Grüner Fisher: "Neue Gefahr durch die Schwellenländer?"



10:13 19.08.18

Grüner findet die Angst vor einer allgemeinen Schuldenkrise, ausgelöst durch die Türkei, überzogen. Der Konflikt zwischen der Türkei und den USA würde für weiterhin volatile Märkte sorgen, allerdings sei das globale Ansteckungsrisko nicht all zu groß.

 

Ein neues Schreckgespenst geht an den Börsen um: Die ohnehin schon angeschlagene Türkische Lira begab sich im Anschluss an neue US-Sanktionen auf eine rapide Talfahrt. Haben europäische Banken mit offenen Positionen in der Türkei neue Risiken in der Bilanz? Der Markt zeigt sich jedenfalls nervös, innerhalb von zwei Handelstagen sackten die Kurse europäischer Finanztitel um fast fünf Prozent ab. Ähnliche Sorgen sind in Indien zu beobachten, nachdem die Rupie gegenüber dem US-Dollar ein Rekordtief erreichte. Könnte sich diese Schwäche ausbreiten und die Schwellenländer in eine neuerliche Währungskrise stürzen?

 

In skeptischen Phasen neigen Investoren oft dazu, einzelne Problemstellungen nach oben zu skalieren und den berühmten "Domino-Effekt" zu befürchten. Dabei sind die wirtschaftlichen Probleme in der Türkei nicht gerade neu. Der Druck auf die Türkische Lira ist schon seit Jahren hoch. Donald Trump hat die Türkei also nicht in die wirtschaftliche Krise gestürzt, wie es in vielen Schlagzeilen zu lesen ist, aber im Rahmen der Konfrontation mit Präsident Erdogan die kritische Lage durchaus verschärft.

 

Für Investoren aus dem Ausland führte die Umstellung zu einem autoritären Präsidialsystem unter Erdogan schon seit jeher zu erhöhter Unsicherheit und dem sukzessiven Rückzug zahlreicher Investitionsgelder. Zweifellos befinden sich vor allem türkische Unternehmen, die in den letzten Jahren Kredite in US-Dollar oder Euro in Anspruch genommen haben, in einer misslichen Lage. Insgesamt sind die Probleme jedoch sehr landesspezifisch, wodurch der Ansteckungseffekt auf andere Länder sehr gering ausfällt.

 

Weitere Schwellenländer sind natürlich auch nicht frei von politischen Risiken - aber deutlich davon entfernt, sich zu einem autoritären Staat zu entwickeln, der sich auch in die Geldpolitik einmischt. Mit Ausnahme von Thailand und Südafrika ist ein genereller Trend zu stärkeren politischen Institutionen und unabhängigen Zentralbanken zu beobachten. Am Beispiel Indien ist zu sehen, dass eine Schwäche der Währung allein nicht als Zeichen für den wirtschaftlichen Verfall interpretiert werden sollte.

 

Krisenpotential begrenzt

 



Die Angst vor der Verwundbarkeit europäischer Banken durch die angespannte Schuldensituation in der Türkei erscheint ebenso überzogen. Obwohl sicherlich einige Banken Investitionen in der Türkei getätigt haben, ist die Absicherung des Währungsrisikos eine gängige Praxis. Insbesondere für ein Land, das schon seit vielen Jahren aufgrund des politischen Risikos mit Argusaugen beobachtet wird. Zwar ist es nicht möglich zu sagen, wie stark jeder einzelne Kredit abgesichert ist, so kann man mit Hilfe der Bank for International Settlements immerhin feststellen, dass nur 22 Prozent der türkischen Kredite nicht durch ausländische Investments in der Wechselwährung hinterlegt sind.

 

Fazit

 

Es würde uns nicht überraschen, wenn der Konflikt zwischen der Türkei und den USA noch für weitere Volatilität an den Märkten sorgen würde. Das Ansteckungspotential ist aufgrund der isolierten Situation jedoch begrenzt und selbst eine groß angelegte Währungskrise in zahlreichen Schwellenländern (Asien-Krise 1997, Mexiko 1994 und Südamerika in den späten 1980ern) hatten nicht die Durchschlagskraft, einen Bärenmarkt auf globaler Ebene zu verursachen. Für Anleger bleibt im Börsenjahr 2018 weiterhin entscheidend, die fundamentalen Zusammenhänge auf globaler Ebene in den Vordergrund zu rücken - und die "furchterregenden" Schlagzeilen so gut es geht auszublenden.

 

von Thomas Grüner

16. August 2018 © Grüner Fisher

 

Über den Autor

 

Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman der Vermögensverwaltung Grüner Fisher Investments. Sein Partner Ken Fisher ist seit über 30 Jahren „Forbes“-Kolumnist und warnte im März 2000 rechtzeitig vor dem Platzen der New-Economy-Blase. Ken Fisher zählt zu den 400 reichsten US-Amerikanern und belegt auf der aktuellen „Forbes“-Rangliste Platz 211. Fisher Investments verwaltet momentan mehr als 65 Milliarden US-Dollar.

 

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

=> Diese Kolumne ins Forum einfügen und diskutieren <=


Attachments:

Anhang

Alternativ0, (text/plain)

Der Download und das Öffnen dieses/dieser Attachments erfolgt auf eigene Gefahr.
Hinweis: Stock-World veröffentlicht in dieser Rubrik Analysen, Kolumnen und Nachrichten aus verschiedenen Quellen. Verantwortlich für den Inhalt ist allein der jeweilige Autor.

Über den Autor
 
Autor: Redaktion boerse-frankfurt.de Redaktion boerse-frankfurt.de,
Deutsche Börse AG

Die Autorinnen und Autoren des Anlegerportals berichten täglich über Tendenzen und Meinungen an den verschiedenen Wertpapiermärkten der Frankfurter Börse. Händler und Analysten geben einen tiefen Einblick in das Marktgeschehen direkt von der Quelle: Am Montag stimmt Sie ein Ausblick auf die Börsenwoche ein. Am Dienstag widmen wir uns ETFs und Fonds. Jeden Mittwoch gibt es eine markttechnische Analyse sowie Berichte vom Handel mit Rohstoffen, Zertifikaten oder Währungen im Wechsel. Donnerstags befassen wir uns mit internationalen Aktien und zum Wochenschluss am Freitag mit Anleihen. Sie können diese Marktberichte bei boerse-frankfurt.de/newsletter kostenlos abonnieren.

Alle Artikel dieses Autors anzeigen

Kurssuche
Status: nicht eingeloggt

Registrieren | Passwort vergessen?
 
 
Im Bereich Experten:
Warum scheitern 80% aller Trader?
Experte: Stefan Hofmann, STOCK-WORLD
Kolumnen
WTI-Höchste Trefferquote ...
Philip Hopf, Hopf Klinkmüller Capital. (19:19)
Experte: Philip Hopf, Hopf Klinkmüller Capital Management K.
DAX legt Verschnaufpause ...
CMC Markets, (17:57)
Experte: CMC Markets,
S&P500 sackt vorbörslich ...
Christian Zoller, www.boerse-daily.de (17:32)
Experte: Christian Zoller, www.boerse-daily.de
DOW DAX schliesst das ...
Thomas Heydrich, Systemstradings.de (16:59)
Experte: Thomas Heydrich, Systemstradings.de
General Electric: Wann ...
Robert Sasse, (15:30)
Experte: Robert Sasse,
Euwax-Trends ...
Cornelia Frey, Börse Stuttgart AG (15:28)
Experte: Cornelia Frey, Börse Stuttgart AG
S&P 500: Die ...
Silvio Graß, Formationstrader (15:10)
Experte: Silvio Graß, Formationstrader
Bitcoin-ETF zwischen Sein ...
Feingold-Research, (14:53)
Experte: Feingold-Research,
Medigene: Was hat der ...
Volker Gelfarth, (14:18)
Experte: Volker Gelfarth,
Barrick Gold: Megafusion ...
Björn Junker, GOLDINVEST.de (12:48)
Experte: Björn Junker, GOLDINVEST.de
Börsengeflüster: #ADECCO ...
WIRTSCHAFTSINFORM., (12:40)
Experte: WIRTSCHAFTSINFORMATION .,
Wenn die USA und China ...
wikifolio.com, (12:10)
Experte: wikifolio.com,
Niquet's World
Neues vom Portal
 
Das Problem der Kryptowährungen
Letzte Börsen-Meldung
 
Letzte Börsen-Analyse
 
Top-Klicks News
 
Top-Klicks Analysen