Liebe Leserinnen und Leser,
am Wochenende schrieb ich Ihnen von der Zwickmühle der Notenbanken, vom 3-Billionen-Dollar-Risiko im Schattenbankensektor und der Frage, ob die Handlungsfähigkeit der Zentralbanken selbst zum Problem wird. An diesem Montag liefert der Markt eine vorläufige Antwort – und sie ist überraschend gelassen.
Dritte Kriegswoche im Nahen Osten. Raketen auf Teheran, Schiras und Tabris. Brent-Rohöl bei rund 105 US-Dollar je Barrel. Und trotzdem: keine Panik. Der DAX stabilisierte sich am Nachmittag bei 23.475 Punkten im leichten Plus. An der Wall Street legte der Dow Jones 0,7 Prozent zu, Nasdaq und S&P 500 gewannen jeweils rund ein Prozent. Die Börsen haben offenbar beschlossen, den Krieg als berechenbar einzupreisen. Unter dieser stoischen Oberfläche aber verschieben sich tektonische Platten.
Unicredits Frankfurter Offensive
Die Karten liegen auf dem Tisch. Die italienische Unicredit hat ihr offizielles Tauschangebot für die Commerzbank vorgelegt: 0,485 neue Unicredit-Aktien je Commerzbank-Papier, was die Frankfurter Traditionsbank mit rund 30,80 Euro pro Aktie bewertet.
Die Commerzbank wehrt sich vehement. Die Bundesregierung sieht den Deal kritisch. Und ausgerechnet die Wirtschaftsweisen widersprechen dieser Haltung nun öffentlich. Der Konflikt reicht weit über Synergieeffekte und Filialschließungen hinaus. Es ist die Grundsatzfrage der europäischen Bankenunion, die hier verhandelt wird: nationale Champions schützen – oder echte europäische Schwergewichte schaffen, die im globalen Wettbewerb bestehen können? Die Commerzbank-Aktie legte am Montag 3,5 Prozent zu. Der Markt wettet darauf, dass Unicredit nachlegen muss.
Die unsichtbare Front im Serverraum
Während die Welt auf die militärischen Schläge im Iran blickt, schlug E.ON-Vorstand Thomas König am Montag Alarm: Die Zahl der Cyberangriffe auf deutsche Energienetze hat sich binnen fünf Jahren verzehnfacht. Täglich mehrere hundert Attacken auf die kritische Netzinfrastruktur – keine gelegentlichen Hacker-Versuche, sondern systematische Angriffe.
Die Brisanz liegt im Timing. Mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Stromnetze – unverzichtbar für die Energiewende – wächst die Angriffsfläche exponentiell. Europas physische Sicherheit wird künftig nicht nur an den Außengrenzen verteidigt. Sondern in den Rechenzentren der Versorger.
Der Krieg kommt an der Zapfsäule an
Die geopolitischen Spannungen fressen sich nun direkt in die Geldbeutel der Verbraucher. Laut Verivox haben sich die günstigsten Gas-Neuverträge in Deutschland innerhalb weniger Tage um 15 Prozent verteuert – 1,2 Cent pro Kilowattstunde mehr, getrieben von den explodierenden Großhandelspreisen.
Wie nervös die Politik reagiert, zeigt ein Blick nach Österreich. Dort griff die Regierung zu einer drastischen Maßnahme: Tankstellen dürfen die Preise für Benzin und Diesel ab sofort nur noch dreimal pro Woche erhöhen – montags, mittwochs und freitags um jeweils 12 Uhr. Preissenkungen bleiben jederzeit erlaubt. Ein administrativer Versuch, die Preisspitzen zu kappen. Ob er wirkt, steht auf einem anderen Blatt.
Bitcoin besteht seinen Stresstest
Am Wochenende beschrieb ich den strukturellen Vorteil von Krypto-Assets in Krisenzeiten: sofortige Liquidität, wenn traditionelle Märkte geschlossen sind. Bitcoin liefert nun den Beweis. Die Kryptowährung durchbrach die Marke von 74.000 US-Dollar und verlängerte damit eine achttägige Rallye. Gleichzeitig schwächelte Gold leicht und notierte zuletzt bei 5.025 US-Dollar je Unze.
Was sich hier vollzieht, ist ein Narrativ-Wechsel mit Substanz. Bitcoin wird in dieser Krise nicht als riskanter Tech-Wert abgestraft, sondern funktioniert als neutraler, grenzenloser Wertspeicher. Die Zahlen untermauern das: Allein die US-Spot-ETFs sammelten in den vergangenen zwei Wochen rund 1,47 Milliarden Dollar an frischem Kapital ein. Die institutionelle Infrastruktur der Wall Street hat Bitcoin eine Legitimität verliehen, die kein Whitepaper je erreichen konnte.
Der aktuelle Krisenmodus – steigende Ölpreise, geopolitische Eskalation, Flucht in Sachwerte – zeigt einmal mehr, welche Rolle Edelmetalle in einem Portfolio spielen können. Marktexperte Jörg Mahnert analysiert in seinem kostenlosen Webinar, welche Dynamiken den Edelmetallmarkt gerade antreiben und wie Anleger gezielt von Bewegungen bei Silber und Gold profitieren können. Konkret geht er dabei auf die Frage ein, wie sich Kurs-Chancen von über 100 % in diesem Segment identifizieren und nutzen lassen. Jörg Mahnerts Edelmetall-Analyse im kostenlosen Webinar ansehen
Die Woche der Wahrheit
Die kommenden Tage werden die Richtung vorgeben. Morgen liefern die ZEW-Konjunkturerwartungen ein erstes Stimmungsbild. Am Mittwoch tritt die Fed zusammen – und jedes Wort von Jerome Powell zur Abwägung zwischen inflationärem Ölpreisschock und systemischen Risiken wird seziert. Am Donnerstag folgt die EZB. Der Markt erwartet ein Stillhalten beim Leitzins von 2,15 Prozent. Die große Frage: Wie bewertet Christine Lagarde die inflationären Impulse der gestiegenen Energiepreise?
Und ein praktischer Hinweis: Verdi hat für Mittwoch, den 18. März, zu einem ganztägigen Warnstreik am Hauptstadtflughafen BER aufgerufen. Rund 2.000 Beschäftigte sollen die Arbeit niederlegen.
Die Quintessenz
Die Märkte demonstrieren an diesem Montag eine bemerkenswerte Fähigkeit, geopolitische Eskalation zu isolieren. Ob das Gelassenheit oder Selbsttäuschung ist, werden die Notenbank-Entscheide dieser Woche zeigen. Sicher ist: Die Krise verschiebt sich von den Schlachtfeldern in die Serverräume der Versorger, in die Gasrechnungen der Verbraucher und in die Vorstandsetagen europäischer Banken. Wer nur auf die Kurstafel schaut, verpasst die eigentliche Geschichte.
Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Start in diese entscheidende Handelswoche.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
