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Volkswagen (WKN: 766403)-Chef Herbert Diess ist im Panikmodus. Er sieht ein gewaltiges Unwetter aufziehen, das die gesamte Automobilindustrie unter Wasser zu setzen droht. Aber was genau ist es eigentlich, das ihm so viel Furcht einflößt? Und haben VW, BMW (WKN: 519000) und Daimler (WKN: 710000) bereits die richtigen Rezepte, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen? Ich denke, das sind wichtige Fragen, mit denen sich jeder Aktionär auseinandersetzen sollte.

Worum es beim Diess-Sturm geht

Wenn man sich die Aussagen von Diess durchliest, dann könnte man auf verschiedene Gedanken kommen, was eigentlich den Kern der Panikmache darstellt. Auch wenn Diess beispielsweise immer wieder seinen Respekt vor Tesla (WKN: A1CX3T) ausdrückt, geht es wohl nicht darum. Tesla kann Volkswagen antreiben, aber sicherlich nicht aus der Bahn werfen.

Ähnlich sieht es bei den zahlreichen chinesischen Marken aus, die nun vermehrt ihr Glück auf den internationalen Märkten suchen. Schließlich ist man selbst weiterhin Marktführer im Reich der Mitte und die allermeisten lokalen Rivalen haben bisher eher kopiert denn eigene Akzente gesetzt. Ein Sturm würde hingegen bedeuten, dass sich die Konkurrenten mit etwas völlig Neuem versuchen zu differenzieren.

Absehbar ist allerdings, dass die Digitalisierung des Autos und des Verkehrs insgesamt mit riesigen Schritten voranschreitet und somit eine Menge Einfluss auf die Entwicklung der gesamten Industrie haben wird. Aber stellt die Digitalisierung wirklich einen Sturm dar?

Natürlich ergeben sich großartige Chancen für diejenigen, die die richtigen Softwareplattformen entwickeln und global ausrollen können. Aber ob eine Automarke für das Überleben und den Erfolg unbedingt führende IT-Lösungen in petto haben muss, halte ich für fraglich. Statt mit riesigem Aufwand selber machen gibt es immer auch die Möglichkeit, mit einem Zulieferer zusammenzuarbeiten.

Wenn Diess also die Belegschaft darauf einschwört, dass VW bei der Digitalinitiative einen gehörigen Zahn zulegen muss, dann geht es eher darum, die Nummer 1 zu bleiben, als das Überleben zu sichern.

Worum dreht sich also das Auge des Hurrikans? Nach reiflicher Überlegung bin ich zum Schluss gekommen, dass die etablierten Autobauer sich am meisten vor der Modularisierung fürchten müssen, die durch die Elektromobilität noch deutlich beschleunigt wird.

Warum die Modularisierung so gefährlich ist

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Volkswagen diesen Trend selbst mitgestaltet hat mit all seinen Plattformen und modularen Baukästen. Aber es führt eben auch kein Weg daran vorbei. Wenn die nächste Golfgeneration für das gleiche Geld mehr können soll, dann müssen die Kosten über höhere Effizienz durch mehr Gleichteile gesenkt werden.

Weil das Know-how für die besten Verbrennermotoren und Getriebe zu einem guten Teil bei den Fahrzeugherstellern liegt, konnten die meisten etablierten Hersteller ihre Marktposition behaupten. Beim elektrischen Antriebsstrang ist das Know-how hingegen viel breiter verteilt. Es wird deutlich schwerer, sich vom Wettbewerb durch ein besonders hochwertiges Aggregat zu differenzieren. Es kommt aber noch schlimmer.

Das BENTELER Electric Drive System 2.0, das auf der letzten IAA zusammen mit Bosch vorgestellt wurde, weist den Weg in die Zukunft. Es ist ein kompletter Unterbau für Elektrofahrzeuge – abgasfrei und sicherheitsgeprüft. Über den Einsatz eines massengefertigten rollenden Chassis können Neueinsteiger viel schneller ihre Ideen umsetzen, ohne vorab gewaltige Summen investieren zu müssen.

In Kombination mit additiven Fertigungsmethoden, die nun immer leistungsfähiger werden, können Start-ups zukünftig nahezu täglich neue Konzepte präsentieren – und das dank der in Großserie produzierten Basismodule zu Preisen, die früher nur Massenhersteller bieten konnten. Wichtig zu verstehen in diesem Zusammenhang ist die zunehmende Macht bestimmter Käufergruppen.

Der Deutschen Post (WKN: 555200) ist es bereits gelungen, mit StreetScooter eine eigene Fahrzeugmarke hochzuziehen. Amazon (WKN: 906866) zieht nach und bezieht 100.000 Lieferfahrzeuge bei der Beteiligung Rivian Automotive. Solche Großbestellungen sind regelmäßig der Beginn für den Aufstieg eines neuen Herausforderers für Volkswagen und Co.

Zu denken ist auch an die weltweiten Metropolen, die nun alle eifrig an der Modernisierung ihrer Verkehrssysteme basteln. Angenommen, Sao Paulo entscheidet sich dafür, den e.Go Mover (ein Joint Venture mit ZF) im großen Stil einzuführen – allerdings nur, wenn die Fertigung mit lokalen Partnern aufgebaut wird. ZF ist sowieso schon präsent und sagt zu. In relativ kurzer Zeit würde ein neuer Volumenhersteller entstehen. Die Chassiskompetenz von ZF und das Aufbau-Know-how lokaler Hersteller hätte enormes Potenzial.

Panik ist (teilweise) berechtigt

Es gibt Dutzend Megacitys und zahlreiche Konzerne mit Kontrolle über riesige Fahrzeugflotten. Dank der Verfügbarkeit von gebrauchsfertigen rollenden Chassis wird ein Sturm aus vielfältigsten Fahrzeugkonzepten über uns und insbesondere die etablierten Automobilhersteller hereinbrechen, die schnell skaliert werden können, sobald ein Großkunde anbeißt.

Sich dagegen zu wehren wird nicht leicht, aber noch haben Autobauer einige Hebel in der Hand. Daimler stellte beispielsweise mit dem Vision URBANETIC ein autonom fahrendes Chassis vor, das unterschiedliche Aufsätze aufnehmen kann. Schon etwas weiter ist Volkswagen, das bereits selbst in das Geschäft eingestiegen ist, indem die MEB-Plattform Dritten zur Verfügung gestellt wird. Hinzu kommen die eigenen Mobilitätssysteme, die zukünftig sicherlich auch dazu genutzt werden, den Serienanlauf von neuen Modellen anzuschieben.

Wenn es dann noch gelingt, das Neugeschäft rund um die Stromversorgung und digitale Dienste erfolgreich auszubauen, dann sollte Volkswagen auch noch am Ende dieses Jahrzehnts an der Spitze stehen. Daimler und BMW haben als Premiumhersteller ihrerseits den Vorteil, dass sie dank ihrer besonders anspruchsvollen Kundschaft schwerer angreifbar sind. Allerdings ist abzusehen, dass schon bald Luxusaufbauhersteller entstehen werden, die einen massengefertigten Unterbau kreativ nutzen und so versuchen, Fahrkomfort neu zu definieren.

Zusammengefasst wird es nicht ein einziger Hersteller sein, der den Etablierten zusetzt, sondern ein ganzes Heer von neuen Konzepten, die durch hochentwickelte Standardchassis und 3D-Druck schnell und kostengünstig umgesetzt werden sowie über Flottenbestellungen schnell skalieren können. Es geht daher nicht darum, ob Tesla oder VW gewinnt – auch Tesla wird diesen Sturm spüren.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. John Mackey, CEO von Amazon-Tochter Whole Foods Market, sitzt im Board of Directors von The Motley Fool. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Amazon und Tesla und empfiehlt BMW.

Motley Fool Deutschland 2020

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