Sentix-Chef: Anleger haben sich von Notenbanken einlullen lassen


13.02.16 07:05
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FRANKFURT (dpa-AFX) - Der Kursrutsch an den Aktienmärkten hat den Anlegern nach Meinung des Analysehauses Sentix gezeigt, dass sie sich nicht mehr auf die Notenbanken verlassen können. Sie müssten wieder neu lernen, mit Risiken umzugehen, sagte Sentix-Geschäftsführer und Marktstratege Manfred Hübner im Gespräch mit der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX.

Frage: Der DAX hat seit Jahresbeginn ungefähr 18 Prozent verloren. Warum ist die Stimmung an den Finanzmärkten so schlecht?

Antwort: Das hängt damit zusammen, dass die Abwärtsbewegung von den Anlegern so nicht erwartet wurde. Wir haben in den letzten drei Jahren zwar mehrere ernsthafte Korrekturen am Markt gehabt, die jedoch von den Notenbanken durch immer wieder neue "Maßnahmen" gelöst werden konnten. Die große Überraschung für die Investoren ist nun, dass die Notenbanken zwar durchaus noch präsent sind, aber die gewohnte stabilisierende Wirkung ausbleibt. Im Gegenteil, Anleger gewinnen mehr und mehr den Eindruck, dass die Notenbanken inzwischen zunehmend zu einem die Märkte destabilisierenden Faktor werden.

Frage: Die Anleger stecken ja derzeit offensichtlich in einer Art Angstspirale.

Antwort: Die Anleger sind zwar durchaus beunruhigt, sind aber in einer Art Schockstarre gefangen. Sie haben quasi verlernt, auf Risiken zu reagieren. Jetzt, wo sich die Risiken tatsächlich materialisieren, fehlt diesen Anlegern die Überzeugung sowie die Werkzeuge, mit diesen Risiken adäquat umzugehen. Alleine auf Herrn Draghi zu hoffen, reicht offensichtlich nicht mehr aus!

Frage: Nach Schockstarre sehen die aktuellen Kursverluste aber nicht gerade aus.

Antwort: Wird wirklich so viel verkauft? In den ersten zwei Wochen waren die Umsätze an der Börse noch vergleichsweise niedrig. Wir haben derzeit eher einen massiven Käuferstreik. Die hohen Kursverluste haben den Mut nach "alternativlosen Aktien" erlöschen lassen. De facto haben wir noch keinen breiten Ausverkauf gesehen. Man muss es wirklich im Kontext der letzten drei Jahre sehen. Wie oft hatten wir 10-Prozent-Korrekuren, wie oft hatten wir Situationen, wo der Markt Aufwärtstrends gebrochen hatte? Wer dort handelte, war am Ende schlechter gestellt als derjenige, der einfach die Augen zugemacht und durchgehalten hat. Wer sich von den Notenbanken "konditionieren" ließ, fuhr in den letzten Jahren besser - muss nun aber wieder umlernen!

Frage: Manch ein Experte spricht aber schon von einer Panik, die die Märkte gepackt hat und zieht Vergleiche zu den Anfangszeiten der Finanzkrise 2008. Was sagen Sie, ist das schon Panik?

Antwort: Wir können in unseren Daten noch keine Panik messen. In der letzten Umfrage am Wochenende haben wir zwar ein erhöhtes Maß an Pessimismus festgestellt, Angst ist also durchaus vorhanden. Panik jedoch noch nicht. Zu 2008: In der Tat gibt es unseres Erachtens Parallelen zwischen 2008 und 2016! Wenn wir dazu das Stimmungsbild, das Grundvertrauen und auch die Positionierung der Anleger betrachten, sind auf allen drei Ebenen frappierende Parallelen festzustellen. Die Art und Weise, wie diese Korrektur sozusagen in den Köpfen der Anleger entstanden ist und wie sie sich entfaltet, ist absolut vergleichbar.

Frage: Die wirtschaftlichen Faktoren, die als Erklärungen immer wieder angeführt werden, also zum Beispiel die schwächelnde chinesische Wirtschaft oder der Absturz des Ölpreises, sind ja nicht neu. Warum hat sich die Talfahrt zuletzt so stark beschleunigt?

Antwort: Zum einen wissen wir gar nicht so genau, wie die wirtschaftliche Situation in China tatsächlich ist. Die Meinungen gehen da deutlich auseinander. Die offiziellen Wachstumsraten werden vom Markt nicht geglaubt, aber man weiß nicht, wo die tatsächlichen Wachstumsraten liegen. Zum anderen, und das können wir zum Beispiel bei Sentix in unseren Konjunkturindikatoren ganz gut erkennen, ist festzuhalten, dass seit Dezember die Konjunkturerwartungen in allen Weltregionen zurückgehen. Das heißt: Unabhängig von der Frage, wie es in China aussieht, muss man konstatieren, dass sich die Wachstumsaussichten rund um den Globus verschlechtert haben./la/das

--- Interview: Lutz Alexander und Eva Scherer, dpa-AFX ---



 

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