Es vergeht kein Tag, an dem nicht die Finanzmärkte (wen meint man da
genau?), die Spekulanten (wen meint man da genau?), die Ökonomen
(vielfach zu unrecht), Ratingagenturen (zu Recht), Banken (zu Recht)
und Versicherungen (zu Recht) kritisiert werden. Nicht wenige von
denen haben - natürlich in Ihrem jeweiligen Rahmen – und in
unterschiedlichster Weise massiv dazu beigetragen, dass es zu der
Finanzkrise mit anschließender europäischer Schuldenkrise kam.
Ob da ein Schlussstrich wie unter die „wohlfeile Bankenschelte“
wirklich gezogen werden kann – wie es offensichtlich die FTD gern
hätte- wage ich stark zu bezweifeln. Ich glaube persönlich, dass da
viele Schweinereien, insbesondere auch bei Banken, noch gar nicht
aufgedeckt sind. Insofern stimme ich dieser Zeitung, die
offensichtlich in der alten Welt stecken geblieben ist, auch nicht
zu, wenn Sie dem Eurogruppenchef Juncker aktuell recht gibt. Dümmer
kann man sich beinahe gar nicht mehr anstellen als Herr Juncker es
derzeit tut. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, er will das
Euro-Aus herbeireden. Um den Banken, auch in Luxemburg, noch mehr
Geld zuzuschussern. Herr Juncker sollte sich an einem altdeutschen
Sprichwort ein Beispiel nehmen: „Reden ist Silber, Schweigen ist
Gold.“
Wir sind da aber schon bei dem Thema bzw. der Spezies angelangt, zu
der ich kommen wollte. Bei der Politik und unseren Politikern. Die
ja immer alles besser wissen, sich in Talkshows wie die
Kesselflicker streiten und heute das und morgen das Gegenteil von
gestern sagen. Und überall, sei es in den Medien, also Verlagen und
Fernsehen, in der Versorgungsbetrieben, in den Landesbanken, in den
Sparkassen usw. usw. ihre Finger mit im Spiel haben. Man findet in
Deutschland kaum mehr einen Bereich, wo die nicht anzutreffen sind.
Wobei es sich da offensichtlich um wahre Kompetenzbolzen handeln
muss, die alles können. Ob Umwelt, Wirtschaft oder Verteidigung,
Justizwesen oder Kultur. Da wollen wir uns mal nicht mit zu viel
Sachkompetenz ausstatten, heißt wohl die Devise. Das schadet am Ende
nur. Vielmehr scheint es ein Hindernis zu sein, nachhaltige
Kompetenz auf einem Gebiet zu besitzen. Und so sehen die Ergebnisse
häufig dann auch aus. In den Kommunen, den Landkreisen, den
Bundesländern, im Bund, in Europa, aber auch auf der Welt.
Was aber immer mehr zur Belastung wird, ist der zu erkennende große
Mangel an volkswirtschaftlichen Zusammenhängen und Kenntnissen. Was
in einer Welt, in der die Wirtschaft angesichts der Globalisierung
das Leben von uns allen, noch nie so stark dominierte wie derzeit,
ein großes Manko und Handicap ist. Beinahe noch schlimmer als das,
ist die Negierung von volkswirtschaftlich feststehenden Gesetzen,
die unabänderlich sind. So bin ich immer wieder überrascht, was für
ein – natürlich interessensgesteuerter – Unsinn unter das Volk
gestreut wird.
Wenn wir uns z.B. die Ursachen der Finanzkrise anschauen, so
haben sie ihren Ausgang bei keinem anderen als Bill Clinton und
später George Bush. Es war die Clinton-Administration in den USA,
die sich dem Postulat einer Erhöhung der Eigentumsquote in der
amerikanischen Gesellschaft verschrieben hatte. Ziel dieser Politik
war es, auch sozial schwachen Schichten der US-Bevölkerung zu den
Erwerb eines Eigenheims zu ermöglichen. Daraus folgten regulierende
Eingriffe des amerikanischen Wohnungsbauministeriums, die die
staatlich gestützten Banken Fannie Mae und Freddie Mac anwiesen,
Hypotheken von Schuldnern mit geringer Kreditwürdigkeit zu kaufen
oder zu garantieren. Folge waren die so entstanden und so
sogenannten „Ninja-Kredite“: No income, no job, no assets“ (=kein
Einkommen, keine Arbeit, kein Vermögen), deren Risiken später von
den bekannten Investmentbanken mit der Verbriefung clever versteckt
und vielen Marktteilnehmern mit Unterstützung von Ratingagenturen an
den Mann/die Frau gebracht wurden. Hätte man damals den Markt machen
lassen, also die staatlichen Anreize außen vor gelassen, kann man
wohl mit Fug und Recht behaupten, dass es zu einer Finanzkrise
diesen Ausmaßes nicht gekommen wäre. Flankiert wurde das übrigens
damals von einer expansiven Geldpolitik der FED, welcher damals der
seinerzeit hochangesehene, bekennende Atheist Alan Greenspan vorsaß.
Der wegen seiner Niedrigzinspolitik auch „Zins-Eliminator“ genannt
wurde. Greenspan war stets gegen eine feste Regelbindung der
Geldpolitik, was der Willkür natürlich Tür und Tor öffnete. Unter
seiner Führung wuchs die Geldmenge M3 von 3,6 Billionen Dollar auf
über 10 Billionen Dollar, also um über +280% in nur 19 Jahren. Was
über +10% p.a. bedeutete und nicht im Mindesten mit dem Wachstum des
amerikanischen Bruttosozialprodukts einherging. Die Folgen dieses
unverantwortlichen Verhaltens kennen wir alle.
Auch, wenn wir uns die Geburtsstunde des Euro anschauen, so haben
schon damals die heute ach so gescholtenen - wie man heute bitter
erkennen muss - sehr verantwortungsvollen und im Recht gewesenen
Ökonomen gewarnt. Ob Tietmeyer, den Kohl in der Eurofrage überging,
Köhler oder auch Banker wie Herrhausen. Damals – wie übrigens heute
auch – setzten sich die Politiker in ihrer Unvernunft und ihrem
volkswirtschaftlichen Analphabetismus über diese begründeten
Warnungen hinweg. Zur politischen Wahrheit gehört es allerdings
auch, dass es auch damals mit Francois Mitterand ein sozialistischer
Franzose war, der die sog. „Vertiefung der Wirtschafts- und
Währungsunion“, also den Euro, zur Bedingung der Wiedervereinigung
machte. Dass wir heute mit Hollande schon wieder einen
sozialistischen Franzosen haben, der versucht uns
volkswirtschaftlich in die falsche Richtung zu lenken, ist
bemerkenswert. Wie auch die Drohung der Aufkündigung des
deutsch-französischen Freundschaftsbündnisses durch Sarkozy, was zur
Beseitigung der No-Bail-Out-Klausel geführt haben soll.
Im Zusammenhang mit der Schuldenkrise darf man auch die Tatsache
nicht außer Acht lassen, dass die SPD und die Grünen unter
Bundeskanzler Schröder den Finanzmarkt massiv deregulierten und die
sog. „Massenvernichtungswaffen“ erst hierzulande zuließen. Von
vielen unbemerkt bleibt auch das SPD-Steuergeschenk an die Konzerne,
die damals Beteiligungsverkäufe steuerfreigestellt hat, wo dem
Fiskus zig Mrd. entgingen, während unser Peter Hartz gleichzeitig
seine nach ihm benannte Reform durchführte, an der nicht nur die SPD
noch heute leidet. Wenn ich da wieder so manch überzeugte Stimme
höre, so rate ich zur Zurückhaltung, die angesichts der aktuellen
Verwerfungen nun wirklich einmal angebracht wäre.
Und auch bei der Wiedervereinigung Deutschlands waren es Ökonomen
wie z.B. auch Prof. Dr. Siebert vom hiesigen Institut für
Weltwirtschaft, der die wirtschaftliche Vorgehensweise des
ökonomischen Zusammenschlusses der beiden Deutschland kritisierte
und eine andere Vorgehensweise vorschlug. Auch darüber setze sich
die Politik einfach hinweg. Die Folgen tragen wir noch heute. Obwohl
sich im Osten Deutschlands inzwischen in Teilregionen viel zum Guten
gewendet hat.
Mir geht es übrigens nicht darum, der Politik ihren Primat zu
nehmen. Im Gegenteil. Wobei sie das inzwischen selbst macht, was man
an dem unwürdigen Schauspiel erkennen kann, dass sie den
Finanzmärkten wie ein Freier einer ihn verschmähenden Frau
hinterherrennt. Mir geht es vielmehr darum, dass die Politik und die
Politiker endlich ihrer ökonomischen Verantwortung wieder gerecht
werden, indem sie den Primat der Politik wieder in den Mittelpunkt
stellen. Das fängt damit an, dass man die Soziale Marktwirtschaft
wieder in standsetzt und deren segensreiche Wirkungen über eine
vernünftige Ordnungspolitik gewähren lässt. Wer weiß denn heute
noch, dass der Nationalökonom Alfred Müller-Armack, einer der
Gründungsväter, der nach mancher politischer Wirrung mit Ludwig
Erhard zusammen, noch während des Faschismus ein Konzept für eine
Wirtschaftsordnung nach dem Krieg erarbeitete, das Ordoliberalismus
mit der christlichen Soziallehre vereinte? Es war eben kein
Laisser-Faire Kapitalismus angelsächsischer Prägung, sondern eine
durch einen klaren und verlässlichen Ordnungsrahmen begrenzte und
flankierte Wirtschaft, die sich in ihrer hohen Leistungsfähigkeit in
die bewusst gestaltete Gesamtordnung einfügt. Übrigens ist eine
funktionierende Rechtsordnung und das Einhalten von Recht und Gesetz
eine Grundvoraussetzung für das Wirtschaften. Auch der Erfolg der
Hanse ist auf Rechtssicherheit, Schutz der Handelswege und klaren
Regeln gegründet. Noch heute kennt das HGB den leider nur mehr
selten anzufindenden hanseatischen Kaufmann.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop und Value Börsenbrief. Nicht zuletzt wegen seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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