Hüfners Wochenkommentar: Wieder eine Zinssenkung im Euroraum



10:17 07.07.12

F�nf Gr�nde, weshalb ich eine Zinssenkung durch die Europ�ische Zentralbank f�r falsch halte. Der wichtigste: Wer den Euro sanieren will, braucht Vertrauen. Das schafft man nicht durch noch niedrigere Zinsen. Eine Zinssenkung hilft weder der Konjunktur, noch den Banken, noch der Staatsfinanzierung in Italien und Spanien.

Eigentlich geht es, wenn man die �ffentliche Diskussion verfolgt, nur noch um das "Wann", nicht mehr um das "Ob". Soll die Europ�ische Zentralbank die Zinsen in dieser Woche senken oder soll sie noch vier oder acht Wochen warten? Dass die Zinsen niedriger sein sollen, scheint unbestritten. Die Preissteigerung erm��igt sich. Die Konjunktur schw�cht sich ab. Der Europ�ische Rat hat in der letzten Woche alles versucht, um die Euro�krise zu entsch�rfen. Jetzt ist die EZB "dran", um das ihre zu tun. Das klingt �berzeugend.

Trotzdem m�chte ich widersprechen. Ich halte eine Sen�kung der Leitzinsen zum gegenw�rtigen Zeitpunkt weder f�r notwendig noch f�r angebracht. Sie w�re ein Fehler.

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Erstens: Die Zinsen sind schon jetzt so niedrig, dass eine weitere Senkung nichts bringt. Tagesgeld ist am Geldmarkt heute f�r 0,33 Prozent zu haben, Dreimonatsgeld f�r 0,65 Prozent und Zentralbankgeld f�r 1 Prozent. So niedrig wa�ren die Zinsen noch nie �ber einen so langen Zeitraum. Sie jetzt noch zu senken, hilft weder der Konjunktur, noch entlastet es die Banken ma�geblich, noch kann man darauf hoffen, dass dadurch Spanien oder Italien billiger Geld bek�men. Das Problem auf den Kapital�m�rkten liegt heute nicht an der H�he der Zinsen, son�dern am mangelnden Vertrauen. Wenn China die Zin-sen senkt (derzeit 6,31 Prozent), dann macht das Sinn. Wenn Europa es tut, dann nicht.

Zweitens: Es gab gute Gr�nde, dass die EZB die Zinsen bisher – anders als andere Zentralbanken – nicht unter 1 Prozent senkte. Sie wollte damit den Abstand zwischen der Hauptrefinanzierungs- und der Einlagenfazilit�t gro� hal�ten. Um es weniger technisch auszudr�cken: Sie wollte verhindern, dass die Banken ohne Not bei der Zentral�bank Geld aufnehmen und es dann gleich wieder bei der Zentralbank einlegen. Wenn die EZB jetzt die Zinsen weiter senkt, werden solche "Spielchen" noch attraktiver.

Drittens: Die EZB stand schon bisher im Verdacht, zu eng mit den Staats- und Regierungschefs zu "kooperie�ren", konkreter: deren W�nsche zu erf�llen. Sie hat zu oft Aufgaben �bernommen, die eigentlich der Politik oblagen (vor allem die Staatsfinanzierung). Wenn die EZB jetzt nach dem Br�sseler Gipfel die Zinsen senkt, best�rkt sie den Verdacht, dass sie doch nicht so unab�h�ngig und allein der Preisstabilit�t verpflichtet ist, wie sie es sein sollte.

Viertens: Die EZB hat in den letzten Jahren dramatisch an Renommee verloren. Bis zum Ausbruch der Krise war sie auf gutem Weg, in die Fu�stapfen der Bundes�bank zu treten. Sie wurde als Anker der Stabilit�t im Eu�roraum gepriesen. Damit ist es vorbei. Sie wurde aus dem Olymp versto�en. Umso wichtiger ist es, jetzt wie�der um Vertrauen zu werben. Das erreicht man aber – das wei� jeder Zentralbanker – nicht mit Zinssenkungen. Zumal nicht bei einer Inflation von immer noch 2,4 Prozent (das Ziel der EZB liegt bei unter 2 Prozent).

F�nftens schlie�lich: Unter den Zentralbankern der In�dustriel�nder findet derzeit ein Umdenken statt. Die Bank f�r Internationalen Zahlungsausgleich, der "Hort" der Zentralbanker, widmet in ihrem neuen Jahresbericht ein ganzes Kapitel den "Grenzen der Geldpolitik". Die neue Skepsis beruht nicht so sehr auf einer aufge�flamm�ten Angst vor der Inflation. Sie ist bei sich abschw��chen�der Konjunktur nicht das Thema. Es geht vielmehr da�rum, dass die Geldpolitik in der Finanz- und Eurokrise nicht das erreicht hat, was sie sich vorgenommen hat.



Zum anderen hat die lockere Geldpolitik – je l�nger, je mehr – negative Nebenwirkungen. Sie

��� f�hrt zu Blasen an den Kapitalm�rkten. Siehe jetzt in Deutschland und der Schweiz bei Immobilien. Das legt den Grundstein f�r neue Krisen.
��� ermutigt die Risikoneigung der Anleger. Diese t�ti�gen Investitionen, die sie unter normalen Umst�nden nicht gemacht h�tten. Das erh�ht die Volatilit�t.
��� verf�lscht die Allokation des Kapitals, weil die Zinsen nicht mehr die Knappheiten am Markt signalisieren. Das schw�cht langfristig das Wachstum.
��� bl�ht die Staatsschulden weiter auf. Einige Finanz�minister m�ssen heute kaum mehr etwas f�r die Geldaufnahme bezahlen.

Die amerikanische Zentralbank ist mit ihrer Politik zu-letzt schon etwas vorsichtiger geworden. Sie entschied sich gegen ein gro�es neues Programm zum Kauf von Staatsanleihen am Kapitalmarkt. Sie verl�ngerte ledig�lich die "Operation Twist", bei der keine neuen Papiere gekauft, sondern nur k�rzere Laufzeiten in l�ngere ge�tauscht werden.

Statt die Zinsen zu senken, sollte die EZB etwas ande�res machen. Sie sollte den Menschen erkl�ren, wohin
es mit dem Euro geht und wie man das erreichen kann. Sie sollte einen Kompass liefern, wie man aus dem La�by�rinth des Euros herauskommt. Vertrauen bei Investo�ren gewinnt man nur, wenn man ihnen glaubw�rdig sagt, wo der Euro in zehn Jahren steht. Das tun die Staats- und Regierungschefs nicht. Da sind die beiden deut�schen Vertreter im EZB Gover�ning Council – J�rg As�mussen und Jens Weidmann – zuletzt eingesprun�gen. Weid�mann hat die grunds�tzlichen Bedingungen f�r einen er�folgreichen Euro aufgezeigt. Asmussen hat die Schrit�te erkl�rt, wie man dahin kommt (Bankenunion – Fiskal�union – politische Union). Das sind Schritte, wie man Ver�trauen erreicht.

F�r den Anleger

Auch wenn ich die Zinssenkung f�r falsch halte – sie wird kommen. Erwarten Sie sich davon aber nicht zu viel. Sie ist nicht mehr als ein Plazebo. Wenn die M�rkte derzeit eine positive Grundstimmung haben, dann liegt das nicht an der Geldpolitik, auch nicht an den Be�schl�ssen von Br�ssel, sondern daran, dass die Anleger viel Geld haben und unter Anlagedruck stehen.


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