Über Totgesagte ...



09:36 10.10.13

und ihr langes Leben
Wenn die Sonne wieder scheint

Seit einigen Wochen geben deutsche Solar-Aktien Kaufsignale. Solar? War das nicht jene Zombie-Branche, die seit Jahren schlagzeilenträchtig um ihr Überleben kämpft? Die Geschichte der Branche ist wechselhaft und obwohl man sich mit Nachhaltigem beschäftigt, war das ursprüngliche Geschäftsmodell genau das nicht nachhaltig. Die seinerzeit erzeugte Scheinblüte beruhte im Wesentlichen auf staatlichen Subventionen und ließ ausgerechnet im sonnenarmen Deutschland die Solardächer wie die Pilze aus dem Boden sprießen. Auch andere witterten das Geschäft und insbesondere in China wurden gewaltige (Über-)Kapazitäten für die Produktion von Solarmodulen aufgebaut. Als sich die Solarlobby zunehmend einer Diskussion über Sinn und Unsinn der exorbitanten Förderungen ausgesetzt sah, kippten erst die Aktien, dann die Stimmung und letztlich die ganze Branche. Dem Riesenrausch folgte der Riesenkater und einstige High-Flyer verloren weit über 90% ihres Wertes, wenn sie denn überhaupt überlebten. Die Musterbranche grünen Wirtschaftens war hart auf dem Boden der ökonomischen Realität aufgeschlagen. Soweit die Geschichte.

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Der DAXSubsector Renewable Energies umfasst alle Titel des deutschen Prime-All-Share-Index, die mit Erneuerbaren Energien zu tun haben das Thema Solarenergie bildete hier traditionell den Löwenanteil. Obwohl die Branche derzeit medial nicht gerade auf der Sonnenseite steht, entwickelt der Subsector frisches Leben (vgl. Abb.): Zum einen wurde der seit 2007 intakte Abwärtstrend (blaue Linie) jüngst nach oben durchbrochen, zum anderen und das erscheint uns an dieser Stelle sogar noch wesentlicher bildete sich im Relativchart zum Prime-All-Share-Index (jeweils Performanceindex) im Jahr 2013 ein offensichtlich tragfähiger Boden heraus. Was ist der Hintergrund dieser Entwicklung?

Michael Kollenda, Vorstand der Münchner SALUTARIS Capital Management AG spricht in diesem Zusammenhang von Solar 2.0 und verweist darauf, dass die Branche inzwischen erwachsen geworden sei. Nach der Bereinigung der Exzesse der vorangegangenen Jahre steht nun nicht mehr die Subvention im Vordergrund, sondern das wirtschaftlich tragfähige Konzept. Zum Standortfaktor Nr. 1 für Solarinstallationen wird wer hätte es gedacht? nicht mehr das üppig fließende Staatsgeld, sondern die Sonneneinstrahlung. Deutschland hat hier vergleichsweise wenig zu bieten. Phoenix Solar*, einer der Überlebenden des Solarcrashs, hat nun unter der neuen Leitung von Dr. Bernd Köhler die Zeichen der Zeit richtig gedeutet. Nach einem radikalen Sanierungskurs, der, so Kollenda, praktisch zur Schließung des gesamten angestammten Deutschlandgeschäfts führte, wurde die Tätigkeit auf drei vielversprechende Regionen ausgerichtet: USA, Mittlerer Osten, Singapur. Die ersten Abschlüsse von Großprojekten scheinen der Mannschaft um Köhler ebenso Recht zu geben, wie der bereits deutlich angestiegene Aktienkurs. Skeptischer zeigt sich Kollenda dagegen beim ehemaligen Branchenführer Solarworld, der nur durch Zugeständnisse seiner Anleihegläubiger überhaupt überleben konnte. Zwar hat sich der Kurs in nur acht Handelstagen mehr als verdoppelt, darin sieht Kollenda aber einen klassischen Short Squeeze, denn es gab nur wenige, die darauf gesetzt hatten, dass Unternehmensgründer Frank Asbeck die Kurve bekommt. Auch Kollenda glaubt nicht daran, dass angesichts der drückenden chinesischen Konkurrenz die Produktion von Solarmodulen in Deutschland noch zu einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte werden kann.

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Jagd auf Griechen-Banken
Noch so ein Thema, das kaum mehr ein Anleger auf dem Radar hatte, sind griechische Bankaktien. Vielleicht wird sich manch einer sogar verwundert die Augen reiben, dass es nach der Malaise der vergangenen Jahre überhaupt noch griechische Banken gibt. Es gibt sie. Das ist u.a. auch dem US-Hedgefonds-Manager John Paulson aufgefallen. Er soll sich in dem Sektor stark engagiert haben. Namentlich wurden Piraeus Bank und Alpha Bank in Zeitungsartikeln erwähnt. Die Institute befänden sich auf gutem Weg und verfügten mittlerweile auch über eine ordentliche Kapitalausstattung. Der Kurs der Alpha Bank zog auf diese Meldung hin zwar unter riesigen Umsätzen an und stoppte dann erst einmal (vgl. Abb.). Das wäre nicht ungewöhnlich, dass sich eine Bewegung erst einmal entlädt, sobald die Argumente dafür auf dem Tisch liegen danach wäre dann erst einmal ein Durchatmen angesagt. Die Börse vergütet ohnehin eher die Übernahme von Risiken und Unsicherheiten, als das Nachvollziehen von Zeitungsberichten. Auch muss man sich bei solchen Meldungen immer fragen, ob diese nicht bewusst an die Presse lanciert wurden, um ein paar Käufer anzulocken. Außerdem bleibt das Thema Griechenland ein hochsensibles und -politisches. Wir haben uns bekanntlich schon einmal mit Griechenland-Anleihen und auch mit griechischen Bankaktien die Finger verbrannt. Unabhängig von all diesen Erwägungen sagt aber ein Chart oft mehr als tausend Worte, denn hinter diesem Bild steckt echtes Commitment in Form entsprechender Käufe und Verkäufe der Marktteilnehmer. Das Marktverhalten zeigt eine deutliche Abschwächung und Auffächerung des mehrjährigen Abwärtstrends während der letzten Monate. Ein neuer Aufschwung ist diese Stabilisierung freilich noch nicht, dennoch sollte man den Sektor einmal im Hinterkopf behalten, denn wohl keine Branche kann sich auf die mächtigen Freunde in der Politik so sehr verlassen, wie das Bankwesen oder war es umgekehrt?!

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Zu den Märkten
Abseits der beiden beschriebenen Spezialsituationen braut sich jenseits des Atlantiks Ungemach zusammen. Der weltweit noch immer taktangebende Dow-Jones-30-Industrial-Average (DJIA) befindet sich in einer prekären Lage: Schon saisonal gelten die Monate September und Oktober als Leidensmonate für Aktionäre. Während wir den September noch gut überstanden haben, hat sich in dieser Phase eine bedrohliche Formation herausgebildet: Drei eng beieinander liegende Allzeithochs, auf die jeweils markante Kursrückgänge erfolgten, offenbaren eine innere Schwäche des Marktes. Die Standarderwartung bei einem Allzeithoch ist nämlich auf einen weiteren kräftigen Kursanstieg gerichtet. Als am 5.3.2013 das langjährige Allzeithoch vom 11.10.2007 (14.198,10 Punkte) überwunden wurde, gelang das noch leidlich: Der Index zog in den Folgewochen bis zum 22.5.2013 auf ein neues Allzeithoch von 15.542,40 Punkten an, was einem Kursgewinn von knapp 9,5% entsprach. Das war Gipfel Nummer 1. Gipfel Nr. 2 prägte sich dann am 2.8.2013 bei 15.658,43 Punkten, nur ganze 0,7% höher aus. Bei Gipfel Nr. 3 (18.9.2013 / 15.709,58 Punkte) stand dann lediglich noch ein mageres Plus von 0,3% gegenüber Gipfel Nr. 2 auf dem Zähler. Danach ging es kontinuierlich bergab. Damit qualifizieren sich die letzten beiden Allzeithochs als echte Fehlsignale und weisen in die entgegengesetzte Richtung nach unten! Inzwischen wurde auch der seit März 2009 gültige Abwärtstrend gebrochen, was ebenfalls keinen Anlass zur Freude gibt. Dieser Trend wurde im November 2012 schon einmal gebrochen, der Markt erholte sich damals jedoch auf wundersame Weise Danke, Ben!

Aktuell sehen wir jedoch einen US-Notenbankchef auf Abruf und ein im Haushaltsstreit noch immer vollkommen zerstrittenes Polit-Establishment. Nicht dass wir Bernanke nicht mehr für handlungsfähig halten vielleicht ist die Notenbank sogar die einzig wirklich handlungsfähige Institution , aber möglicherweise lässt man diesmal die Dinge ein bisschen weiter laufen, damit die designierte Nachfolgerin Janet Yellen mit der Lösung einer größeren Finanzkrise gleich einen ordentlichen Einstand hat. Für mögliche Unfälle besteht also durchaus einiges Potenzial.
 


Musterdepot Aktien
Unser Kauflimit für 4.000 Stück der PNE Wind* (WKN A0JBPG, akt. Kurs: 3,21 EUR) ist bei 3,35 EUR ausgeführt worden. Unser Bestand erhöht sich damit auf 8.000 Stück (Depotanteil ca. 9%).

Auch unser Kauflimit für weitere 5.000 Stück des Toyota-Call (5.500, Dez. 2014 WKN SG3UUE, akt. Kurs: 0,92) wurde bei einem Kurs von 0,91 EUR ausgeführt. Unser Bestand beträgt nunmehr 10.000 Stück (Depotanteil knapp 4%).

Unser Kauflimit von 0,50 EUR für die kanadische Zecotek Photonics* (WKN A0M 8QZ, akt. Kurs 0,64 EUR) wurde nicht erreicht. Wir laufen den gestiegenen Kursen in dem marktengen Papier nicht hinterher und streichen das Kauflimit.

Die 3.000 Stück unseres DAX-Puts (7.000, Sep. 2014 WKN TB5 F6D, akt. Kurs: 1,90 EUR) haben wir zu 1,77 EUR verkauft. Damit wurde die Versicherung mit einem Verlust von 26,9% aufgelöst.

In Anbetracht des schwelenden Haushaltsstreits wollen wir alle unsere amerikanischen Titel abstoßen, zumal sich jeweils auch die Chartbilder (siehe auch Dow Jones) zuletzt verschlechtert haben. Einerseits sind jeweils durchaus ordentliche Gewinne aufgelaufen (außer bei IBM), andererseits befürchten wir ganz kurzfristig eine Dollarschwäche, im Zuge derer diese Titel aus unserer europäischen Sicht über die Maßen im Kurs gedrückt werden könnten. Alle Titel bleiben auf unserer Watchlist und werden dementsprechend unter Umständen wieder zurückgekauft. Wir verkaufen alle vier Titel 250 Anteile an Amgen (WKN: 867900), 750 Anteile an Pfizer (WKN: 852009), 300 Anteile an Procter & Gamble (WKN: 852062) und 120 Anteile an IBM (WKN: 851399) zur morgigen Eröffnung in Frankfurt.

Eine unerfreuliche Entwicklung ist bei unserem Musterdepotwert Rakuten (WKN 927128, akt. Kurs: 9,18 EUR) zu vermelden. Yahoo Japan kündigte eine Streichung der Gebühren für Online Shops an, wodurch dieses Portal an relativer Attraktivität zulegen dürfte und das Geschäftsmodell von Rakuten angegriffen wird. Dahinter scheint wohl auch eine Fehde zwischen zwei japanischen Milliardären Masayoshi Son (Yahoo Japan) und Hiroshi Mikitani (Rakuten) zu stecken. Das Ganze kostete die Aktionäre beider Gesellschaften in wenigen Tagen mehr als vier Milliarden USD. Wir verkaufen zur morgigen Eröffnung in Frankfurt bestens.

Musterdepot Fonds
Keine Veränderungen

Fazit
Immer wieder erteilen die Märkte den Anlegern interessante Lehren zumindest denen, die lernen wollen. Wenn die Kurse einzelner Branchen oder Länder anziehen, die Nachrichten- und Stimmungslage aber schlecht ist, dann ist es häufig die Kursentwicklung die unser Vertrauen verdient. Das Gleiche gilt natürlich auch umgekehrt: Wenn allgemein in Optimismus gemacht wird, die Kurse aber einfach nicht mitspielen wollen, dann ist höchste Gefahr im Verzug.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit * gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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