Baader Bond Market: "EU geht auf London zu "



10:00 21.10.18


Klaus Stopp gibt einen umfassenden Rückblick auf die Woche am Anleihemarkt: Verlängerung der Brexit-Phase, italienischer Haushaltsplan, US-Schulden inklusive Einblick in die Gedankenwelt der US-Notenbanker und die Inflation in der Türkei. 18. Oktober 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Die Lösung der Grenzfrage zu Nordirland in den Brexit-Verhandlungen mit Großbritannien komme der "Quadratur des Kreises" gleich, hatte Angela Merkel gesagt. Grenzkontrollen aber können nicht ganz weggelassen werden, sonst gibt es künftig keinen Unterschied mehr zwischen einem Land innerhalb und außerhalb der Europäischen Union. Das Thema zeigt immer wieder das Dilemma, in dem die Verhandlungspartner der EU-Kommission und der britischen Regierung stecken. In einer Phase, in der die Verhandlungen auf des Messers Schneide stehen, macht nun Brüssel einen Schritt auf London zu. Laut "FAZ" bietet die EU an, nach dem offiziellen Austrittsdatum vom März 2019 eine um ein Jahr verlängerte Übergangsfrist einzuräumen. Das Land könnte dann länger als bisher geplant, nämlich bis Ende 2020, im Binnenmarkt und in der Zollunion bleiben. Der Wirtschaftsverkehr könnte somit bis Ende 2021 ungehindert zwischen EU und Großbritannien weiter fließen. Im Gegenzug müsste Premierministerin Theresa May allerdings Zugeständnisse in der Streitfrage um die irische Grenze machen. 

Längere Übergangsfrist würde beiden Seiten mehr Luft verschaffen

Damit könnte perspektivisch Bewegung in die Brexit-Frage kommen. Zum einen würde eine längere Übergangsfrist beiden Seiten mehr Luft verschaffen, um einen Vertrag über die künftigen Beziehungen auszuhandeln. Zum anderen würde sich dadurch die Frage nach der EU-Außengrenze in Irland erst ab 2022 stellen, an der eine Einigung bisher scheiterte. Die verbissenen Brexiteers in London würden allerdings lieber einen Austritt mit einem No-Deal riskieren, der chaotische wirtschaftliche Folgen haben dürfte, als einen solchen Kompromiss zu akzeptieren.

Spielt die EU auf Zeit?

Ob die EU mit ihrem Angebot, die Übergangsfrist zu verlängern, auch die Stimmung zum Brexit in der britischen Öffentlichkeit mit ins Kalkül zieht, sei mal dahingestellt. Einer neuesten EU-Umfrage zufolge ist inzwischen jedenfalls eine Mehrheit von 51 Prozent der Briten gegen einen EU-Austritt. Spielt die EU also auf Zeit? Denn sollte es innerhalb einer verlängerten Übergangsfrist für die Brexit-Verhandlungen zu Neuwahlen in Großbritannien kommen, deren Ergebnis die pro-europäische Stimmung stärker als derzeit widerspiegeln würde, wäre auch eine andere Art von Vereinbarung mit London möglich. Fakt ist, dass das Verhandlungsergebnis von Brüssel und London in jedem Fall vom Parlament abgesegnet werden muss. Und darauf baut auch das Drohpotential der Hardliner unter den Brexiteers. 

Noch ist nicht klar, ob es denn zu einer verlängerten Übergangsfrist kommen wird. Daher laufen die Vorbereitungen für eine Scheidung ohne Deal weiter auf Hochtouren. Nicht von ungefähr hatte EU-Ratschef Donald Tusk im Vorfeld des laufenden EU-Gipfels in Brüssel angemerkt, dass ein Brexit ohne Abkommen "wahrscheinlicher denn je" sei und an dieser Tatsache würde auch ein erweiterter Zeitrahmen nichts ändern. Denn es hat ja nicht an der Zeit, sondern an der Absicherungsklausel (backstop) gelegen und dafür gibt es ohne Einigungswillen keine Lösung. 

Aktueller Zwischstand nach dem gestrigen Abend: Man bleibt zwar weiterhin im Gespräch, aber da keine Lösung bisher gefunden wurde, hat man seitens der EU-27 entschieden, einen weiteren EU-Gipfel vorerst nicht anzuberaumen. 

Blick auf die Märkte: Rom riskiert den Zwist mit Brüssel

Es ist ein Irrglaube, wenn man denkt, dass eine leicht verringerte Renditedifferenz (Spread) zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen eine Entwarnung für die italienische Schuldenkrise bedeutet. Eine anziehende Nachfrage nach den Schuldentiteln aus Rom ließ deren Renditen im zweijährigen Bereich seit Wochenbeginn zwar um 9 BP auf ca. 1,33 Prozent fallen, aber die zehnjährigen Bonds rentieren mit 3,57 Prozent sogar wieder höher. Der vielbeachtete Spread zu deutschen Bundesanleihen ist zudem wieder über die Schwelle von 3 Prozentpunkten (PP) gestiegen, was ebenfalls ein deutliches Zeichen ist, dass man von einem Befreiungsschlag noch meilenweit entfernt ist. 

Defizitquote nicht im Einklang mit Stabilitäts- und Wachstumspakt

Was war geschehen? Die Regierung in Rom hatte gerade noch rechtzeitig ihre Etatplanungen für das kommende Haushaltsjahr in Brüssel eingereicht. Doch mit den neuen Schuldenplänen riskiert die italienische Regierung einen Zwist mit der EU-Kommission. Mit einer geplanten Neuverschuldung von 2,4 Prozent des BIPs würde die Koalition aus populistischer 5-Sterne-Bewegung und rechter Lega den Sparkurs der Vorgängerregierung verlassen. Damit liegt die Neuverschuldung zwar unter dem Maastricht-Kriterium von 3 Prozent, allerdings würde Italien seine ohnehin schon hohe Gesamtverschuldung in Höhe von 132 Prozent des BIPs weiterhin steigern. Daher steht die Defizitquote von 2,4 Prozent nicht im Einklang mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt der Gemeinschaft. 

Brüssel muss nun reagieren

Die EU-Kommission hat nun ein bzw. zwei Wochen Zeit, darauf zu reagieren. Die spannende Frage wird sein, ob Italien bereits nach einer Woche wegen "besonders schwerwiegender Verstöße" aufgefordert wird, einen überarbeiteten Haushaltsentwurf vorzulegen. Sollte Brüssel die Pläne lediglich als nicht regelkonform einstufen, so wären sie spätestens zwei Wochen nach Abgabe abzulehnen. Italien hätte dann maximal drei Wochen Zeit zur Nachbesserung und sollte Rom auch in dieser Frist nicht einen regelkonformen Haushaltsplan vorlegen, dann kann die EU ein Defizitverfahren einleiten und dem Land den Zugang zu EU-Mitteln verweigern. Allerdings ist entsprechenden Äußerungen seitens der italienischen Regierungsmitglieder immer wieder zu entnehmen, dass man sich in Rom sehr wohl des eigenen Erpressungspotentials gegenüber Brüssel bewusst ist. Gilt doch Italien als zu groß, um vor einer Staatsinsolvenz gerettet werden zu können. Abgesehen davon wäre eine Ablehnung eines Etatentwurfs innerhalb der EU ein Novum! 

Die disziplinierende Kraft der Kapitalmärkte



Bliebe also die faktische Kraft der Kapitalmärkte, die Italien disziplinieren könnte. Schon jetzt muss das Land seine Schulden teuer bezahlen. Und wenn nicht alles täuscht, wird der Preis künftig noch höher sein. Denn seitens der Ratingagenturen bahnt sich für das defizitäre Land neues Ungemach an. So wird erwartet, dass Moody’s bereits Ende des Monats die Bonität Italiens von "Baa2" auf "Baa3" absenken wird. 

Trump macht Fed zum Sündenbock

Ob die Botschaft D. T., den Unberechenbaren, erreicht hat, darf man bezweifeln. Gemeint ist die Schelte von IWF-Chefin Christine Lagarde, die in wesentlichen wirtschaftspolitischen Fragen auf Distanz zu US-Präsident Donald Trump gegangen ist. Lagarde betonte nicht nur, dass das internationale System des weltweiten Handels nicht zerstört werden dürfe. Sie brach auch eine Lanze für die Unabhängigkeit der Notenbanken. Diese müssten ihre Zinsentscheidungen entsprechend ökonomischer Indikatoren treffen, sagte Lagarde. Wenn das Wachstum stark und die Arbeitslosigkeit extrem niedrig sei, so ihr Credo, müssten die Zentralbanken "die Entscheidungen treffen, die sie treffen". 

Notenbank als seine "größte Bedrohung"

Trump lässt indessen nicht davon ab, die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zu attackieren. Die Fed, die in diesem Jahr bereits dreimal den Leitzins in den USA erhöht hat, sei "verrückt geworden", hatte er vor kurzem verlauten lassen. Nun bezeichnete Trump die Fed unter ihrem Chef Jerome Powell, den er selbst eingesetzt hatte, als "seine größte Bedrohung", womit auch klar wird, worum es Trump geht. Er fürchtet offensichtlich, dass der Boom in der US-Wirtschaft noch vor den Kongresswahlen am 6. November durch höhere Zinsen gebremst werden könnte. Damit macht Trump vorsorglich die Fed schon jetzt zum Sündenbock für die Zeit, in der die wirtschaftliche Dynamik nachlässt. 

USA häufen riesigen Schuldenberg an

Ein Blick auf die Budgetpolitik der USA macht aber auch klar, um was es noch geht. Laut "FAZ" ist die Neuverschuldung des Landes unter Trump im zurückliegenden Fiskaljahr um 17 Prozent auf 779 Milliarden Dollar gestiegen, obwohl er im Wahlkampf noch getönt hatte, das Defizit senken zu wollen. Dafür ist die gesamte US-Staatsschuld auf 21,5 Billionen US-Dollar geklettert - und das in Boomzeiten! Diese basieren allerdings zu einem großen Teil auf Trumps Steuergeschenken von Anfang 2018, deren Rechnung erst später präsentiert werden dürfte. Somit wird klar, was ihn so in Rage bringt. Denn die Fed-Strategie einer restriktiven Geldpolitik bewirkt eine Verteuerung des Schuldendienstes für die USA. Bisher zogen die Zinsausgaben in seiner Amtszeit um 65 Milliarden USD auf 522 Milliarden US-Dollar an. Ergo: Trump finanziert das derzeitige Wachstum in den USA auf Pump! 

Erdogan findet das Ei des Kolumbus

Fast 40 Prozent hat die türkische Lira seit Jahresbeginn an Wert gegenüber dem US-Dollar und dem Euro verloren, auch wenn inzwischen die Tiefststände u.a. infolge der Pastorenentlassung wieder verlassen wurden. In der Folge ist damit zu rechnen, dass die Inflation bis zum Jahresende sogar auf 35 Prozent steigen wird. Nun ist der türkische Staatenlenker Recep Tayyip Erdogan auf die geniale Idee gekommen, die Geldentwertung schlicht und einfach zu verbieten. Der Präsident hat damit so etwas wie das "Ei des Kolumbus" in Sachen Inflationsbekämpfung gefunden. 

Überbringer der schlechten Nachricht wird gefeuert

Wie er das macht? Mehr oder weniger indirekt übt Erdogan Druck auf Unternehmen aus, ihre Preise zu senken. Mehr als 69.000 Produkte von fast 4.000 Firmen hatte die Regierung dazu unter die Lupe genommen. Außerdem wurde der für die Inflationszahlen zuständige Abteilungsleiter des Statistikamtes, der die steigende Geldentwertung verkündet hat, einfach gefeuert. Im Vergleich zur Antike, als die Überbringer schlechter Nachrichten noch um ihr Leben fürchten mussten, scheint das die harmlosere Variante zu sein. Es verdeutlicht allerdings dennoch, dass in der Welt von Sultan Erdogan nicht sein kann, was nicht sein darf. Darüber hinaus muss man auch eine ausgeprägte Realitätsferne besitzen, um zu glauben, die Inflation auf diese Weise bekämpfen zu können. 

US-Notenbanker gewähren Einblicke in ihre Gedankenwelt

US-Notenbanker gewähren Einblicke in ihre Gedankenwelt 
Mit Spannung wurde am gestrigen Abend die Veröffentlichung der Minutes erwartet, da man sich Einblicke in die weitere Strategie der US-Notenbanker erhoffte. Denn ungeachtet der Tatsache, dass auf dieser Sitzung am 25. und 26. September die bereits an den Finanzmärkten eingepreiste Erhöhung der Fed-Fund-Rate um 25 BP beschlossen wurde, erhoffte man sich Hinweise, wie die FOMC-Mitglieder die Auswirkungen der weiter schwelenden Handelskonflikte einschätzen. Hierzu wurde lediglich angemerkt, dass sich einige Unternehmen bei Investitionen im Energiesektor zurückhalten. Die Einstimmigkeit des Beschlusses sowie die Tatsache, dass nach Meinung der Zentralbanker es angemessen sei, die schrittweise Straffung der Geldpolitik mit einer Zinsanhebung fortzusetzen, lässt die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Zinserhöhung im Dezember des Jahres ansteigen. Zumal Rezessionsgefahren nur am Rande diskutiert wurden und man eher mit einer noch stärkeren US-Konjunktur rechnet. 

Darüber hinaus interessierten sich die Marktteilnehmer auch für alle Informationen rund um das Thema "Bilanzrückführung". Bisher ist man davon ausgegangen, damit mindestens bis zum Ende des Jahres 2020 beschäftigt zu sein. Sollte allerdings die Bilanzschrumpfung schon früher zu Ende sein, so würde das den Aufwärtsdruck auf die Renditen von US-Staatsanleihen mildern. Jedoch wurde hierzu im Protokoll nichts erwähnt und somit muss man abwarten, wann hierzu neue Informationen nachgereicht werden.

von Klaus Stopp.
18. Oktober 2018, © Baader Bank

Über den Autor

Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds der Baader Bank.

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Über den Autor
 
Autor: Klaus Stopp Klaus Stopp,
Baader Bank AG

Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.

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