Obwohl Mario Draghi seiner Ankündigung vor zwei Wochen, unbegrenzte
EZB-Mittel zum Ankauf von Staatsanleihen zur Verfügung zu stellen,
keine konkreten Schritte folgen ließ, setzten die internationalen
Aktienmärkte nach einer „Schrecksekunde“ zu einer neuerlichen
Hausse-Bewegung an. Seit der Lehman-Krise 2008 wurden sämtliche
Aktienrallyes durch Stimulus-Aktionen der Zentralbanken ausgelöst.
Wie so oft werden die sich verschlechternden Wirtschaftsdaten ins
Positive umgedeutet, da die Wahrscheinlichkeit von EZB-Maßnahmen in
diesem Fall steigt. In der Tat fließen dann offensichtlich sofort
Gelder in die Aktienmärkte. Erstaunlich, denn nachhaltig kann diese
positive Aktienentwicklung bei einem sich verschlechternden
wirtschaftlichen Umfeld nicht sein. In Europa scheint aus den
südlichen Peripherie-Ländern heraus eine Rezession aufzuziehen und
wirkliche Fortschritte in der Bewältigung der EU-Schuldenkrise sind
noch nicht erkennbar. Auch die Gelddruckmaschinen der Zentralbanken
können nicht endlos beansprucht werden. Vielmehr muss in Kürze die
Entscheidung darüber fallen, inwieweit die europäische Gemeinschaft
bereit ist, Griechenland und in Kürze vielleicht auch andere
EU-Staaten massiv mit Krediten beziehungsweise Staatsanleihenkäufen
zu unterstützen. Die Aktienmärkte werden sich in den nächsten Wochen
wohl von tiefer Enttäuschung zu überbordender Hoffnung hangeln.
Die internationalen Aktienmärkte zeigen bereits erhöhte
Volatilitäten, wie die beiden Tage nach der letzten EZB-Sitzung
gezeigt haben. Am Tag der Sitzung mussten Anleger ein Minus von
knapp 4 Prozent im DAX und STOXX hinnehmen. Am darauffolgenden Tag
zeigten dieselben Anleger die erstaunliche Fähigkeit, die nicht
erfüllten Erwartungen, die EZB-Präsident Draghi geweckt hatte,
umzuinterpretieren. Zwar wird die EZB nicht sofort ihr gesamtes
Arsenal auspacken, um die Staatsanleihenkrise zu bekämpfen, aber sie
hat ja immerhin ihre Bereitschaft dazu gezeigt. Spätestens im
September wird es nach Meinung vieler Marktteilnehmer dazu kommen.
Was dann daran positiv sein soll, wenn ein Land wie Spanien unter
den Rettungsschirm schlüpfen könnte, erschließt sich dem neutralen
Beobachter nicht auf den ersten Blick. Immerhin werden die
EZB-Hilfen dann nicht, wie befürchtet, zum Nulltarif ohne eigene
Anstrengungen der Schuldnerstaaten gewährt. Die damit verbundenen
Sparmaßnahmen werden aber definitiv negative Wirkungen auf die
wirtschaftliche Entwicklung haben. Und dies wird sich kaum positiv
auf die Unternehmensgewinne auswirken können. Bis zum September und
den darauf folgenden Ankündigungen der Zentralbanken werden uns die
volatilen Marktentwicklungen erhalten bleiben. Zum Aufspringen auf
den Kurszug ist es wohl zu spät, Käufe sollten erst nach stärkeren
Kursrückgängen durchgeführt werden.
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Michael Beck, Leiter Portfolio Management, Bankhaus ELLWANGER & GEIGER KG |
Michael Beck ist Leiter des Portfolio Managements bei ELLWANGER & GEIGER Privatbankiers. Das Stuttgarter Bankhaus ist spezialisiert auf die Vermögensverwaltung für private und institutionelle Kunden sowie auf Immobilien im privaten und gewerblichen Bereich. Als Kapitalmarkt-Experte schätzt Michael Beck in der wöchentlichen Marktmeinung aus Stuttgart aktuelle Entwicklung und Chancen an den Aktienmärkten ein.
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