Die Börse im Bann der WM



12:02 19.06.18

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

die letzte Woche bescherte uns eine Reihe wichtiger Ereignisse für die Börsen (ZEW-Konjunkturerwartungen, Notenbanksitzungen von Fed und EZB, Verfallstag), die hier in der Börse-Intern ordnungsgemäß abgehandelt wurden. Über ein besonderes Ereignis haben wir bislang aber noch nicht gesprochen: den Beginn der Fußball-WM in Russland. Und so wird es heute darum gehen, was Sie als Anleger zu diesem Thema wissen sollten.

Die wichtigste Nebensache der Welt

Wie heißt es so schön: Fußball ist die wichtigste Nebensache der Welt. Sogar Papst Johannes Paul II. sagte bereits: „Unter allen unwichtigen Dingen ist Fußball bei weitem das Wichtigste.“ Zu den Fußball-Fans zählen aber nicht nur Päpste und viele Kolumnisten, sondern auch Wissenschaftler und Banker. Und so wird dieses Großereignis gerne als Anlass genommen, mehr oder weniger ernsthafte Untersuchungen über den Einfluss von WM-Fußballspielen auf die Börse durchzuführen.

Dafür lassen sich zunächst zwei Ansätze unterscheiden. Der Erste vertritt die ökonomische Sichtweise. Demnach sorgt die Fußball-WM für einen Investitionsschub im austragenden Land durch den Bau von Stadien, Unterkünften, Infrastruktur usw. Die ausführenden (Bau-)Firmen profitieren dadurch ggf. auch an der Börse, genauso wie Sportartikelhersteller, wie Adidas und Nike, die an dem Verkauf neuer Fan-Trikots usw. verdienen. Dies kann man immer weiterdenken und so alle möglichen „Profiteure“ eines solchen sportlichen Großereignisses finden.

Tatsächlich lassen sich im Musterdepot meiner Stockstreet-Investment-Strategie drei bis vier Aktien von Unternehmen finden, die mit ihren Produkten oder Leistungen direkt oder indirekt an der WM beteiligt sind. So stellt Covestro  z.B. für den traditionellen Adidas-WM-Ball Polyurethanbeschichtungen her. Im Lushniki-Sportpark wurden die Aufzugssysteme und Rolltreppen vom Aufzughersteller Kone installiert und der Koch der deutschen Fußballnationalmannschaft wird vom Großküchengerätehersteller Rational mit Hochleistungs-Zubereitungssystemen beliefert. Zudem hat Munich Re vielleicht einige der Versicherungskontrakte zur Rückversicherung übernommen, die unter anderem der Versicherungskonzern Allianz für die WM in großem Umfang abgeschlossen hat.

Die ökonomischen Folgen einer WM

Wie aber diese kurze Aufzählung bereits verdeutlicht: Solche Projekte bei den genannten Großkonzernen sind für eine merkliche Umsatz- und Gewinnsteigerung bei den Unternehmen einfach viel zu klein. Sie bringen zwar Prestige, aber das Geld wird anderswo verdient. Da die Fußball-WM auch nur alle vier Jahre ist, bietet sich das auch an.

Sogar bei den Sportartikelfirmen lässt sich nur schwerlich ein wirtschaftlicher Effekt ausmachen, der an der Börse konkret und eindeutig reproduzierbar messbar wäre. Dazu der folgende Chart:

NAP-Index und Sport-Großereignisse

(Quellen: MarketMaker, Wikipedia, eigene Berechnungen)

Der „NAP-Index“ im Chart bildet sich aus den jährlich gleichgewichteten Kursen der drei großen Sport-Aktien, Nike, Adidas, Puma (= NAP). Und tatsächlich kann man bis 2002 eine positive Kursreaktion bei diesen Aktien im Vorfeld einer Fußball-WM sehen (rote Punkte). Dies dürfte aber vornehmlich an der damals positiven Börsenlage gelegen haben, denn danach verliert sich dieses Muster. Und auch andere sportliche Großereignisse, wie die Olympischen Sommer- und Winterspiele (grüne Dreiecke), sorgten nur sporadisch für einen positiven Effekt.

Eher keine Anlagestrategie

Würde man sogar noch weitere Sport-Highlights wie Kontinentalmeisterschaften mit in die Betrachtung einbeziehen, gäbe es für diese Unternehmen und ihre Aktien faktisch jährlich einen vermeintlichen Kurstreiber. Die Champions League oder der Super Bowl in den USA finden ja sogar tatsächlich jedes Jahr statt. Aktien können aber nicht immer nur steigen und diese absehbaren und permanenten „Kurstreiber“ verlieren auf Dauer ihre Wirkung, da sie letztlich sofort eingepreist werden.

Bei dem „heißen Tipp“ mancher Börsenzeitschrift, im Jahr vor einer Fußball-WM auf Adidas und Co. zu wetten, handelt es sich also eher um einen Mythos als um eine Anlagestrategie. Sinnvoller wäre es eher gewesen, ständig in der Sportartikelbranche investiert zu bleiben. Schließlich hat der NAP-Index in den vergangenen mehr als 30 Jahren einen beeindruckenden Verlauf hingelegt. Zwischenzeitliche Kursrückgänge hätte man sogar gut für Nachkäufe nutzen können.

WM-Titel treibt die Kurse?

Kommen wir nun zum zweiten Ansatz. Demnach soll sich der Sieg oder die Niederlage einer Mannschaft oder gar der Gewinn des Weltmeistertitels auf die jeweiligen Börsenkurse auswirken. Zu diesem Thema wurden tatsächlich bereits dutzende Untersuchungen durchgeführt. Es gibt nun Mal auch fußballbegeisterte Analysten, die daran glauben wollen, dass es einen Effekt auf die Börse haben muss, wenn z.B. Brasilien wieder einmal zaubert.

Nachdem der erste Ansatz also strikt ökonomisch ist, basiert der zweiten Ansatz auf einer rein stimmungstechnischen Sichtweise: So soll die gute Stimmung nach einem gewonnenen WM-Spiel und insbesondere der Titelgewinn auf die Börsen übergehen. Dadurch steigen nach dieser einfachen  „Theorie“ dann die Kurse.

Zweifelhafte Theorie



Wenn man ein wenig tiefer über dieses Gedankenspiel nachdenkt, dürften aber erste Zweifel an dieser Theorie aufkommen: Natürlich hebt ein Sieg bei einem WM-Spiel auf breiter Front die Stimmung im Land des Siegers. Es kommt zu ausgelassenen Fan-Partys, Autokorsos und so weiter. Und tatsächlich könnte es auch vereinzelt zu einem wirtschaftlichen Impuls kommen, in Form von einem höheren Verkauf von Bier, Grillzutaten oder auch Fanartikeln.

Dabei handelt es sich aber um derart kurzfristige Effekte, dass sie im gesamtwirtschaftlichen Rahmen wenig bis keine Wirkung haben dürften. Überhaupt keinen Sinn macht die Idee, nach der ein WM-Titelgewinn zu längerfristigen, stimmungsgetriebenen Kursanstiegen an den Börsen führen sollte. Das würde ja bedeuten, dass der gemeine Fußballfan voller Euphorie über den gewonnenen WM-Pokal zur Börse geht und Aktien ordert – und das nicht einmalig, sondern Woche für Woche, über mehrere Monate hinweg. Eine absurde Vorstellung, oder?

Doch tatsächlich lassen sich Untersuchungen finden, die genau das bestätigen wollen. So kamen Goldman-Sachs-Analysten zu dem Ergebnis, dass Börse im Land des Fußball-Weltmeisters im Monat nach dem Titelgewinn stets haussierte. Nur 1974 soll diese Regel wohl einmalig nicht funktioniert haben.

Eigene Untersuchung des Mythos

In mühevoller Arbeit untersuchte ich für meine Leser der Stockstreet Investment Strategie die These mal selber. Mein Ergebnis lautet: Wohl mehr Wunsch als Wirklichkeit. Denn es lassen sich zwar derartige positive Effekte finden, leider stiegen die Kurse der „Verlierer-Börse“ aber stärker als die der „Gewinner-Börse“. Oder es gab Steigerung an der „Gewinner-Börse“, diese lag aber hinter dem Gesamtmarkt. In 2002 und 2010 während schwacher Börsenphasen konnte man sogar weder mit dem Gewinner noch dem Verlierer den sprichwörtlichen Blumentopf gewinnen. Als Deutschland den Titel in 2014 gewonnen hatte, rutschte der DAX erst einmal kräftig ab: -6,8 % innerhalb der nächsten vier Wochen. 

Die einzige wirklich wissenschaftliche Studie mit belastbaren Ergebnissen stammt von drei Universitätsprofessoren aus den USA und Norwegen. Laut deren Untersuchungen kommt es nach dem Ausscheiden in der KO-Runde der WM zu einem anormalen Verlust des jeweiligen Länderindex am darauffolgenden Börsentag von 49 Basispunkten. Das ist ein Verlust von -0,5 %.

Sie haben also jetzt die Chance sich am Montag nach dem 30.6./1.7. (die ersten vier Achtelfinals KO-Runden) ganz dem Power-Trading hinzugeben. Es warten also vier richtig „lukrative“ Short-Trades! Außer die Kurse steigen doch, das wäre dann blöd. Viel Glück, jedenfalls…

Fußballfans auch bei der EZB

Aber ernsthaft: Die Studie kommt zu einem plausiblen Ergebnis, wenngleich es erstaunlich ist, dass es wirklich einen so klaren (wenn auch nur sehr kleinen), stabil messbaren Effekt gibt. Wenn diese Spiele also einen Einfluss auf die Börsen haben, dürfte dieser nur sehr kurz anhalten.

Es gibt aber noch ein anderes nachvollziehbares Ergebnis zu diesem Thema. Dieses stammt – wer hätte es gedacht – von der EZB. Anscheinend interessieren sich auch hier Leute für Fußball. Und ausgerechnet der Chef-Analyst der EZB fungiert als Co-Autor einer Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass während der WM-Spiele die Börsenumsätze zum Teil drastisch zurückgehen, weil „die Leute abgelenkt sind“.

Anstatt zu traden, gucken die Börsianer einfach Fußball. Wer hätte das gedacht? Interessant sind aber die Ausmaße dieser Ablenkung: So fällt der Umsatz im Durchschnitt um 40 %, wenn die eigene Mannschaft mitspielt. In besonders fußballaffinen Ländern wie Brasilien und Argentinien kann der Umsatz auch mal um 75 oder gar 80 Prozent einbrechen. Der Börsenhandel kommt praktisch zum Stillstand.

Manchmal ist es besser, einfach nichts zu tun

Jetzt kann man natürlich auf die Idee kommen, während der Fußball-WM auf Börsenplätze auszuweichen, die nicht vom Fußballwahn infiziert sind. Eine Möglichkeit wäre da das Land, welches Fußball seit je her fälschlicherweise mit Soccer übersetzt und so nur unnötig für Verwirrung sorgt – die USA. Dort ist Fußball noch eher eine Randsportart und es wird lieber „American Football“ geguckt. Zumal deren Fußball-Mannschaft auch nicht bei der WM dabei ist. Es sollte also dort zu keinem stärkeren Handelseinbruch kommen.

Weitere Alternativen wären Länder wie Italien, Niederlande und Österreich, deren Mannschaften in Russland nicht dabei sind. Doch Vorsicht: Laut besagter Studie kommt es auch dann zu einem Rückgang der Handelsumsätze, wenn die eigene Mannschaft nicht spielt. Haben Sie denn nicht auch ein bisschen nebenbei andere Spiele gesehen oder gehört?

So beträgt der Umsatzeinbruch ohne Beteiligung der eigenen Mannschaft immerhin noch 30 % im Durchschnitt aller untersuchten 15 Länder der Studie. Und da die Italiener, Österreicher und Niederländer zwar nicht dabei sind, den Deutschen aber doch so gerne beim Verlieren zusehen würden, könnte es auch dort zu Umsatzeinbrüchen kommen (Träumt weiter, Leute!).

Und erfahrene Trader wissen: Kaum etwas hindert einen an einem erfolgreichen Trading so sehr wie ein mauer, lustloser und dünner Handel. Da stellt man sich lieber an die Seitenlinie – aus welchem Grund auch immer.

Möglicherweise sollte man das Traden also ganz einstellen, solange die WM läuft. Man kommt ja doch zu nichts…..

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert

(Quelle: www.stockstreet.de)

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Hinweis: Stock-World veröffentlicht in dieser Rubrik Analysen, Kolumnen und Nachrichten aus verschiedenen Quellen. Verantwortlich für den Inhalt ist allein der jeweilige Autor.

Über den Autor
 
Autor: Sven Weisenhaus Sven Weisenhaus,
Stockstreet GmbH

Sven Weisenhaus ist Trader und Börsenanalyst. Seine Erfahrungen und Analysen zu den Themen Geldanlage, Börse und Finanzen veröffentlicht er als Redakteur in verschiedenen Publikationen. Er schrieb z.B. über mehrere Jahre einen auf die Elliott-Wellen-Theorie spezialisierten Börsendienst. Seit 2012 veröffentlicht er als Chefanalyst und inzwischen Geschäftsführer einen renommierten Börsennewsletter.

Seit einigen Jahren gehört er zum Team von Stockstreet.de und schreibt dort unter anderem die Analysen des „Target-Trend-Spezial“ - einem börsentäglichen Dienst, der unter anderem den DAX nach der Target-Trend-Methode analysiert. Sven Weisenhaus hat auch die Redaktion des bekannten Newsletters "Börse-Intern" übernommen.

Für mehr Information: https://www.stockstreet.de/

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