Auf welch tönernen Füßen EFSF, ESM und Sozialpakt stehen, sehen Sie
daran, dass jetzt selbst der große Verbündete Frankreich, das
Rahmengesetz für vollkommen ausreichend hält und die Schuldenbremse
nicht in die Verfassung aufnehmen will. Es sei laut Hollande nicht
nötig, die „goldene Regel“ über einen ausgeglichenen Haushalt in
„den Marmor der Verfassung zu meißeln“.
Dass Berlusconi gestern in einen Interview die „übertrieben strenge
Sparpolitik“ Deutschlands angriff und für wenig zweckmäßig hielt und
als Krönung mit der Aussage würzte „Wir wollen kein deutscheres
Europa“, ist angesichts der Anti-Monti Stimmung in der Bevölkerung,
die Berlusconi für sich politisch nutzen will, auch nicht einfach
beiseite zu wischen. Man darf sich auch da die Frage stellen, was
wohl passieren würde, wenn Monti eines Tages über die Sparbeschlüsse
stürzt und Berlusconi wieder aus der Versenkung auftauchen würde?
Wer sagt diesen beiden Herren und auch anderen in Europa endlich
einmal, dass die Franzosen von uns aus weiter so französisch sein
dürfen, wie sie wollen und auch Italien machen kann, was es will.
Auch Spanien und Griechenland gerne auf unsere deutschen Tugenden
herabsehen dürfen. Am deutschen Wesen muss also niemals mehr wieder
die Welt genesen. Was dann aber Einschränkungen erfährt, wenn Sie an
unser Geld wollen. Denn wir Deutschen – das kann man für richtig
halten oder nicht – arbeiten hart für unser Geld und verlangen von
denen, die an unser Geld wollen, dass sie sich mindestens genauso
anstrengen und wir so eine Aussicht haben, es wieder eines Tages
zurückzuerhalten.
Das ist unser gutes Recht und hat nichts mit deutschem Chauvinismus
zu tun. Je mehr ich allerdings diese Abkehrtendenzen zur Kenntnis
nehmen muss, umso mehr frage ich mich, ob die Rückkehr zu
No-Bail-Out nicht doch die bessere Alternative für Europa wäre.
Interessanterweise wird da sofort mit dem Worst Case des
Auseinanderfallen des Euro gedroht. Was meines Erachtens nur dazu
dienen soll, die eigenen Abgeordneten zu disziplinieren. Übrigens
haben Sie auch schon festgesellt, dass immer vor wichtigen
Abstimmungen im deutschen Parlament, wie am kommenden Donnerstag
auch, sich plötzlich einer der großen Institutionen mit einer
Horrormeldung meldet. Diesmal war es wieder einmal der von der
früher französischen Finanzministerin Christine Lagarde geführte
Internationale Währungsfonds IWF. Wobei mich allmählich der Eindruck
beschleicht, dass dies Methode hat und hier so etwas wie Amtshilfe
auf dem kleinen Dienstweg und über die Bande praktiziert wird.
Wie anders ist es zu erklären, dass just gestern der IWF eine Gefahr
für die Weltwirtschaft an die Wand malte. Das wird auch deutlich,
wenn man die Aussage liest:
„Die jüngste erneute Verschlechterung an den Staatsanleihen-Märkten
unterstreicht, das die zeitnahe Umsetzung der beschlossenen
Maßnahmen zusammen mit weiteren Fortschritten hin zu einer Banken-
und Finanzunion Priorität haben müssen.“
So eine alternativlose Aussage schließt natürlich eine Widerrede
aus.
Dazu kommt der Vorwurf, dass die erst vor Kurzem wegen ihrer
mangelnden Informationspolitik dem Deutschen Bundestag gegenüber
verurteilt wurde, nun wohl erneut dem Parlament Unterlagen
vorenthalten haben soll. FDP Haushaltsexperte und „Abweichler“ Frank
Schäffler hat diesbezüglich einen Beschwerdebrief an den
Bundestagspräsidenten Lammert gesendet. Konkret geht es um die Art
und Weise der spanischen Bankenrekapitalisierung und die Haftung
durch den spanischen Staat. Es ist kein Geheimnis, dass Spanien in
Sorge ist, dass die zusätzlichen bis zu 100 Mrd. Euro Staatsschulden
das Land an den Finanzmärkten ins Abseits drängt. Deswegen bevorzugt
die spanischen Regierung eine direkte Hilfe an die Banken (ohne
Haftung), was den spanischen Staat auf unsere Kosten entlasten
würde.
Auch geht mir das Herumgehacke auf den 200
Volkswirtschaftsprofessoren mächtig auf den Zeiger. Die letzten vier
Jahre hatten doch die Snowers, Horns uns wie sie alle heißen mögen,
die Gelegenheit ihre Bundesregierung zu beraten. Warum sind wir denn
in dieser, sogar vom IWF bestätigten schlechten Lage, wenn die alle
ach so recht hätten? Es waren doch genau jene, die den Kurs von
Merkel und der Regierung unterstützten, die sich zu rechtfertigen
haben. Und nicht die, die seit Jahren gegen diesen Kurs Sturmlaufen.
Ihnen dann noch vorzuwerfen, dass sie keine Alternativen zu dem Kurs
hätten, zeigt die Niveaulosigkeit der regierungsfreundlichen
Kritiker. Natürlich haben diese 200 Professoren eine Alternative.
Die will man nur nicht zur Kenntnis nehmen bzw. kanzelt sie als
anti-europäisch ab. An all diese honorigen immer auf der scheinbar
richtigen Seite der Macht stehenden Volkswirte hier meine
Vorschläge:
Sofortiger Austritt Griechenlands aus dem Euro und Einführung einer
Drachme mit Rückkehroption in den Euro. Diese
Einstieg-/Ausstiegsoption wird in das europäische Regelwerk als
disziplinierendes Element, das alle Euro-Staaten akzeptieren müssen,
aufgenommen. Flankierend werden Hilfen zum wirtschaftlichen Aufbau
des Landes angeboten, die aber nur gewährt werden, wenn nachweislich
„geprüfte“ Fortschritte erzielt wurden.
Europaweite Einführung eines Trennbankensystems, wobei man den
Bericht der britischen Bankenkommission zugrunde legen sollte.
Additiv werden Bankgeschäfte in begrenztem Volumen für Nichtbanken
zugelassen, damit sich insbesondere im Internet die bereits
vorhandenen, kreativen und intelligenten Ansätze weiter entwickeln
können und endlich wirklicher Wettbewerb in diese verkrustete und
innovationsfeindliche Branche kommt.
Kein dauerhafter ESM. Der EFSF wird, da er nun mal da ist, nur
übergangsweise als Notnagel geduldet. Es erfolgt keine Aufstockung
mehr. Wiederberücksichtigung der weiter rechtswirksamen und gültigen
No-Bail-Out-Klausel.
Keine neuen Behörden. Statt der Bankenunion wird die EBA zu einer
beißkräftigen Aufsicht aufgebaut.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop und Value Börsenbrief. Nicht zuletzt wegen seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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