Baader Bond Markets: "Das Börsenjahr 2018: Ein Buch mit sieben Siegeln!"



07:50 13.01.18


Klaus Stopp blickt umfassend auf die Woche im Rentenmarkt zurück. 12. Januar 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Das abgelaufene Börsenjahr war in der Rückbetrachtung vieler Investoren ein Selbstläufer und so etwas wie ein "Geschenk des Himmels". Doch nicht alle Anleger werden diese Meinung teilen, zumal deutsche Sparer nach jüngsten Hochrechnungen 38 Milliarden Euro an privatem Vermögen im vergangenen Jahr - aufgrund der EZB-Geldpolitik mit Negativzinsen - verloren haben. Die in diesem Zusammenhang gehegte Hoffnung, dass 2018 kein weiteres Abschmelzen der Vermögenswerte zu beklagen, sondern sogar ein Wertzuwachs zu vermelden sein wird, lässt uns spannungsgeladen ins neue Jahr starten. Jedoch sind die Unwägbarkeiten so zahlreich, dass es schon mit einem Blick in die Glaskugel zu vergleichen ist, möchte man eine seriöse Prognose abgeben. 

Die Bewertung der einzelnen Faktoren sollte nicht das eigentliche Problem darstellen. Denn hierbei kann man sehr wohl die positiven und negativen Folgen analysieren. Aber was man nicht vorherbestimmen kann, ist die zeitliche Komponente. Damit ist gemeint, welche Themen zu einem bestimmten Zeitpunkt im Fokus der Anleger stehen. Denn die Börse ist nicht wie ein Einwohnermeldeamt organisiert - und dementsprechend werden die Themen nicht nacheinander abgearbeitet, sondern müssen gleichzeitig an den Finanzmärkten analysiert werden. 

Meine Aufzählung der "Fallstricke" für 2018 erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und auch die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. So steht 2018 u. a. weiterhin ganz im Zeichen der unterschiedlichen Geldpolitik der Notenbanken der USA, der Eurozone und Japans. Einerseits wird in den USA auch in diesem Jahr eine Kombination aus Zinsanhebung und Bilanzabbau betrieben. Und andererseits wird die Bank of Japan (BoJ) an der bisherigen starren Haltung festhalten. Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen ist weiter auf der Suche nach dem Königsweg, um die Abhängigkeit von der Droge "billiges Geld" so nebenwirkungsfrei wie möglich zu gestalten. Fingerspitzengefühl ist hierbei Trumpf! In diesem Kontext werden auch die Entwicklung der Inflation in der Eurozone, beginnende Rangeleien um die Nachfolge von Mario Draghi und die Forderung von Jens Weidmann nach einem verbindlichen Termin für das Ende von QE eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Ergänzt wird dieser Themenkomplex um politische Unsicherheitsfaktoren wie die Weiterentwicklung der europäischen Idee, die Regierungsbildung in Deutschland, Wahlen in Italien und die US-Schuldenobergrenze sowie diverse wirtschaftliche Komponenten wie die "America First"-Sichtweise von D.T., dem Unberechenbaren, und dem Brexit. Die Unwägbarkeiten sind also vielschichtig, und die Analysten vertrauen auch weiterhin auf die Unterstützung der Notenbanken und die guten Konjunkturdaten. Dennoch ist anzumerken, dass insbesondere der wirtschaftliche Aufschwung nur geborgt wurde und irgendwann die Rechnung dafür bezahlt werden muss. Nur das "Wann" ist noch nicht bekannt. 

Die Mär von den sicheren Griechen-Bonds

Nanu, sind jetzt griechische Anleihen im zweijährigen Bereich sicherer als US-Anleihen mit gleicher Laufzeit? Betrachtet man die Renditen dieser Titel, könnte man diesen Eindruck erhalten. So rentieren Zweijährige aus Athen mit 1,29 Prozent gegenüber gleichlang laufenden Bonds aus Washington, die eine Rendite von 1,97 Prozent aufweisen.

"Zweijährige Anleihen aus Athen rentieren schlechter als ihre US-Pendants." 
 

Diese Situation suggeriert die Mär von den risikolosen Anleihen aus Griechenland - und lässt manchen Anleger der Versuchung erliegen, sich dort zu engagieren. Sind sie doch das renditeträchtigste Engagement, das man unter Euro-Staatspapieren derzeit noch eingehen kann. Angesichts des Umstands, dass ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone inzwischen vom Tisch scheint, mag das auch kein Wunder sein. 

Man sollte sich aber klarmachen, dass selbst die Europäische Zentralbank (EZB) trotz ihrer weiterhin expansiven Geldpolitik noch immer keine Bonds aus Athen ankauft und die Bonität Griechenlands anhand anderer Staatsanleihen, die in gleicher Währung emittiert werden, gemessen werden muss. Nimmt man nämlich zweijährige Bundestitel zum Vergleich, die eine negative Rendite von minus (-) 0,63 Prozent aufweisen, ergibt sich ein großer Abstand zum griechischen Wert. Dieser Vergleich spiegelt die tatsächliche Risikosituation besser wider als die Relation zu den US-Renditen.

"Vergleichbare Bundestitel mit negativer Rendite" 
  Weil Athen alles daransetzt, sich 2018 mit einem neuen Reform- und Sparpaket vom Tropf der Hilfskredite zu lösen, um wieder frei am Kapitalmarkt agieren zu können, lassen sich Anleger offenbar auf das Spiel ein. Im langfristigen Bereich spiegeln sich die wahren Verhältnisse besser wider. So rentieren zehnjährige Anleihen aus Griechenland mit 3,64 Prozent gegenüber 2,54 Prozent vergleichbarer US-Bonds. Bundesanleihen weisen hier eine Rendite von 0,54 Prozent auf. 

In der Diskrepanz zwischen den Renditen von US-Papieren und Bundestiteln kommt hier eher das Auseinanderklaffen der Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks zum Ausdruck. Nicht nur die Verzerrungen bei den Renditen griechischer Anleihen gehören zu den Merkwürdigkeiten des derzeitigen Zinsmarktes, sondern auch der viel zu große Abstand zwischen den Renditen deutscher und US-amerikanischer Anleihen sowie die extrem flache Zinsstrukturkurve in den USA.

"Auseinanderklaffen der Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks" 
 

London spielt beim Brexit auf Zeit

Zwar stellt der Brexit-Unterhändler der EU, Michel Barnier, den Briten eine teilweise Anerkennung ihrer Finanzmarktregeln in Aussicht, weil einige Regeln mit EU-Recht vergleichbar seien. Einen Freifahrtschein für die britische Finanzbranche aber wird Barnier nicht ausstellen. Es sei die EU, die eigenständig die Regeln festlege, so Barniers Tenor.

"Barnier zeigt Briten die Grenzen auf" 
 

Weil sie bei der EU immer wieder auf Granit beißen, suchen die Briten offenbar einen Ausweg, indem sie sich zunehmend auf eine Übergangsphase nach dem Brexit konzentrieren. Sie spielen also auf Zeit. So werben Finanzminister Philip Hammond und Brexit-Minister David Davis via "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im Vorfeld ihres Berlin-Besuchs für eine zeitlich befristete Periode, in welcher der Zugang zu den Märkten der anderen EU-Partner in seiner jetzigen Form erhalten bleiben soll. Die Prioritäten der EU seien nicht unvereinbar mit den unseren, heißt es da. Und wenn man die Minister weiter sagen hört, nach dem Ausstieg der Briten aus der Zollunion eine wirtschaftliche Partnerschaft über sämtliche Branchen hinweg schaffen zu wollen, einschließlich eines Abkommens zur verstärkten Kooperation innerhalb des europäischen Bankensektors, dann fragt man sich, warum man an der Themse den Brexit überhaupt noch will. Der Eiertanz der britischen Regierung um die Brexit-Verhandlungen geht offenbar weiter.

"Minister aus London werben für Übergangsfrist" 
 

Dennoch wappnet sich die britische Premierministerin Theresa May für einen harten Brexit, also den Fall eines EU-Austritts ohne Einigung mit Brüssel, indem sie dafür einen neuen Posten im Kabinett schaffen will. Der Schritt gilt in London als ein Signal an Brüssel, dass Großbritannien den Brexit in jedem Fall vollziehen werde - auch wenn die Verhandlungen über ein Anschlussabkommen scheitern sollten. Jüngsten Umfragen zufolge sehen zwei Drittel der Briten die EU in den Brexit-Verhandlungen in einer stärkeren Position als Großbritannien. 

Nachdem die Briten im Verlauf der Verhandlungen immer deutlicher mit den Realitäten eines Brexits konfrontiert worden sind, hatte vor Weihnachten erstmals das wachsende Lager der Remainer überwogen. Vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016 hatte bekanntlich die Fraktion der Befürworter immer wieder mit falschen Behauptungen (Fake News) für einen Austritt agitiert.



"May wappnet sich für EU-Austritt ohne Abkommen" 
  Nutzt Italien nach der Wahl die Gunst der Stunde?

In diesem Jahr erwartet Europa einmal mehr eine wegweisende Wahl, die das Prädikat schicksalhaft haben kann. Es handelt sich um den Urnengang in Italien am 4. März. Nachdem Staatspräsident Sergio Mattarella wie vorgesehen zum Jahresende 2017 das Parlament aufgelöst hat, ist der Weg für Neuwahlen frei. Bis im Anschluss eine neue Regierung gebildet werden kann, dürfte es, wie derzeit in Deutschland, aufgrund eines zu erwartenden unklaren Wahlergebnisses Monate dauern, rechnen politische Beobachter. Derzeit liegt die populistische Fünf-Sterne-Bewegung vorne, in deren Parteiprogramm sich Parallelen sowohl zur AfD als auch zur Linkspartei finden. Bemerkenswert ist hierbei, dass Luigi Di Maio nach einer Internet-Abstimmung zum Spitzenkandidat gekürt wurde und vieles dabei an eine TV-Castingshow erinnerte!

"Es werden unklare Mehrheitsverhältnisse befürchtet" 
 

Die "Fünf Sterne" kommen Umfragen zufolge auch nur auf bis zu 29 Prozent, gefolgt von der sozialdemokratischen Regierungspartei PD mit 23 Prozent. Lachender Dritter könnte Forza Italia werden, für die der wegen Steuervergehen verurteilte Silvio Berlusconi die Trommel rührt. Zusammen mit den Rechts-Parteien Lega Nord und Fratelli d'Italia könnte Forza Italia noch die besten Aussichten auf eine Regierungsbildung haben. Wird also ausgerechnet der "Bunga-Bunga-Berlusconi", bisher dreimal Ministerpräsident, zum Königsmacher in Rom? Immerhin trägt der 81-Jährige, der sich aufgrund seiner Verurteilung wegen Steuerhinterziehung 2013 keine Hoffnungen auf eine vierte Amtszeit machen kann, eine große Mitschuld an der enormen Schuldenlast Italiens in Höhe von 135 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

"Wird Berlusconi zum Königsmacher?" 
 

Aber um diese zu senken, müsste man in diesem Jahr endlich die Gunst der Stunde nutzen. Denn das italienische Wirtschaftswachstum hat sich auf 1,5 Prozent beschleunigt und die Zinsen sind auf historisch niedrigem Niveau. Außerdem wurde die Bonität des Landes von Standard & Poor’s 2017 auf Triple-B heraufgestuft. Hinzu kommt, dass Rom seine durchschnittliche Refinanzierung am Bondmarkt auf fast sieben Jahre gestreckt hat. Vor diesem Hintergrund rechnet der IWF damit, dass es dem Land gelingen kann, seine Schulden bis 2020 auf 126 Prozent des BIP zu drücken (Beachte: 60 Prozent gemäß Vertrag von Maastricht!). Für Italien tut sich also ein Zeitfenster auf, ein gutes Stück weit aus dem Schlamassel der Schuldenmisere herauszukommen. Es ist nur zu hoffen, dass diese Chance nach der Wahl im März genutzt wird. Sonst drohen weitere Jahre des Stillstands.

  Trump verfehlt das Thema von Davos

Soll man die Ankündigung als Drohung oder Hoffnungsschimmer verstehen? D. T., der Unberechenbare, kommt zum Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos vom 23. bis 26. Januar, um seine "America First"-Agenda voranzutreiben und für "amerikanische Unternehmen, die amerikanische Industrie und die amerikanischen Arbeiter" zu werben. Natürlich ist das WEF schon immer ein Platz gewesen, wo Wirtschaftsvertreter und Politiker für ihre Ansichten und Interessen geworben haben. Es stellt aber auch einen Ort des Meinungsaustausches dar, bei dem man gegenseitig für Verständnis wirbt.

"US-Präsident nimmt an Weltwirtschaftsforum teil" 
weiter  

Ob dies ausgerechnet mit Trump gelingen mag, darf zumindest bezweifelt werden - erst recht, wenn seine Entourage ankündigt, der US-Präsident wolle auf dem WEF vor allem "Business machen". Trump wolle in Davos erklären, was sein Leitspruch "America First" bedeute, sagte Martin Naville, Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, nämlich nicht Protektionismus, sondern Freihandel - aber eben, wer hätte es gedacht, nach amerikanischen Regeln. So benutzt ist der Begriff Freihandel schlicht und einfach ein Fake Word. Vielleicht will Trump ja Chinas Präsident Xi Jinping entgegentreten, der sich 2017 beim WEF in Anbetracht des damaligen Wahlsiegs von Trump zu einem Verteidiger des Freihandels gemacht hatte.

"Werbung für Leitspruch "America First" 
  An dem WEF, für das sich in diesem Jahr ca. 3.000 Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft angekündigt haben, hatte vor Trump bislang nur Bill Clinton als US-Präsident teilgenommen. Eigentlich hat Trump auf dem WEF auch nichts verloren! Denn das diesjährige Thema lautet "Für eine gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt". Und das widerspricht ja Trumps politischem Credo einer isolationistischen Wirtschafts- und Außenpolitik. Konkret sollen nach dem Willen der Veranstalter "innovative Ideen" vorgelegt werden, um etwa den Freihandel beizubehalten und den Umweltschutz zu stärken. Unter einen entsprechenden Schulaufsatz von Donald Trump würde der Lehrer schreiben: Thema verfehlt! 

Als Europas Hoffnung hat immerhin der französische Präsident Emanuel Macron seine Teilnahme in Davos angekündigt. Man darf gespannt sein, mit welcher Gegenposition er Trump Paroli bieten wird. 

Die Angst vor einer weiteren Konsolidierung

Zu Jahresbeginn setzte sich beim Euro-Bund-Future die im Dezember begonnene Konsolidierung und somit das Wechselspiel zwischen Aktien- und Rentenmärkten weiter fort. Zusätzlich befürchten die Handelsteilnehmer aber auch, dass infolge der guten Konjunkturdaten dies- und jenseits des Atlantiks es plötzlich zu einer Versteilerung der Zinskurven kommen könnte. Die aktuelle und nach heutigem Kenntnisstand zu erwartende Notenbankpolitik ist größtenteils eingepreist und somit wächst die Gefahr, dass wenige schlechte Meldungen eine hohe Volatilität erzeugen können, wie gestern die Meldungen zu Chinas Währungsreserven eindrucksvoll verdeutlichten. Diese Erwartungshaltung führte sicherlich u.a. dazu, das Renditeniveau abzusichern, um mit den entsprechenden Finanzmarktnachrichten Neupositionierungen vorzunehmen. 

In solchen orientierungslosen Zeiten greift man gerne auf die Charttechnik zurück und hierbei ist zu erkennen, dass der bereits am 15. Dezember eingeläutete Abwärtstrend weiterhin intakt ist. Die Unterstützungslinien verlaufen aktuell bei ca. 160,75 Prozent und 160,25 Prozent. Nach oben ist eine Widerstandslinie bei ca. 161,80 Prozent auszumachen, die zugleich die obere Begrenzungslinie des Abwärtskanals darstellt. 

Aktuell notiert das Rentenbarometer mit 161,41 Prozent knapp über der psychologischen Marke von 161 Prozent und somit vorerst im "Niemandsland", was renditemäßig bei der neuen 10-jährigen Bundesanleihe einer Range zwischen 0,50 Prozent und 0,65 Prozent entspricht. 

11. Januar 2018, © Baader Bank AG

Über den Autor

Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds der Baader Bank.

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Über den Autor
 
Autor: Klaus Stopp Klaus Stopp,
Baader Bank AG

Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.

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