LVZ: Die Leipziger Volkszeitung zu Zumwinkel -
Leipzig (ots) - Von André Böhmer. Es war wieder ein schwarzer Tag
für die soziale Balance im Wirtschaftsstandort Deutschland.
"Tatort"-reife Bilder von der Razzia bei einem der mächtigsten
Manager bilden die denkbar schlechteste Kulisse für ein Land, in dem
die Empörung über Verfehlungen von Konzernlenkern immer größer wird.
Millionen-Abzocke bei Mannesmann, Rotlicht-Affäre bei VW,
Schmiergeld-Skandal bei Siemens, Milliardenversagen der Banken und
jetzt der Steuer-Fall Zumwinkel: Der Ruf der Führungselite ist
ramponiert, weil einige wenige Vertreter auf den Chefsesseln ihre
Machtfülle missbrauchen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung
nicht gerecht werden.
Damit wird das Bild einer ganzen Gruppe ruiniert, obwohl viele
Spitzenmanager - wie etwa Porsche-Chef Wiedeking - ihre Millionen
durchaus zu Recht verdienen und der deutschen Wirtschaft seit gut
einem Jahr zu einem neuen Aufschwung verhelfen. Umso schwerer wiegen
jetzt die Vorwürfe gegen den Post-Chef, der wie kein anderer die
Verflechtung zwischen Staat und Wirtschaft in seiner Person bündelt.
Nein, ein Kavaliersdelikt ist es wahrlich nicht, was dem
Multi-Millionär da vorgeworfen wird. Noch gilt für ihn allerdings die
Unschuldsvermutung, solange die Steuerhinterziehung nicht bewiesen
ist - oder der Top-Manager sie auf Grund des Fahndungsdrucks selbst
einräumt.
Dass die Staatsanwaltschaft eine öffentlichkeitswirksame Razzia bei
einem Prominenten dieses Kalibers nur mit halbgaren
Ermittlungsergebnissen im Rücken startet, ist jedoch kaum anzunehmen.
Schließlich steht auch für die Fahnder die Glaubwürdigkeit auf dem
Spiel. Vielmehr scheint die Beweislast so erdrückend zu sein, dass
die Ermittler nicht mehr länger warten konnten. Die von Zumwinkel
nach der Vernehmung gezahlte Sicherheitsleistung wirkt da wie eine
Bestätigung.
Für das Heer der normalen Steuerzahler übermittelt die Razzia bei
Zumwinkel allerdings auch eine erfreuliche Botschaft. Jeder, der sich
bereits über pingelige Forderungen seines zuständigen Finanzamtes
geärgert und dann zähneknirschend nachgezahlt hat, dürfte die
Nachrichten aus Köln und Bochum mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.
Auch ein prominenter Name schützt also nicht immer vor Ermittlungen.
Für das Gerechtigkeitsempfinden im Land und inmitten der Debatte über
die soziale Verantwortung von Wirtschaftslenkern kann zumindest
dieses Signal positiv gedeutet werden. Für seine Manager-Kollegen in
den Chefetagen deutscher Spitzenkonzerne bedeutet der Fall Zumwinkel
dagegen eine schwere Hypothek. Die weit verbreitete Skepsis gegenüber
ihren Millionen-Gehältern wird wachsen.
Eine der bemerkenswertesten Folgen der Razzia war auf dem Frankfurter
Börsenparkett zu beobachten. Eigentlich ziehen Meldungen über Razzien
gegen führende Manager die betroffenen Firmen mit in den Abgrund. Die
Post-Aktie reagierte genau entgegengesetzt, sie zog kräftig an. Das
lässt nur einen Schluss zu:Zumwinkel gilt außerhalb des Konzerns als
Bremser und als Mann von gestern. Mit seinem - von den Börsianern
erwarteten - schnellen Abgang, sind also auch viele Hoffnungen
verbunden. Diese ungeschminkte Sicht auf die Zukunft ist dann im Fall
Zumwinkel schon wieder tröstlich.
Originaltext: Leipziger Volkszeitung
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