Petrotec: Kursexplosion
gerechtfertigt?
Die
Aktie
des Biodiesel-Produzenten Petrotec hat in den letzten drei Monaten um
unglaubliche 917 Prozent zugelegt.
Seit
der
Besprechung in der letzten Monatsausgabe des Geldanlage-Reports vor
einer Woche
hat sich der Kurs abermals verdoppelt.
Nochmals
kurz die Fakten: Petrotec sammelt bei über 12.000 Restaurants in
Deutschland
Altspeisefett ein und verarbeitet dieses zu Biodiesel weiter.
Damit
sollte das Unternehmen eigentlich eine große politische Lobby haben,
denn ohne
Zweifel ist diese Herstellungsart umweltfreundlicher als die
herkömmliche
Biodieselherstellung aus Mais oder Raps.
Statt
Nutzpflanzen, die für die Lebensmittelversorgung eingesetzt werden
könnten, ist
der Rohstoff bei Petrotec Abfall. Eine bessere Ökobilanz geht kaum.
Doch
in der
Vergangenheit war in Punkto staatlicher Unterstützung Fehlanzeige.
Trotzdem
müssen Petrotec und seine kleineren Mitstreiter in Deutschland 18 Cent
Steuern
pro verkauftem Liter Biodiesel abdrücken. Das ist ein klarer
Wettbewerbsnachteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz.
*Am Rande
der Insolvenz
Unter
anderem deshalb produzierte Petrotec neben Biodiesel in den letzten
beiden
Jahren vor allem Eines: Exorbitante Verluste (41,8 Millionen Euro in
2008, 13
Millionen Euro in 2009), die dem Unternehmen fast die Existenz gekostet
hätten.
Bereits im September 2009 war der Bargeldbestand auf unter eine Million
Euro
gesunken. Gleichzeitig standen kurzfristige Verbindlichkeiten in
zweistelliger
Millionenhöhe vor der Fälligkeit.
Das
Schicksal von Petrotec lag fortan in den Händen der ebenfalls
angeschlagenen
deutschen Industrie- und Kreditbank IKB sowie des israelischen
Großaktionärs IC
Green Energy. Diese einigten sich tatsächlich auf einen Deal, in dessen
Rahmen
die IKB gegen eine Ausgleichszahlung von 2,2 Millionen Euro auf eine
Rückzahlung von 18,5 Millionen Euro verzichtet hat!
Damit
war
das Überleben zunächst gesichert. Mehr noch: Der daraus resultierende
außerordentliche Ertrag von 16,3 Millionen Euro hievte Petrotec im
ersten
Quartal weit in die Pluszone. Ausgewiesen wurde am Mittwoch ein
Nettogewinn von
13,7 Millionen Euro oder 1,18 Euro je Aktie.
Daraufhin
stürzten sich kurzfristig orientierte Trader auf die Aktie und trieben
das Papier
auf neue Hochs.
Stutzig
macht dabei vor allem die Tatsache, dass die Aktie erst in den letzten
Tagen
und Wochen so richtig abhob. Unmittelbar nach Bekanntwerden des
Forderungsverzichts am 23. Februar war der Kurs nur bis 0,45 Euro
gestiegen und
dümpelte dann bis zum 12. März zwischen 0,30 und 0,45 Euro. Zu diesem
Zeitpunkt
war der entscheidende Faktor für den jetzigen Kursanstieg bereits
bekannt!
Den
nächsten Kursschub gab es dann Mitte April als der stellvertretende
Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Günther Rau im Rahmen des
Unternehmensbesuchs von
Cem Özdemir (Bundesvorsitzender der Grünen) für 2010 eine schwarze Null
ankündigte. Die jüngste Verdopplung ist nun wohl der Veröffentlichung
der
Zahlen fürs erste Quartal 2010 zuzuschreiben. Doch sind diese wirklich
so gut,
dass sie eine Marktkapitalisierung von 43 Millionen Euro rechtfertigen?
*Zahlen
nur auf den ersten Blick gut
Ich
habe
hier große Zweifel, denn operativ schrieb Petrotec auch in den ersten
drei
Monaten des neuen Jahres rote Zahlen. Der Umsatzanstieg auf 13,6
Millionen Euro
bedeutet zwar eine enorme Steigerung gegenüber dem Vorjahreswert von
5,7
Millionen Euro, allerdings nur von einer tiefen Basis aus.
Das
Betriebsergebnis liegt bei minus 847.000 Euro. Noch deutlicher wird die
Verlustträchtigkeit des Geschäfts bei Cash-Flow. Aus dem operativen
Geschäft
war ein Netto-Mittelabfluss von 3,2 Millionen Euro zu beklagen.
Petrotec
hängt also weiter am Tropf des Großaktionärs. Daraus wird im
Quartalsbericht
kein Hehl gemacht: "Zur Verbesserung der Finanzlage hatte die IC Green
Energy Ltd. zu Beginn des Geschäftsjahres 2010 zusätzliche Darlehen
über eine
Gesamtsumme von 4 Millionen Euro an Petrotec gewährt, von denen 2
Millionen
Euro bereits ausgezahlt worden sind. Dennoch ist die Lage der Petrotec
weiter
als angespannt zu bewerten."
In
einschlägigen Börsenforen herumgereichte Behauptungen, wonach Petrotec
nun
"komplett schuldenfrei" sei, sind leider falsch. Die kurzfristigen
Verbindlichkeiten haben sich durch den Deal zwar auf eine Millionen
Euro verringert.
Im Gegenzug sind aber die langfristigen Verbindlichkeiten auf Grund der
neuerlichen Darlehen um knapp die Hälfte auf 15,6 Millionen Euro
gestiegen.
Damit
liegen alleine die langfristigen Verbindlichkeiten höher als das
gesamte
Eigenkapital von 11,4 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote liegt bei
akzeptablen aber immer noch niedrigen 31 Prozent.
Mit
liquiden Mitteln von 1,3 Millionen Euro und einer offenen Kreditlinie
in Höhe
von zwei Millionen Euro ist Petrotec nur scheinbar sorgenfrei.
Schließlich
entspricht dieser Betrag gerade mal dem Mittelabfluss aus dem ersten
Quartal.
Mit
anderen
Worten: Auch ein zusätzlicher weiterer Finanzbedarf ist nicht
auszuschließen.
Der ließe sich dann aber wohl nur über eine Kapitalerhöhung decken.
Deren
Bedingungen wiederum dürfte IC Green Energy diktieren. Die Israelis
wären dann
natürlich an einen möglichst tiefen Kurs interessiert.
*Hoffnung
auf Besserung
Allerdings
gibt es erste Anzeichen für eine Verbesserung im operativen Geschäft -
und zwar
in Form einer Richtlinie mit dem Kennzeichen 2009/28/EG. Diese sieht
Doppelvergütungen für Biodiesel auf Basis von Abfallstoffen vor, sofern
dieser
als Beimischung zu fossilen Brennstoffen verwendet wird.
Neu
ist das
allerdings auch nicht. Der EU-Beschluss stammt aus dem April 2009.
Immerhin,
die Niederlande und Frankreich seien so zu einem "attraktiven wie
potenziellen Markt" für Petrotec geworden, heißt es im Quartalsbericht
weiter.
Ob
das aber
angesichts des unverändert hohen Preisdrucks in der Branche bereits für
einen
Sprung in die Gewinnzone reicht, scheint fraglich. Eine konkrete
Prognose für
das Erreichen der Gewinnzone sucht man im Quartalsbericht entsprechend
vergebens.
MEIN FAZIT:
Zum
jetzigen Zeitpunkt scheint unter Berücksichtigung der verbesserten
Perspektiven
mit etwas Wohlwollen eine Bewertung mit dem zweifachen Buchwert
angemessen. Das
entspräche einer Marktkapitalisierung von ca. 23 Millionen Euro und
damit einem
Kurs von ca. 1,90 Euro.
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Viel Erfolg bei Ihrer
Geldanlage wünscht Ihnen
Ihr
Armin Brack
Chefredakteur Geldanlage-Report