Die ersten Wochen des Jahres 2026 bringen eine bemerkenswerte Wendung: Der US-Dollar gerät zunehmend unter Druck, während asiatische Märkte trotz Donald Trumps erratischer Handelspolitik neue Höchststände erklimmen. Die Finanzmärkte navigieren durch ein Dickicht aus widersprüchlichen Signalen, plötzlichen Zollankündigungen und wachsender geopolitischer Unsicherheit.
Währungsmärkte zwischen Intervention und Vertrauenskrise
Der Greenback erlebt seine größte dreitägige Talfahrt seit April 2025, als Trumps „Liberation Day“-Zölle eine heftige Verkaufswelle bei US-Vermögenswerten auslösten. Mit einem Minus von über 9% im Vorjahr verzeichnete der Dollar seine schlechteste Performance seit 2017. Auch 2026 setzt sich diese Schwäche fort – Euro, Pfund Sterling und Schweizer Franken legen deutlich zu.
Die Ursachen sind vielschichtig: Trumps aggressive Angriffe auf die Unabhängigkeit der Federal Reserve, massive Erhöhungen der Staatsausgaben und eine Außenpolitik, die selbst enge Verbündete vor den Kopf stößt. „Ich würde nicht von einem ‚Sell America‘-Trade sprechen, aber die fundamentalen Faktoren kommen schneller zusammen als erwartet“, erklärt Seema Shah, Chefstrategin bei Principal Asset Management.
Besonders brisant: Am Freitag führten die Bank of Japan und die New York Fed offenbar gemeinsame Prüfungen für den Yen durch – ein möglicher Vorbote der ersten koordinierten japanisch-amerikanischen Intervention seit 15 Jahren. Der Yen gewann daraufhin massiv, auch wenn er gegenüber dem Dollar im Jahresvergleich immer noch rund 13% verloren hat. Am Dienstag notierte die US-Währung bei 154,30 Yen, deutlich unter der kritischen Marke von 160.
Gold und Silber als sichere Häfen
Die Unsicherheit treibt Investoren in Edelmetalle. Gold kletterte um 1% auf 5.066 Dollar je Unze und nähert sich dem Rekordhoch von 5.110 Dollar. Noch spektakulärer: Silber schoss um 6,4% auf 110,60 Dollar hoch, nicht weit entfernt vom Montag gesetzten Rekord von 117,70 Dollar.
„Die hektische Natur der Unsicherheit gepaart mit einem schwächeren Dollar sind die Haupttreiber dieser jüngsten Aufwärtsbewegung“, analysiert Christopher Louney, Rohstoffstratege bei RBC Capital Markets. Er hält Kurse von bis zu 7.100 Dollar je Unze Gold bis Jahresende für möglich – basierend auf der Performance von 2025.
Asiatische Märkte ignorieren Zolldrohungen
Trotz oder gerade wegen des Chaos zeigen sich die Aktienmärkte erstaunlich resilient. Südkoreas KOSPI stieg am Dienstag um 0,8%, nachdem Trump völlig überraschend die Zölle auf südkoreanische Importe von 15% auf 25% angehoben hatte – mit der Begründung, Seoul setze das im Juli vereinbarte Handelsabkommen nicht um. Zunächst fiel der Index über 1%, doch dann kauften Anleger die Schwäche als Einstiegschance.
Die Logik dahinter: „TACO – Trump always chickens out“, wie Händler es nennen. Die Hoffnung auf eine baldige Deeskalation überwiegt, zumal Südkoreas Industrieminister bereits auf dem Weg in die USA ist. Der MSCI-Index für asiatisch-pazifische Aktien außerhalb Japans erreichte ein neues Rekordhoch.
Tatsächlich ist wenig überraschend, dass Seoul nicht Hunderte Milliarden in den USA investieren will, wenn permanente Zolldrohungen zur Normalität geworden sind. Erst am Samstag hatte Trump Kanada mit einem faktischen Handelsembargo bedroht, nur um Tage später seine Forderungen bezüglich Grönlands und europäischer Zölle abzuschwächen.
Technologie-Earnings als Markttest
Viel hängt nun von den anstehenden Quartalszahlen der „Magnificent Seven“ ab. Ab Mittwoch berichten Meta, Microsoft und Tesla, später folgen Apple und andere Tech-Giganten. Diese Zahlen werden zeigen, ob die KI-getriebene Rallye nachhaltig ist.
Bemerkenswert: Trotz des allgemeinen Aufschwungs hinkt der S&P 500 seit Trumps Amtsantritt anderen Märkten hinterher. Der Index legte um rund 15% zu – während Seouls Kospi um 95%, Tokios Nikkei um 40% und Shanghais Hauptindex um fast 30% explodierten.
„Asset Manager sind zunehmend daran interessiert, ihre Portfolios vom US-Markt zu diversifizieren. Vielen war klar geworden, dass sie exzessiv in US-Märkten übergewichtet waren“, erklärt Chris Scicluna, Ökonom bei Daiwa Capital Markets.
Fed-Sitzung im Schatten der Powell-Ermittlungen
Am Mittwoch steht die Federal Reserve im Fokus, auch wenn keine Zinsänderung erwartet wird. Doch die Sitzung wird überschattet von Trumps strafrechtlicher Untersuchung gegen Fed-Chef Jerome Powell, dessen Amtszeit im Mai endet. Online-Wettmärkte sehen inzwischen eine 50%ige Chance, dass BlackRocks Anleihe-Chef Rick Rieder Nachfolger wird – ein Befürworter niedrigerer Zinsen, ganz im Sinne des Präsidenten. Vor einer Woche lag diese Wahrscheinlichkeit noch unter 10%.
Die Fed dürfte dieses Jahr mindestens zweimal die Zinsen senken, während andere große Zentralbanken pausieren oder sogar anheben könnten. Das allein macht den Dollar für Investoren weniger attraktiv.
Strategische Investitionen und wirtschaftliche Realitäten
Abseits der Marktturbulenzen arbeiten Japan und die USA an konkreten Projekten im Rahmen von Tokios 550-Milliarden-Dollar-Investitionspaket. Zu den ersten Vorhaben gehört der Bau einer Anlage zur Herstellung synthetischer Diamanten in den USA – ein strategisch wichtiges Material für Chip- und Präzisionsfertigung, das derzeit hauptsächlich in China produziert wird.
Auch ein Großprojekt zur Stromerzeugung unter Beteiligung von Hitachi sowie der Bau eines Rechenzentrums mit SoftBank-Bezug stehen auf der Liste. Diese sollen vor einem geplanten US-Besuch der japanischen Premierministerin Sanae Takaichi im März verkündet werden.
Derweil ringt Deutschland mit seiner eigenen Erholung. Nach mageren 0,2% Wachstum 2025 erwarten Experten für 2026 zwischen 1% und 1,3% – ein moderater Aufschwung, der jedoch fragil bleibt. Kanzler Friedrich Merz‘ 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturfonds läuft schleppend an: Bis Jahresende 2025 waren von den im März bewilligten Mitteln erst 24 Milliarden investiert.
Drohender US-Shutdown verschärft Unsicherheit
Als wäre die Lage nicht angespannt genug, droht in Washington ein erneuter Regierungsstillstand. Demokraten und Republikaner streiten über die Finanzierung des Heimatschutzministeriums, nachdem zum zweiten Mal in diesem Monat ein US-Bürger in Minneapolis von Bundeseinwanderungsbeamten erschossen wurde. Sollte bis Freitag Mitternacht keine Einigung erzielt werden, stehen Behördenschließungen bevor.
Die Märkte nehmen diese Bedrohung bisher gelassen – doch sie ist ein weiterer Baustein im Fundament wachsender Unsicherheit, das Anleger zunehmend in alternative Investments und nicht-amerikanische Märkte treibt. Das dürfte spannend werden.
