Kunst des Arztes und Steuermanns



10:06 04.06.12

Kein Geringerer als der von 1966 bis 1972 amtierende Bundesminister für Wirtschaft Karl Schiller hat den Satz geprägt: „Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber.“ Dabei lehnte er sich an den John Maynard Keynes zugeschriebenen Satz an: „We cannot, by international action, make the horses drink. That is their domestic affair. But we can provide them with water.”

Wie wahr diese Worte sind, zeigt die gegenwärtige Situation in den westlichen Ländern. Obwohl wir historische Niedrigstzinsen haben, geht die wirtschaftliche Aktivität derzeit zurück. Noch dazu besteht die Gefahr, dass wir in eine Stagflation, also wirtschaftlicher Stagnation kombiniert mit Inflation kommen. Was eine heikle Situation wäre, da die üblichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Situation nur noch verschlimmern würden. Noch tut die im Übermaß vorhandene Geldmenge allerdings nicht ihr wertvernichtendes Werk. Allerdings ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie damit beginnt.

Ob und wie die Fiskal- bzw. Geldpolitik auf die Wirtschaft wirkt, beschreiben die sog. Transaktionsmechanismen, über die ich einst promovieren wollte, es dann seinerzeit als junger Familienvater wegen des Angebots nur einer halben wissenschaftlichen Stelle doch gelassen habe. Und da ich meine Arbeiten stets selbst geschrieben habe und im Gegensatz zu nicht wenigen führenden Politikern nicht schreiben ließ, war dieses Kapitel damit für mich schnell erledigt. Wie das aber mit den Themen für die man ein großes Interesse spürt so ist, lassen die einen nie ganz los.

So wundert mich unsere derzeitige wirtschaftliche Verfasstheit kein bisschen. Sachlich betrachtet haben wir folgende Situation. Auf der einen Seite ist da eine expansive Geldpolitik der Bad Notenbank EZB, die allerdings bei den Unternehmen und der Wirtschaft und damit übrigens auch in Form einer höheren Inflation nicht zum Tragen kommt, weil die Banken aus Angst und Vertrauensverlust sowie maroder Verfasstheit das reichlich vorhandene Geld (1 Billion Euro zu 1% Zins auf 3 Jahre) gleich wieder bei der Bad Notenbank EZB parken. Weil das Risiko für sie, angesichts ihres eigenen Versagens in der Vergangenheit, wohl zu groß ist. D. h. dass diese Banken ihren eigenen Systemen und Strukturen nicht trauen und nicht zuletzt deshalb derzeit ihrer Kapitalallokationsfunktion (=Verteilung des Geldes dahin, wo es wirklich benötigt wird) in der Volkswirtschaft nicht gerecht werden.

Auf der anderen Seite stehen die Staaten, die aufgrund der hohen Verschuldung und des Fiskalpakts ihre staatlichen Investitionen zurückfahren müssen, sodass der Staat als Nachfrager weitestgehend ausfällt. Wobei er aus Versäumnissen in der Vergangenheit nicht in der Lage ist, die Lücke, die er hinterlässt, den Unternehmen zum Ausfüllen anbieten kann. Die bräuchten nämlich Anreize, die übrigens im Gegensatz zu der weitverbreiteten politischen Fehlmeinung eben nicht immer finanzielle sein müssen. Vielmehr als das, würden uns Unternehmen strukturelle Reformen, der Abbau von Bürokratie und neue Vertriebswege für das Notenbankgeld, damit es endlich auch dort ankommt, wo es ankommen soll, helfen. Da hört interessanterweise die Fantasie unserer Politiker plötzlich auf. So muss derjenige, der das volkswirtschaftliche Einmaleins beherrscht nur noch Eins und Eins zusammenzählen. Dann kommt zu dem Ergebnis, das wir derzeit leider konstatieren müssen. Wobei die Lage wegen der wiederholt falschen Entscheidungen jetzt recht verfahren ist.

Reflexhaft rufen alle wieder nach noch mehr Geld und noch mehr staatliche Hilfen. Wie jetzt im Falle Spaniens. Das aber ist die völlig falsche Handlungsweise. Die Bevölkerungen in Europa sind verunsichert und trauen inzwischen dem ganzen System nicht mehr. Wie anders sonst wäre es zu erklären, dass diese ihr Geld wieder und wieder über die Inflation nicht deckende (Null-) Zinsen real vernichten lassen. Das ist absolut irrationales Handeln, was von einer tiefen Verunsicherung und auch Angst geprägt ist.

Beide, Verunsicherung und Angst, gilt es zu beseitigen. Das wird man nicht damit schaffen, dass man sich - wie bisher – wieder und wieder teuer Zeit erkauft. Man wird am Ende nicht umhinkommen, die vorhandenen strukturellen Probleme bei den Wurzeln zu packen. Das Heraufbeschwören von Euro-Flächenbränden ist da wenig hilfreich. Es brennt doch so schon an allen Ecken und Kanten. Trotz der ins Unmaß gehebelten Rettungspakete, Firewalls und Rettungsschirme, die man uns alle als die allein selig machenden Instrumente verkauft hat. Frau Merkel und vor allem Herr Schäuble allen voran. Die ja angesichts der unverantwortlich hohen Summen, die inzwischen im Spiel sind, ihre Wirkung hätten längst zeigen müssen, wenn sie wirklich die Lösung des Problems wären, oder? Sind Sie aber nicht. Man wird wohl doch den ein oder anderen Baum fällen müssen, damit sich die Feuerbrunst nicht immer weiterfressen kann. Schließlich wird auch das Wasser langsam knapp.

Und so bin ich einmal gespannt, wann in Berlin und Brüssel die Ersten merken, dass sie so die ganze Sache nur noch weiter verschlimmern oder angebrachter „verschlimmbessern.“ Weil wie immer der Satz gilt, dass das Gegenteil von gut gewollt, gut gemacht ist. Das zeigt auch die völlig in den Sand gesetzte Atomwende, die uns nun zur Unzeit auf die Füße fällt. Was übrigens Fachleute, die nicht der Atomlobby angehören, damals bereits vorhergesagt haben. Offensichtlich hat die damalige Ethikkommission die vergessen, um die sich eigentlich alles dreht: die Menschen. Sonst hätte sie sich wohl auch mit den Folgen der Finanzkrise und welche Wende da notwendig wäre, beschäftigen müssen. Was sie nicht getan hat und ein großer Fehler war. Und wehe wenn der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz dann nächstes Jahr auch noch auf die eh klammen Gemeinden hereinbricht. Dann wird es noch mal richtig teuer.



Die dem Handeln zugrunde liegende Ethik, über die man derzeit gern einmal nachdenken darf, geht es übrigens nicht um ein Wissen um ihrer selbst willen, sondern um eine verantwortbare Praxis. Aristoteles verglich sie deshalb mit der Kunst des Arztes und des Steuermanns. Wenn man dieses Bild zugrunde legt, sollte man sich langsam die Frage stellen, ob man so wie die ganze Krise momentan gehandelt wird, bereit wäre sich unter das Messer derjenigen zu legen oder sich auf ein von jenen gesteuertes Schiff zu begeben.

Mal ganz ehrlich. Würden Sie es tun?

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop und Value Börsenbrief. Nicht zuletzt wegen seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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