Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Zumwinkel
Bielefeld (ots) - Wirtschaftsskandale ohne Ende - und jetzt soll
auch noch Klaus Zumwinkel Steuersünder sein?
Zunächst gilt für den Post-Chef genau so wie beispielsweise für
Rüdiger Kapitza von Gildemeister, für Heinrich Griem, den
inhaftierten Ex-Beirat der Schieder-Gruppe, und für jeden anderen
Beschuldigten: Wer nicht überführt ist und nicht verurteilt wurde,
hat als unschuldig zu gelten.
Schön wäre es, wenn es dabei bliebe. Denn Zumwinkel ist nicht einfach
nur noch ein Manager in der langen Reihe der Gierigen. Mit 18 Jahren
im Amt ist der heute 64-Jährige der dienstälteste
Vorstandsvorsitzende unter den Dax-Konzernen. Seine Aufgabe war es,
die einst defizitäre Bundespost in einen gut gehenden privaten
Logistikkonzern umzuwandeln. Das ist ihm gelungen. Allerdings hat er
dafür immer wieder die Hilfe der Politiker - und das heißt im
Klartext: der Steuerzahler - in Anspruch genommen. Sollte er
tatsächlich als Privatmann dem gleichen Staat die ihm zustehenden
Steuern verweigert haben, zeugte das, höflich ausgedrückt, von
ziemlicher Undankbarkeit.
Dazu kommt Zumwinkels Rolle bei der Einführung eines Mindestlohns im
Postsektor. Kann man sich einen wortgewaltigeren Anwalt des kleinen
Mannes vorstellen als den Multimillionär und McKinsey-Zögling? Da
bewies der Spitzenmanager ein schauspielerisches Talent, das - für
die Deutsche Post AG - am Ende auch von Erfolg gekrönt war. Wer fragt
schon nach denen, die nun bei der Insolvenzwelle der Privatkonkurrenz
ihre Jobs verloren?
Sofern sich der Vorwurf des Staatsanwalts bestätigt, verlängert der
Fall Zumwinkel eine lange Liste von Skandalen und Affären.
Ex-Mannesmann-Vorstand Klaus Esser & Co. prägten als erste das Bild
vom Manager als Abzocker, der glaubt, ein Millionen-Salär noch mit
halb- und illegalen Tricks vervielfachen zu dürfen.
Lang ist die Liste der Konzerne, die Schmiergelder gezahlt haben
oder deren Mitarbeiter sich bestechen ließen. Siemens und sehr viele
andere »feine« Adressen finden sich darin. Näher am Boulevard, aber
in den Auswirkungen ebenso gravierend sind die Rotlicht-Skandale bei
Volkswagen.
Andere konstruierten, nachdem sich ihre Luftschlösser nicht
verwirklichten, Luftgeschäfte und schönten so Bilanzen. Neben Namen
wie Alexander Falk finden sich hier Ostwestfalen wie Schieder-Chef
Rolf Demuth und - es ist nur 13 Jahre her - Friedel Balsam.
Rechnet man zu den Fehlleistungen nun noch offensichtliches
Kontrollversagen wie bei West-LB, IKB und jenseits der Grenze der
Société Général, könnte einem dieser dunkle Berg den Blick auf die
Sonne verstellen. Schnell ist man vor allem bei der Linkspartei
bereit, die Systemfrage zu stellen. Allein: Selbst in der schlimmsten
Diktatur der Nationalsozialisten gab es nicht weniger, sondern mehr
Korruption.
Nicht das System, die Personen versagen. Warum fühlt sich einer, der
so viel Geld hat, dass er es kaum ausgeben kann, gedrängt, auf
illegalen Wegen noch mehr Gold zu scheffeln?
Aus der langen Liste der Gierigen hat diese Frage noch keiner
beantwortet.
Originaltext: Westfalen-Blatt
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