EnBW


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07.12.10 Zocken auf Staatskosten


 
Meldung
In Deutschland reißt derzeit eine Unsitte ein, die man nur mit großer Sorge zur Kenntnis nehmen kann. Während sich Bundespolitiker aller Couleur in der Finanzkrise widerwärtig populistisch damit brüsteten keine Aktien zu halten und von niedrigverzinslichen Sparbüchern schwärmten, beteiligen sich deren Repräsentanten in den Bundesländer inzwischen ganz unverhohlen an börsennotierten Unternehmen. So erinnern wir uns daran, dass der Stadtstaat Hamburg sich seinerzeit an der Hapag Lloyd beteiligt hat. Und nun kauft das Land Baden-Württemberg für 4,67 Mrd. Euro die ENBW Anteile (45 %) der französischen Electricité de France (EDF) ab. Dafür wurde in Windeseile die landeseigene Erwerbsgesellschaft Neckarpri gegründet, die eine Baden-Württemberg Anleihe herausgeben soll.

Die ganze Transaktion wird von Ministerpräsident Mappus öffentlichkeitswirksam als ein Selbstläufer dargestellt. So wird nach seiner Einschätzung dieser milliardenschwere Kauf den Steuerzahler nichts kosten. Im Gegenteil, spricht er davon, dass die Zinskosten niedriger sein werden als die zu erwartenden Dividendenzahlungen der ENBW. Die Zinsen für die Anleihe sollen nämlich deutlich unter der zugrunde gelegten Dividendenrendite von 3,5 % liegen. Der Differenzbetrag wird idealiter dem Landeshaushalt zugute kommen. Zudem hätte man gemessen am inflationsbereinigten Einstiegspreis die Anteile sogar um -10 % günstiger eingekauft. Zudem will er mittelfristig die Anteile wieder an der Börse unterbringen.

Wie nicht anders zu erwarten, brüstet sich auch sein Gegenspieler von der EDF mit diesem Deal. Der EDF-Vorstandsvorsitzender Henri Proglio feiert ihn als einen Erfolg, da er angesichts wachsender Überkapazitäten, resultierend aus der Verlängerung der Atomkraftwerks-Laufzeiten und der einspeisenden Windenergie, Preisdruck im Markt erwartet. Ferner sieht er die Kostenentwicklung nicht zuletzt aufgrund der Zusatzbesteuerung und weiterer Regulierung als ungünstig. Außerdem hilft es dem Unternehmen seine hohe Verschuldung von derzeit 44 Mrd. Euro deutlich zu verringern.

Ob die Franzosen zufrieden sein können? Nicht wirklich. Sie haben seinerzeit für ein Viertel der Anteile 2,4 Mrd. Euro ausgegeben und dann bis 2005 ihre Anteile auf 45  % aufgestockt, was Ihnen – legt man die Börsenkurse zwischen 2000 bis 2005 zugrunde ca. 1,6 Mrd. Euro gekosten haben dürfte. Also insgesamt um die 4 Mrd. Euro. Bei einem Verkauf für 4,67 Mrd. Euro liegt also die Rendite bei ca. 17 %. Was für einen Zeitraum von 10 Jahren eine Jahresrendite von weit unter 2 % bedeutet und einen auch nicht gerade vom Hocker haut. Und was die 984 Mio. Euro Dividende betrifft, so sind die 98,4 Mio. Euro pro Jahr bei einem Einsatz von 4 Mrd. Euro eine Verzinsung von 2,5 % pro Jahr. Was bei einer Inflationsrate von im Schnitt ca. 2 % gerade einmal eine Realverzinsung von 0,5 % ist. Auch dass ist nicht gerade ein Burner.

Aber wie steht es den um die Geschäftszahlen der ENBW? In 2009 jedenfalls ging der Umsatz um -4,9 % zurück. Das Nettoergebnis lag mit -12,6 % überproportional schlechter. In 2010 erholte sich der Umsatz in den ersten neun Monaten um +9,6 % auf 13,6 Mrd. Euro und das EBIT ist um 34,6 % auf 1,9 Mrd. Euro gestiegen.

Und was sagen die Ratingagenturen? Standard & Poors bewertet die ENBW mit A- und einen negativen Ausblick. Wobei eine Abstufung die Zinskosten in die Höhe treiben würde.

Was also soll man zu diesem Deal sagen? Ich persönlich hätte den Deal nicht gemacht. Weil ich nicht wüsste, wo derzeit die Fantasie für die Versorgerbranche allgemein und speziell für die ENBW herkommen soll. Schließlich sind da die Mehrkosten aus der neuen Steuer, dann die Belastungen aus den erneuerbaren Energien und schließlich die Gefahr, dass letztere bei einem möglichen Politwechsel in der Zukunft erneut deutlich steigen könnten. Und auch, wenn Mappus selbst nicht in den Aufsichtsrat gehen will, so wird die Politik doch mächtig auf die Geschäftspolitik Einfluss nehmen können. Das allein ist für mich einen Abschlag wert.

D.h. dass wir von Globalyze dieser Aktie gegenüber aus Investmentgesichtspunkten heraus schon sehr reserviert gegenüber stehen. Dass aber in finanzknappen Zeiten wie diesen sich eine Landesregierung Anteile an einem börsennotierten Unternehmen einverleibt und mit Steuergeldern spekuliert, halte wir nicht zuletzt aus ordnungspolitischen Gründen für völlig verfehlt. Was wenn die Börse – aus welchen Gründen auch immer einbricht? Was wenn die Beteiligung dann länger gehalten werden muss und die Zinsen steigen? Das Risiko jedenfalls trägt wieder einmal der Steuerzahler. Wo das hinführen kann, haben wir bei den Landesbanken gesehen. Ganz nebenbei weise ich auf den Interessenskonflikt hin, wenn Politik zugleich Anteilseigner ist und zugleich die Interessen der Bürger gegenüber den Stromoligopolisten vertreten soll. Dieser Spagat kann nicht gelingen. Zudem kann man sich ernsthaft fragen, ob die Polititk in Deutschland derzeit nichts Besseres zu tun hätte?

Egal wie man es dreht und wendet. Dieser Deal ist weder unter Renditegesichtspunkten zu rechtfertigen. Noch ist er ordnungspolitisch angebracht. Wiederholt Spekulanten zu brandmarken und dann selbst zu spekulieren, erhöht nicht gerade politische Glaubwürdigkeit. Wieder einmal trägt der Steuerzahler ein Risiko, dass er nicht tragen müsste und auch sollte. Warum?

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke



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