Wendehälse und Sensationsgier



10:59 10.05.12

Die Bankenkrise erhebt wieder einmal ihr böses Haupt. In Spanien wird die Regierung die wegen der Immobilienkrise und fauler Immobilienkredite in Schieflage geratene BFA, zu der neben der Großbank Bankia mehrere Sparkassen gehören, verstaatlichen. Der Bankenrettungsfonds FOB wird voraussichtlich die bereits in dieses marode Finanzinstitut als Kredit gegebenen 4,6 Mrd. Euro in Aktien umwandeln. Nun darf man auf das geplante Bankenreförmchen gespannt sein. Der Verlierer, wieder einmal die Steuerzahler, stehen jedenfalls schon mal fest.

Auch der gestern veröffentlichte Quartalsabschluss der Commerzbank ist alles andere als begeisternd. Der Zinsüberschuss ist um -17,3% und das Handelsergebnis um -11,9% eingebrochen. Schön, dass Herr Blessing noch eine Ausrede für seine schlechten Zahlen gefunden hat. Das vorzeitig durch die European Banking Authority geforderte und erreichte Kapitalziel muss den Kopf hinhalten. Das operative Ergebnis liegt bei 845 Mio. Euro und das Konzernergebnis bei 369 Mio. Euro. Wobei man da an allen Schrauben drehen musste, damit da überhaupt am Ende noch ein Plus steht. Das zeigt auf die wieder einmal um 100 Mio. Euro reduzierte Risikovorsorge, mit deren Abschmelzen ich mich jedenfalls nach wie vor nicht anfreuen kann. Aber wie im richtigen Leben auch, kann man durchaus ohne Profil fahren. Gefährlich wird das nur, wenn dann unverhofft ein Regenguss kommt. Die erste Kurve spielt dann Schicksal.

Dass man den Offiziellen nicht trauen kann, zeigt die Bundesbank mit ihrem Bundesbank-Chef Weidmann recht deutlich. Haben wir im letzten Jahr von Super Mario bis Super Jens immer wieder bestätigt bekommen, dass man die Inflation im Griff habe und sie angeblich eher sinken als steigen werde (lesen Sie da ruhig einmal nach) sind die Währungshüter nun – man höre und staune – angesichts einer guten deutschen Konjunktur und kriselnder Volkswirtschaften in Südeuropa bereit, eine höhere Inflationsrate als im Rest der Euro-Zone hinzunehmen. Was im Klartext heißt, dass in Deutschland über Inflation Vermögen zugunsten anderer Länder vernichtet wird.

Wir zahlen also nicht nur direkt über EFSF/ESM, über geringere Bundesbankgewinne und Zahlungsausfälle bei der längst vergessenen Hypo Real Estate, sondern jetzt auch noch indirekt über eine höhere Inflation. Was übrigens die Realschulden der Bundesrepublik Deutschland auf Kosten von uns Bürgern zu senken hilft. Wer da glaubt, dass Bundesbank Weidmann das ohne Absprache mit dem Bundeskanzleramt und der Bundeskanzlerin macht, glaubt auch an den Osterhasen. So also soll „gespart“ werden. Damit wird auch die Geldentwertung über Niedrigzinsen der Banken auf Spar- und Termineinlagen noch dramatischer. Auch hier sanieren die Bankkunden die Banken indirekt. Und das wider jede Vernunft. Wobei ich mich immer wieder frage, wieso sie das weiter tun, wo doch Aktien aufgrund der vorliegenden tendenziellen Unterbewertung recht attraktiv sind.

Über die Art der Begründung der Inkaufnahme von Inflation bin ich als Volkswirt übrigens einigermaßen erstaunt. Eine „gute deutsche Konjunktur“ wäre nämlich ein Anlass und Argument die Geldpolitik zurückzufahren und Inflation zu verhindern, statt umgekehrt. Aber wer hält sich in Zeiten wie diesen noch überhaupt an irgendwas? Und so ist auch die Bundesbank längst im Schlepptau der Regierung angekommen.

Auch lese ich mit Erstaunen, dass deutsche Politiker wie der FDP-Haushalts-Wendehalts-„Experte“ Fricke nun sogar eine „ungeordnete Pleite“ Griechenlands für „verkraftbar“ halten. Sollte das Land seinen Sparverpflichtungen nicht nachkommen (was es bisher noch nie tat), müsse man einen anderen Weg als bisher gehen, lese ich da mit großer Aufmerksamkeit. Und reibe mir verwundert die Augen. Das hörte sich nämlich vor ein paar Wochen noch ganz anders an. Da galt man als Anti-Europäer, Abweichler und war ein böser Europa-Gegner, wenn man verantwortungsvoll seine fachlich fundierte Meinung äußerte. Nun wird man uns böse Volkswirten wohl wieder in die Gesellschaft re-integrieren müssen. Ob man sich da auch so viel Mühe macht, wie bei anderen Randgruppen? Mal schaun, wie man das anstellen wird.

So schnell hängen also unsere Politiker ihr Fähnchen nach dem Wind. Leider hat uns die bisherige Ignoranz aber sehr, sehr viel Geld gekostet und wird es noch kosten, was wir alle noch schmerzhaft merkeln werden. Warum aber angesichts der ernst zu nehmenden Drohung von null und nichtigen Verträgen noch 4,2 Mrd. Euro der insgesamt 5,2 Mrd. Euro an Griechenland ausgezahlt werden, bleibt das Geheimnis von Berlin und Brüssel. Wir haben offenbar noch zu viel Geld.

Insofern könnten langjährige Kritiker wie ich, die jetzt in ihrer Kritik bestätigt werden, entspannt aufatmen. Wenn die Lage nicht so ernst wäre. Wobei das weniger für die Unternehmen gilt als für manche europäische Staaten. Sieht man sich nämlich die Quartalszahlen deutscher, japansicher oder auch Singapurer Unternehmen wie der SingTel, die im Gegensatz zur wieder einmal schwachen Deutschen Telekom ordentlich Geld verdient an, so tut man gut daran, Aktien als ernsthafte Alternative in Betracht zu ziehen. Wobei ich mich immer frage, wie man angesichts von 250.000 verlustig gehenden T-Mobile Kunden in den USA von Stabilisierung sprechen kann. Wie kann man so einen betriebswirtschaftlichen Unsinn schreiben?



Aber wie Sie gestern den Zeitungen entnehmen konnten, bekommen manche in unserem Lande – trotz schwacher Leistung - einfach immer eine noch relativ gute Presse. Man muss sich da nur die Überschriften zum Abschluss der Allianz, der Commerzbank oder eben der Deutsche Telekom anschauen. Honi soit qui mal y pense! Wobei einem gruselt, wenn man die mittelfristige Kursentwicklung anschaut. Was wahrscheinlich für die schreibende Presse nur ein Kavaliersdelikt darstellt.

Dabei gibt es so interessante Unternehmen in der zweiten Reihe, die mit Leistung und auch Zahlen überzeugen. Leider schaffen die es aber nicht in die Headlines. Weil Daten und Fakten der Sensationsgier unterlegen sind. Ausnahme: unser TopValue Tool.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop und Value Börsenbrief. Nicht zuletzt wegen seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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