Da sei es ihm auch
nachgesehen, dass er gelegentlich etwas aus der Rolle fällt. Auf
die Amtszeit von Christian Wulff angesprochen, entgegnete er
voller Häme: "Ha, wie man den bewertet, das wird die
Staatsanwaltschaft tun!" (
http://www.youtube.com/watch?v=iu5esHnGlG0). Das ist insofern eine
spaßige Aussage, als "der Staatsanwalt" Berichtspflichten und
Weisungsrechten unterliegt. Franz-Josef Strauß wird die Steigerung
"Feind, Todfeind, Parteifreund" zugeschrieben. Herr Schäuble füllt
sie durch herzhaftes Nachtreten erneut mit Leben.
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Griechenland: Der Machiavelli in Herrn Papadimos
Folgt man den Überlegungen des italienischen Philosophen
Machiavelli, muss ein Herrscher der zum Wohle seines Volkes
handelt das Gute und Wahre ausschalten und ausschließlich einer
Nutzenüberlegung folgen. Griechenlands Premierminister Papadimos
hat seinen Machiavelli gut gelesen - mit der Wahrheit nimmt er es
weniger genau als mit dem Nutzen seines Volkes. Das auch die
Presse en gros hilft seinen Nutzen zu maximieren, indem sie sich
relativ unreflektiert für Papadimos angebliche Wahrheit einspannen
lässt, zeigt einmal mehr, dass hier wohl weniger recherchiert wird
als voneinander abgeschrieben. Liest man die offizielle Mitteilung
des griechischen Finanzministeriums zur geplanten Umsetzung einer
Umschuldung (
http://www.minfin.gr/portal/en/resource/contentObject/id/7ad6442f-1777-4d02-80fb-91191c606664
) fallen mehrere Fakten auf die von der Mainstream-Presse wohl
geflissentlich übergangen wurden.
"Übersehene" Fakten
Zunächst einmal wird auch hierin noch immer von einem freiwilligen
Angebot gesprochen ("voluntary transaction" ). Die entscheidende
Passage dürfte jedoch folgende sein:
"The Greek government will shortly submit to the Greek parliament
a draft bill which, if passed, will introduce a collective action
clause into eligible Greek law governed bonds of the Hellenic
Republic as determined by the Council of Ministers of the Hellenic
Republic. If passed, this law will be available to be used in the
implementation of the PSI transaction if necessary to achieve
participation at the levels anticipated by the 26 October 2011
Euro Summit Statement."
Wir lesen das folgendermaßen: Die Griechen benutzen den
Gesetzesentwurf zur Einführung von CAC-Klauseln als das ultimative
Druckmittel, um die Quote einer freiwilligen Annahme zu erhöhen.
Gleichzeitig wollen sie diese Klauseln bei den alten Bonds nicht
zwingend einsetzen, da sonst nach deren Anleihebedingungen sofort
sämtliche Anleiheemissionen (zu allen Tilgungsterminen) fällig
wären. Zusätzlich würde die tatsächliche Anwendung aus Sicht der
Ratingagenturen und für alle Credit Default Swaps die Auslösung
eines Defaults, d.h. einer "Pleite" bedeuten - mit eindeutig
unvorhersehbaren Folgen für die Kapitalmärkte.

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Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
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