Regionale Integration statt Protektionismus



16:53 22.03.18

Der drohende Handelskrieg ist das beherrschende Wirtschaftsthema der vergangenen Wochen. Doch es geht auch anders. Afrika macht endlich Fortschritte bei der regionalen Marktintegration. Das könnte dem Claim als Rising Stars neuen Glanz verleihen. Von Axel Rose

Bevor Peter Altmaier am Wochenende zu Gesprächen in die USA aufbrach, warnte der neue Bundeswirtschaftsminister noch einmal eindringlich vor einer Spirale von einseitigen Maßnahmen. Doch US-Präsident Donald Trump macht mit den angekündigten Strafzöllen ernst. Ausnahmen soll es vorerst nur für Kanada und Mexiko geben, alle anderen Nationen sollen generell 25 Prozent Einfuhrsteuern auf Stahl- und 10 Prozent auf Aluminiumimporte zahlen. Eine Hintertür für Verhandlungen bleibt, aber die Gefahr eines Handelskriegs ist größer denn je. Insbesondere falls die Strafzölle wie von Trump angedeutet auch noch auf Autos ausgeweitet werden sollten. Die EU hat bereits Vergeltungsmaßnahmen mit Handelsbarrieren für US-Waren ins Spiel gebracht und auch China kündigte eine Reaktion an.


Während die globalen Wirtschaftsmächte also zunehmend eigene Interessen voranstellen, geht Afrika den umgekehrten Weg. Waren zersplitterte Märkte lange Jahre eines der größten Handelshemmnisse des Kontinents, schreitet die regionale Marktintegration endlich voran. Beispielhaft dafür stehen zahlreiche Initiativen wie COMESA (Common Market for Eastern and Southern Africa), EAC (East African Community), ECCAS (Economic Community of Central African States) oder ECOWAS (Economic Community of West African States). Letztere etwa, umfasst 15 Länder und 350 Millionen Menschen und ist auf dem Papier damit ähnlich groß wie der US-Markt.


Integrierter Markt Voraussetzung für Skaleneffekte

Zwar schreitet die Handelsintegration insgesamt noch relativ langsam voran, aber Handels- und Investitionserleichterungen zusammen mit Fortschritten bei der Harmonisierung des Rechtsrahmens, der Verringerung von Grenzverzögerungen oder der Reform der Zollverfahren sollten nach und nach Wirkung zeigen. Schätzungen gehen davon aus, dass sich der innerafrikanische Handel bis zum Beginn des nächsten Jahrzehnts nahezu verdoppeln wird. Vorerst auf niedrigem Niveau, aber das langfristige Potenzial beziffert die Weltbank auf Billionen von US-Dollar.


Gelingt es einen integrierten regionalen Markt aufzubauen, wird Afrika auch für ausländische Investoren attraktiv. Denn nur mit einer gewissen Marktgröße sind die Skaleneffekte erzielbar, die internationale Konzerne suchen. Afrika ist aktuell vielleicht die einzige Region auf der Welt, die die rare Kombination aus Größe und Wachstum verspricht, die notwendig ist, um hohe Renditen auf Investitionskapital zu erwirtschaften. Mit über einer Milliarde Einwohner der zweitgrößte Kontinent der Welt, profitiert Afrika von starkem Bevölkerungswachstum, einhergehende mit zunehmender Urbanisierung, einer wachsenden Mittelschicht und steigender Kaufkraft der Verbraucher.


China wichtigster afrikanischer Handelspartner

China hat dieses Potenzial längst erkannt. Seit Jahren investiert das Reich der Mitte große Summen. Afrika ist der Kontinent, auf dem chinesische Unternehmen in Windeseile zu globalen Spielern wachsen können, auf dem China die Globalisierung aktiv mitgestalten kann. So haben die Telekommunikationsgiganten Huawei und ZTE einen Großteil der digitalen Netze in Afrika errichtet. Prinzip des "gegenseitigen Nutzens" nennt die chinesische Staatsführung die Kombination aus Entwicklungshilfe und Außenwirtschaftsförderung, die oft an knallharte Bedingungen geknüpft ist. Binnen weniger Jahre ist China so zum mit Abstand größten afrikanischen Handelspartner geworden.




Der Anteil der EU am Handel mit Afrika geht hingegen seit Jahren zurück. Gleiches gilt für Deutschland, das mehr Waren nach Schweden exportiert als auf den gesamten afrikanischen Kontinent. Natürlich beißt sich das deutsche Angebot an High-Tech mit der Nachfrage in Afrika. Dort sind deutsche Waren zwar beliebt, aber meist viel zu teuer. Das alleine reicht als Erklärung aber nicht aus. Vielmehr ist Afrika in Deutschland viel zu negativ besetzt. Statt der Chancen werden überwiegend die Risiken gesehen, Gewalt und Korruption beherrschen die Schlagzeilen. Politisch ging es immer nur um Entwicklungshilfe statt um Investmentmöglichkeiten.


Dies soll sich jetzt aber ändern. Die neue Bundesregierung hat eine "Afrika-Offensive" angekündigt. Mit einem neuen Entwicklungsinvestitionsgesetz sollen mehr Mittelständler nach Afrika geholt und die Risikoabsicherungen für deutsche Firmen durch Hermes-Bürgschaften verbessert werden. Dazu sind Förderprogramme für Start-ups, Berufsbildung und erneuerbare Energien geplant. Insgesamt 28 Mal wird Afrika im Koalitionsvertrag erwähnt.


Strukturelle Fortschritte überwiegen Wachstumsdelle

Dabei hatten die Afrika-Skeptiker zuletzt wieder Oberwasser gewonnen. Der Ölpreisschock 2014 traf die Region hart und führte zu einem Rückgang des gesamtwirtschaftlichen Wachstums von 5-6 Prozent in den Jahren 2004-2014 auf nur noch 2,5 Prozent in den Jahren 2015-2017. Dies betraf mit Nigeria, Südafrika und Angola aber in erster Linie die drei größten afrikanischen Volkswirtschaften, während Länder wie Äthiopien, Tansania oder die Elfenbeinküste 2017 zu den zehn am schnellsten wachsenden Ländern der Welt gehörten. 2018 wird auch für den Gesamtmarkt wieder ein durchschnittliches Wachstum von 4 Prozent prognostiziert.


Darüber hinaus zählen neben den nackten Zahlen auch wichtige strukturelle Fortschritte: Die alten Herrscher verschwinden nach und nach, Institutionen und Governance sind stärker geworden und durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ergeben sich Geschäftsmöglichkeiten für breitere Bevölkerungsschichten. Schon heute ist Afrika weltweit führend im Mobilfunkbanking und im Internetzugang der vierten Generation (Satellit). 2016 flossen gemäß dem „Disrupt Africa Funding Report“ 129 Millionen US-Dollar in afrikanische Technologie-Start-ups und spätestens mit Mark Zuckerberg’s Überraschungsbesuch in Lagos und Nairobi im selben Jahr, ist Afrika endgültig auf der Start-up-Landkarte angekommen.


Logistik als Nadelöhr für weitere regionale Integration

Diesen Weg gilt es fortzusetzen, denn nur mit einer diversifizierteren Wirtschaftsstruktur wird Afrika unabhängiger von externen Schocks und Rohstoffpreisen. Chancen bestehen insbesondere in Bereichen wie Digital Healthcare, FinTech oder Food Processing. Ob der Kontinent aus seiner Marktgröße irgendwann Kapital schlagen kann, hängt zudem in hohem Maße davon ab, die bestehenden Infrastrukturdefizite zu beheben (lesen Sie dazu auch unser aktuelles Vorstandsgespräch). Einen Container einmal um den Globus zu schicken, ist etwa genauso teuer wie ihn vom kenianischen Hafen Mombasa in die 1.600 Straßenkilometer entfernte ruandische Hauptstadt Kigali zu karren. Das macht den Warenaustausch unter Nachbarn schwierig und bremst das Wachstum. Die Afrikanische Entwicklungsbank beziffert den jährlichen Investitionsbedarf auf 40 Milliarden US-Dollar.


Kurzfristig wird Afrika wie andere Emerging Markets weiter vom synchronisierten Weltwirtschaftswachstum profitieren. Der schwache US-Dollar treibt die Commodity-Preise nach oben und die Kreditausfallraten sind so gering wie selten zuvor. Sollte es aber tatsächlich zu einer globalen Protektionismus-Welle kommen, würde das auch Afrika massiv treffen. Ein Rückgang der globalen Nachfrage, Kapitalabflüsse und nachgebende Rohstoffpreise wären die Folge. Afrika tut deshalb gut daran, den intra-regionalen Handel weiter auszubauen und Peter Altmaier für seine Gespräche mit US-Handelsminister Wilbur Ross die Daumen zu drücken.

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