Der Krieg im Nahen Osten hat die Weltwirtschaft in eine Lage manövriert, die sich viele Ökonomen noch vor wenigen Wochen kaum vorstellen konnten. Öl notiert über 100 Dollar je Barrel, die Straße von Hormus ist praktisch dicht – und Notenbanken von London bis Tokio stehen vor einer ungemütlichen Frage: Wie reagiert man auf eine Inflation, die man weder durch Geldpolitik verursacht hat noch allein bekämpfen kann?
Die Antwort der meisten Zentralbanken lautet vorerst: abwarten.
Zentralbanken zwischen Inflation und Wachstumsangst
Diese Woche treffen sich die US-Notenbank Fed, die Bank of England, die Europäische Zentralbank sowie die Notenbanken Australiens, Japans, der Schweiz und Kanadas – allesamt zum ersten Mal seit Kriegsbeginn. Die Märkte haben ihre Erwartungen bereits drastisch umgeschrieben. Was noch Anfang des Jahres als gesicherter Zinssenkungszyklus galt, ist nun Geschichte.
Barclays erwartet, dass die Fed die Zinsen auf ihrer Sitzung diese Woche unverändert lässt. Für das Gesamtjahr rechnen die Ökonomen um Pooja Sriram nur noch mit einem einzigen Zinsschritt von 25 Basispunkten – und zwar erst im September, nicht wie zuvor im Juni. Eine zweite Senkung wird auf März 2027 verschoben. Der Grund: Der sogenannte Kern-PCE-Index, das bevorzugte Inflationsmaß der Fed, liegt seit zwei Monaten bei rund 0,4 Prozent monatlich. Das ist zu heiß für eine Lockerung.
Gleichzeitig hat sich das Wachstumsbild eingetrübt. Das US-BIP wuchs im vierten Quartal nur noch mit annualisierten 0,7 Prozent – eine Abwärtsrevision gegenüber der Erstschätzung. Die Kombination aus hartnäckiger Inflation und nachlassendem Wachstum erinnert unangenehm an die Stagflation der 1970er-Jahre, als der Ölpreisschock nach dem Jom-Kippur-Krieg die Industriestaaten in jahrelange wirtschaftliche Turbulenzen trieb.
Bank of England: Spielraum schmilzt
Besonders unter Druck steht die Bank of England. Noch Anfang Februar galt eine Zinssenkung im März als nahezu sicher. Heute ist davon keine Rede mehr. Volkswirte rechnen mehrheitlich mit einer Abstimmung von 7:2 für eine Pause – der Leitzins bleibt bei 3,75 Prozent.
Die Benzinpreise in Großbritannien sind seit Kriegsbeginn um 6,7 Prozent gestiegen, was allein rund 18 Basispunkte auf den Verbraucherpreisindex überträgt. Noch größer ist der Druck auf die Haushaltsenergiekosten: Die Gas- und Stromfutures deuteten zuletzt auf einen Anstieg der Preisdeckelung von 20 Prozent zum zweiten Quartal hin.
Citi erwartet, dass die Bank of England ihren bisherigen Hinweis auf weitere Zinssenkungen still und leise beerdigt. Die Formulierung, wonach Zinsen „auf Basis der aktuellen Datenlage“ weiter sinken dürften, werde wohl fallen gelassen. Das Ende des Zinssenkungszyklus sieht Citi nun bei 3,25 Prozent – statt wie bisher tiefer. BNP-Paribas-Ökonomin Dani Stoilova hält sogar nur noch einen einzigen weiteren Schnitt für möglich, und nur dann, wenn der Ölpreis unter 80 Dollar zurückfällt.
Hormuz-Krise: Mehr als ein Energieschock
Was die aktuelle Lage von früheren Ölpreisschocks unterscheidet, ist ihre Tiefe. Citi beschreibt die Situation nicht als einfachen Preisschock, sondern als „Mengenunterbrechung“ – eine fundamentale Störung der Lieferketten, die weit über Energie hinausgeht.
Die Blockade der Straße von Hormus hat den Schiffsverkehr um bis zu 90 Prozent reduziert. Täglich fehlen 6 bis 7 Millionen Barrel Öl aus dem Golf. Düngerpreise sind seit Ende Februar um 30 bis 40 Prozent gestiegen, Petrochemikalien haben sich um mehr als 30 Prozent verteuert, und auf einzelnen Schifffahrtsrouten sind die Frachtkosten um 15 bis 20 Prozent gestiegen. Für Indien kommt erschwerend hinzu, dass der Golf-Kooperationsrat für 38 Prozent der indischen Überweisungen aus dem Ausland steht und 14 Prozent der Güterexporte abnimmt.
Die Citigroup hat ihren Zielkurs für den indischen Nifty-50-Index auf 27.000 Punkte zum Dezember 2026 gesetzt und das Bewertungsmultiplikator von 20 auf 19 gesenkt. Im Basisszenario drohen 20 bis 30 Basispunkte weniger Wirtschaftswachstum im laufenden Fiskaljahr. Steigt Brent auf dauerhaft über 100 Dollar, könnte die Gewinnwachstumserwartung für indische Unternehmen von 15 Prozent auf einstellige Werte zusammenschrumpfen.
Japanischer Yen verliert Krisenglanz
Ausgerechnet der Yen – traditionell erste Anlaufstelle für Anleger in unsicheren Zeiten – ist in dieser Krise kein sicherer Hafen mehr. Die Währung notiert knapp unter 160 Yen je Dollar, dem schwächsten Stand seit der letzten Interventionsrunde Tokios im Juli 2024.
Das liegt an einer strukturellen Verschiebung: Japan importiert fast sein gesamtes Öl aus dem Nahen Osten. Steigende Energiekosten belasten die Handelsbilanz direkt. Dazu kommt, dass der Zinsabstand zwischen japanischen und US-Staatsanleihen – früher ein verlässlicher Orientierungspunkt für den Yen-Kurs – seine Vorhersagekraft weitgehend verloren hat. Steve Englander von Standard Chartered warnt: „Auf einen weiteren Ölschock könnte der Yen leicht durch die 160er-Marke brechen.“
Spekulative Händler fahren ihre Yen-Shortpositionen aus. Die jüngsten CFTC-Daten zeigen eine wachsende Netto-Short-Position in der Währung, was die Gefahr eines überraschenden Eingriffs der japanischen Behörden erhöht – und die Volatilität weiter anheizen dürfte.
Ausblick: Eine Woche der Entscheidungen
Die Märkte haben die Unsicherheit bereits eingepreist. Europäische Aktien haben seit ihrem Rekordhoch im Februar fast 6 Prozent verloren. Rüstungsaktien legen zu, Ölkonzerne wie Shell und BP ebenfalls. Der Druck auf die Zentralbanken ist enorm – und wächst täglich, solange die Straße von Hormus gesperrt bleibt.
Ob ein internationales Geleitkonvoi-Abkommen unter Führung der USA die Situation entspannen kann, ist unklar. Noch am Montag blieben konkrete Vereinbarungen aus. Klar ist: Solange Tanker brennen und Iran seinen neuen Obersten Führer Mojtaba Chamenei die Schließung der Meerenge fordern lässt, wird diese Woche für die Notenbanken nicht die letzte schwierige sein.
