Ich bin doch immer wieder erstaunt, wie leicht sich manche, die es
eigentlich besser wissen müssten, wieder und wieder einwickeln
lassen. Da wird tage- und wochenlang über die Deutschkenntnisse von
Anshu Jain, neben Herrn Fitschen Co-Vorstandsprecher der Deutsche
Bank AG, gerätselt. Dankbar nehmen der CDU Wirtschaftsrat und die
deutsche Öffentlichkeit dann auf, dass (immerhin) der führende Mann
der größten deutschen Bank am Anfang ein paar vorformulierte Sätze,
die er noch dazu vom Papier abliest, in Deutschland auf „deutsch“
zum Besten gibt.
Wie traurig das ist, sieht man daran, wenn man sich dem ganzen
Sachverhalt deutschuntypisch, also tabu- bzw. angstfrei, nähert und
man sich einmal fragt, was wohl los wäre, wenn ein Deutscher CEO bei
der Bank of America werden würde und dort nur ein paar Sätze
Englisch bzw. Amerikanisch sprechen würde und ansonsten nur deutsch.
Völlig undenkbar wäre das in Frankreich z. B. bei der Société
Générale. Ein Deutscher, der des Französischen nicht mächtig wäre,
hätte da wohl schlicht keine Chance. Pas du tout!
Nun bitte ich darum, nicht gleich in die rechte Ecke gestellt zu
werden. Aber gesagt werden muss das schon hin und wieder einmal. Die
überregionalen Zeitschriften trauen sich das schließlich nicht. Ich
persönlich bin immer wieder erstaunt, dass wegen eines
Nichtdeutschen in mit Fachworten gespickten Vortragsveranstaltungen
hierzulande, deutsche Vortragende ins Englische wechseln, damit die
Mehrheit schlicht ignorieren und somit auf ein geringeres
Informations- und Erkenntnisniveau zwingen. Man könnte doch auch
erwarten dürfen, dass jemand, der bei uns einen solch führenden
Posten übernimmt, sich die Mühe macht, halbwegs deutsch zu sprechen.
Schließlich haben die Gleichen, die Herrn Jain beklatschen, bei den
Einbürgerungstests das zur zwingenden Voraussetzung gemacht.
Dennoch. Dankbar nahmen der Wirtschaftsrat und die Öffentlichkeit
diese „perfekte Inszenierung“ von Jain (O-Ton Handelsblatt)
entgegen. Wobei man zumindest das von der führenden deutschen Bank
als Selbstverständlichkeit erwarten kann. Dann das übliche Spiel.
Ein bisschen Lob und Schmeichelei an den deutschen Mittelstand hier,
ein bisschen Selbstkritik dort und zum Schluss das Angebot eines
Paktes mit Deutschland. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung. So
einfach kann Krisenbewältigung in Zeiten der Finanz- und
Schuldenkrise sein. War da was?
Dass man damit beim Wirtschaftsrat der CDU durchkommen kann, lässt
auf dessen derzeitige Verfasstheit bzw. Niveau schließen. Wobei ich
mich im Gegensatz zu den Granden der Wirtschaft frage, ob das
wirklich alles ist, was die Deutsche Bank zu bieten hat? Schließlich
ermittelte (oder ermittelt noch) die amerikanische
Börsenaufsichtsbehörde SEC gegen die Deutsche Bank AG und weitere 16
Investmentbanken im Zusammenhang mit der Finanzkrise wegen Betrugs
(„Misleading of Clients“=Irreführung von Kunden). Dann wird auch im
Fall Kirch die Rolle der deutschen Bank immer klarer. Was nicht
gerade ein Ruhmesblatt ist. Der Bruch eines Bankgeheimnisses vor
laufenden Kameras ist so ziemlich das schlimmste Vergehen, was ich
mir für einen Bank vorstellen kann. Ich will nicht wissen, was die
Privatbanker der alten Schule hinter vorgehaltener Hand dazu sagen
bzw. darüber denken. Auch die Geschäfte mit der halbstaatlichen IKB
seinerzeit waren auch nicht gerade geeignet, diese Bank hochleben zu
lassen. Aber das ist ja Schnee von gestern. Und das Systemrisiko im
Bankenbereich ist so groß wie nie zuvor. Ich jedenfalls kann mich da
beherrschen, wenn es um das Schwenken der Fähnchen geht.
Statt berechtigten Vorwürfen und lästigen Fragen gab es aber
überraschenderweise Szenenapplaus. Wie schon bei Ackermanns
Abschiedsrede auf der Hauptversammlung. Da waren wir schon immer
gut! Traurig, traurig, kann ich da nur feststellen. Da stellt sich
die Frage nach dem hanseatischen Kaufmannsbegriff, der im
Wirtschaftsrat wohl auch seine besten Zeiten hinter sich hat. Was
man da beklatscht, wird auf unterster Firmenebene wohl
wahrscheinlich heftigst bekämpft. Aber, so ist das nun einmal
hierzulande. Wer verscherzt es sich schon gerne mit der Deutsche
Bank AG?
Dann faselt Jain irgendetwas von einem Vertrag mit der Gesellschaft,
der erneuert werden müsse (wobei die Rechnung mit einem aalglatten
Lächeln an uns Bürger weitergereicht wird), verweist kurz auf den
Kernbereich (welchen?), den man als Bank verlassen habe, stellt das
an den Märkten mit Händen zu greifende Misstrauen gegen die Banken
fest (wobei die Banker es sind, die sich gegenseitig am wenigsten
trauen bzw. am meisten misstrauen --> siehe darniederliegender
Interbankenmarkt) und lobt am Ende die gerade im Bankenmarkt derzeit
nicht vorhandene, ja außer Kraft gesetzte Soziale Marktwirtschaft.
Ich war nicht dabei, aber ich bin mir ganz sicher, dass es die
Wirtschaftsräte spätestens hier von den Sitzen riss und sie sich vor
Klatschen gar nicht mehr einbekamen. Während Ludwig Erhard wohl im
Grab rotierte. So hätte man die Veranstaltung unter Verkennung der
brutalen Realität wohl unter das Motto „Friede, Freude Eierkuchen“
stellen können. Bravo!!!
Tatsache ist aber leider, dass Griechenland pleite ist und kurz
davor aus dem Euro rauszufliegen. Spanien muss unter den
Rettungsschirm und zahlt so hohe Zinsen wie nie zuvor. Wobei Italien
noch dementiert. Der Interbankenmarkt ist faktisch zum Erliegen
gekommen. Trotz 1 Billion Euro Bad Notenbankgeld. Das Systemrisiko
ist so hoch wie nie zuvor. In Europa sind Zombiebanken Normalität
geworden (was auch der Grund für das Misstrauen untereinander ist).
Die Soziale Marktwirtschaft ist mächtig lädiert, was sich daran
zeigt, dass jede Bank in Europa derzeit eine Bestandsgarantie auf
Kosten der Steuerzahler erhält. Wobei „koste es was es wolle“ die
Handschrift der Zusage trägt. Ganz Europa über die Einführung einer
Bankenunion bzw. von Euro-Anleihen an Deutschlands Speck möchte. Und
Frau Merkel dem Ganzen das Sahnehäubchen aufsetzt, indem sie
angesichts 15 Mrd. Euro schwerer Klagen der Versorger, dann von
Europa als einer „dynamischen Wachstumsregion“ spricht.
Verwundert reibt man sich die Augen. Und fragt sich, warum die
Jecken noch immer unterwegs sind, obwohl der Karneval doch schon
längst vorbei ist?

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop und Value Börsenbrief. Nicht zuletzt wegen seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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