Weich gelandet



14:25 17.08.17

Warum wir uns an Zombie-Unternehmen wie Air Berlin gewöhnen sollten
Bitcoin-Fieber

Viele Beobachter – auch wir – reiben sich verwundert die Augen, in welche Höhen das Kryptogeld Bitcoin (BTC) inzwischen angestiegen ist. Preise von mehr als 4.000 USD für einen BTC wurden bereits aufgerufen und bezahlt. Einen solchen Siegeszug hätten dem Projekt, dessen Hintermann bzw. Hintermänner nach wie vor im Dunkeln liegen, wohl nur wenige zugetraut. Inzwischen ist ein Bitcoin teurer als drei Feinunzen Gold. Bei einem solchen Austauschverhältnis bevorzugen wir „altmodische“ Edelmetalle. Interessanterweise steht dem Siegeszug bei den Preisen bislang kein vergleichbarer Durchbruch bei der Verwendung von Bitcoins im Alltag gegenüber. Dort führt die Kryptowährung weiter ein Nischendasein. Grundsätzlich hat das Projekt aber durchaus Charme. Staatsfreies Geld, das sich im Wettbewerb durchsetzt, ist eine Idee, die mit Friedrich August von Hayeks Forderung nach einer „Entnationalisierung des Geldes“ durchaus kompatibel ist.

Aktuell ist die vielleicht wesentlichste Eigenschaft des Bitcoin – neben der als Spekulationsobjekt – die äußerst preiswerte Überwindung eines auch grenzüberschreitenden Raumwiderstands, selbst für große Beträge. Das jedoch ist genau jene Eigenschaft, die ihn noch viel stärker in das Visier des Kampfes gegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung rücken müsste als etwa das Bargeld. Allerdings, und das ist erstaunlich genug, lässt man die „Parallelwährung“ in vielen Ländern ohne größere Einschränkungen gewähren, möglicherweise um die Geldnutzer an die grundsätzliche Idee zu gewöhnen und später ein skandalfreies staatliches Kryptogeld einzuführen – dies dann natürlich wieder zwangsweise. Aber selbst wenn das noch in weiterer Ferne ist, muss man jederzeit mit einer verschärften Regulierung des Marktes für Kryptowährungen rechnen. Charles Hoskinson, einer der Gründer von Ethereum, die den äußerst erfolgreichen Bitcoin-Konkurrenten Ether ins Rennen geschickt haben, hält den Markt aus diesem Grund sogar für eine „Zeitbombe“. Dem aktuellen Hype konnte aber nicht einmal die Verunsicherung und Verärgerung aufgrund der Spaltung des Bitcoin alt in Bitcoin und Bitcoin Cash etwas anhaben. Und da der Bitcoin ohnehin nicht nach klassischen Maßstäben zu bewerten ist, ist er im Moment ein Fall von „die Hausse nährt die Hausse“, was nahtlos in eine Blase übergehen kann, oder vermutlich sogar schon übergegangen ist. Eines sollte aber auch klar sein: Für sein Überleben ist der Bitcoin prinzipiell auf steigende Kurse angewiesen, sollte der Kurs nämlich einmal nachhaltig unter die tendenziell ebenfalls steigenden „Schürfkosten“ für neue Bitcoins fallen, dann käme das Kryptogeld vermutlich in ernsthafte Schwierigkeiten.

Berlin stützt Air Berlin

Es ist Wahlkampf und das ist die Zeit, in der Regierungen öffentlichkeitswirksam versuchen Unternehmer zu spielen. Da werden beispielsweise Quelle-Kataloge auf Steuerzahlerkosten gedruckt oder die Politik entdeckt ihr Herz für „Schlecker-Frauen“. Unternehmen, die am Geschmack und Bedarf des Publikums vorbei produzieren und anbieten, gelten nun plötzlich als unwiederbringliche Kulturgüter, die zu „retten“ sind. Es ist nicht so, dass wir von dieser Regierung einen funktionsfähigen ordnungspolitischen Kompass erwartet hätten, insofern ist das, was sich jetzt um die Air Berlin abspielt nur ein weiteres Kapitel einer unendlichen Geschichte aus Hybris und Dummheit. Nach Jahren erfolgloser Sanierungsversuche hat der Hauptaktionär, die Fluggesellschaft Etihad aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Reißleine gezogen und die finanzielle Unterstützung für die kränkelnde deutsche Beteiligung nun eingestellt – „keine positive Fortbestehensprognose“, wie das relativ nüchtern heißt. Das wissen die großen Unternehmerpersönlichkeiten Angela Merkel und Sigmar Gabriel natürlich besser und wollen der insolventen Fluglinie noch mal eben 150 Mio. EUR an Steuerzahlergeld zur Verfügung stellen (Details siehe unten). Da kann dann zumindest noch bis nach der Bundestagswahl ein wenig weitergewurstelt werden. Erst dann darf Air Berlin ihren wohlverdienten Eingang in die Geschichtsbücher finden.

Zombie-Airline

Erst vor einigen Wochen hatte Clemens Fuest, Chef des Münchener ifo-Institut, davor gewarnt, dass uns die aktuellen Minuszinsen eine Vielzahl an „Zombieunternehmen“ bescheren dürften. Untote, die unter reellen marktwirtschaftlichen Bedingungen niemals überleben würden. Durch die moderne Finanzalchemie der EZB würde solchen Unternehmen aber das Überleben gesichert. Die chronisch defizitäre Air Berlin darf fast als Paradebeispiel für ein solches „Zombieunternehmen“ angesehen werden. Immerhin ist das Unternehmen seit knapp einem Jahrzehnt ein chronischer Sanierungsfall. Nur um einmal auf die nackten Zahlen zu blicken: Mit Ausnahme von einem Jahr (2012) erwirtschaftete die Airline zwischen 2010 und 2016 durchgängig hohe dreistellige Millionenverluste. Eine „positive Fortführungsprognose“ war damit aus rein wirtschaftlicher Sicht schon lange nicht mehr gegeben. 2016 fiel z.B. bei einem Umsatz von 3.785 Mio. EUR ein Verlust von 782 Mio. EUR an. Der operative Cashflow lag bei -472 Mio. EUR – bei einer Bilanzsumme von insgesamt 1.383 Mio. EUR. Positives Eigenkapital war bei Air Berlin seit Jahren lediglich ein Wunschtraum.

Das Papier nicht wert

Lediglich durch einen „Letter of Support“ des arabischen Großaktionärs Etihad konnte am Ende überhaupt ein Bestätigungsvermerk des Abschlussprüfers erlangt werden. Allerdings bemerkten die Prüfer trocken, dass es höchst fraglich sei, ob diese Unterstützung im Fall der Fälle auch das Papier wert sei, auf dem es geschrieben sei („verbleiben Zweifel, ob diese im Falle der Notwendigkeit durchgesetzt werden können“). Air Berlin ist also weniger ein Unternehmen von Gnaden der EZB als von einer größenwahnsinnigen Golf-Airline, die nun schlicht und ergreifend die Lust an ihrem teuren Hobby verloren hat. Laut Ad-hoc-Mitteilung wird die Bundesregierung nun den Flugbetrieb mit einem 150 Mio. EUR schweren Kredit sichern, der durch – na was wohl – besichert ist? Eine Bundesbürgschaft! De facto gibt die staatliche Bank KfW ein Darlehen, für das der Steuerzahler gerade steht. Zurückgeführt werden soll dieses unter anderem durch den Verkauf der Landerechte von Air Berlin an diversen Airports. Blöd nur, dass auch diese Vermögenswerte in der Bilanz von Air Berlin längst aktiviert sind und mit Sicherheit zugunsten eines clevereren Financiers als der Bundesregierung abgetreten sind.

Nordkorea

In den letzten Tagen ist es etwas ruhiger um Nordkorea geworden. Nachdem die USA dem nordkoreanischen Regime endlich einmal glaubhaft die eigenen Grenzen aufgezeigt haben, ist sogar China auf eine härtere Linie gegen seinen Immer-noch-Verbündeten eingeschwenkt und hat Wirtschaftssanktionen gegen Pjöngjang verhängt. Unter dem ehemaligen US-Präsidenten Obama tanzte Kim Jong-un dagegen der Welt mit immer neuen Raketentests auf der Nase herum. Es scheint – wir formulieren das bewusst sehr vorsichtig –, als verstünde der nordkoreanische Diktator die klare Sprache Trumps und die Botschaft einer unzweideutigen Abschreckung ungleich besser als das Appeasement-Herumgeeiere jener, die „diplomatische Lösungen“ anmahnen. Das verkennt nebenbei, dass die Drohung mit militärischen Konsequenzen – anders als militärische Aktionen selbst – durchaus noch der Diplomatie zuzurechnen sind. Besonders in Deutschland sollte man doch wenigstens diese eine Lektion aus der Geschichte gelernt haben, dass Appeasement gegenüber aggressiven Diktaturen eben gerade keine Friedenspolitik ist. Doch weit gefehlt: SPD-Kanzlerkandidat Schulz nannte Trump, nicht etwa Kim, wegen seiner Rhetorik "verantwortungslos" und die Bundeskanzlerin kritisiert die „Eskalation der Sprache“, ebenfalls gemünzt auf Trump. Ansonsten gefällt sich die deutsche Politik besonders darin, Washington zu maßregeln und Moskau und Peking „aufzufordern“. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass man deutsche Spitzenpolitiker weder in Washington, noch in Moskau oder Peking noch sonderlich ernst nimmt. Trump jedenfalls reagierte hintergründig: „Lasst sie für Deutschland sprechen. Sie ist eine sehr gute Freundin von mir.“ Das wäre tatsächlich gar keine schlechte Idee, dass eine deutsche Regierung wieder mal vor der eigenen Tür kehrt, bevor sie weiter durch die ganze Welt moralisiert und sich all überall als Retter aufspielt. Arbeit genug gäbe es – auch außerhalb von Air Berlin.



Zu den Märkten



Nachdem der DAX unter dem Eindruck der Koreakrise zunächst deutlich nachgab, ist nun wieder etwas Ruhe eingekehrt. Der Index konnte sich sogar wieder in die Schiebezone zwischen 12.100 und 12.400 Punkten erholen. Das ist der Bereich der Nicht-Entscheidung. Im Hinterkopf sollte man allerdings behalten, dass der Markt technisch nach der vollendeten Schulter-Kopf-Schulter-Formation und dem gebrochenen Aufwärtstrend (vgl. Abb.) noch immer angeschlagen ist. Auch kann der Krieg der Worte um Nordkorea noch einige negative Überraschungen produzieren, die den Markt dann wieder schlagartig verunsichern können.

Musterdepot Aktien & Fonds

Wir trennen uns von einem Teil unserer Edelmetall-Positionen und sichern unser Depot über ein Short Zertifikat ab. Mehr dazu lesen Sie im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Smart Investor in den Medien

Letzte Woche interviewte unser Chefredakteur Ralf Flierl den „Gentlemen-Adventurer“ und früheren Formel 1-Manager Kolja Spöri. Dabei sprachen die beiden unter anderem über die deutsche Auto-Industrie und das selbstzerstörerische Schüren von Konflikten in deutschen Köpfen. Sie finden das Video auf YouTube hier.

   
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Fazit

Politiker zeigen sich gerne mit Tieren, Kindern und immer häufiger auch mit gescheiterten Unternehmen. Im Fall von Air Berlin dürfte der ausgestellte 150 Mio. EUR Scheck aber zu einer teuren Reiserückholversicherung für deutsche Pauschaltouristen werden.

Ralph Malisch, Christoph Karl
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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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