Liebe Leserinnen und Leser,
es ist ein Freitag der kognitiven Dissonanz. Während Sie diese Zeilen lesen, leuchten die Bildschirme in Frankfurt grün, und der DAX pulverisiert mit über 25.250 Punkten sein bisheriges Allzeithoch. Die Sektkorken knallen, doch der Anlass für diese Party ist ein ökonomisches Paradoxon.
Wir erleben heute ein Lehrstück über die selektive Wahrnehmung der Märkte. Der Treibstoff für den Frankfurter Höhenflug sind eigentlich enttäuschende Nachrichten aus den USA. Es greift die zynische Logik der Liquiditätssüchtigen: Schlechte Konjunkturdaten werden gefeiert, weil sie die Hoffnung auf sinkende Zinsen nähren. Doch wer hinter die glänzende Fassade des neuen Rekords blickt, sieht Risse im Fundament.
Lassen Sie uns die Ereignisse dieses turbulenten Freitags sortieren.
Die Illusion der 50.000 Jobs
Die Zahl des Tages lautet 50.000. So viele Stellen wurden im Dezember in den USA außerhalb der Landwirtschaft geschaffen. Das liegt weit unter den Erwartungen von 60.000 bis 73.000 und markiert das Ende des schwächsten Job-Jahres seit der Pandemie.
Warum also der Jubel im DAX (+0,52 %) und EuroStoxx 50 (+1,2 %)?
Die Märkte wetten darauf, dass die US-Notenbank Fed angesichts dieser Schwäche gezwungen ist, die Geldschleusen weiter zu öffnen. Doch Vorsicht: Diese Wette steht auf tönernen Füßen. Denn während der Stellenaufbau stockt, ist die Arbeitslosenquote auf 4,4 Prozent gesunken, und die Stundenlöhne sind im Jahresvergleich um kräftige 3,8 Prozent gestiegen. Das ist eine toxische Mischung für Notenbanker: Ein abkühlender Arbeitsmarkt bei gleichzeitigem Lohndruck. Das Schreckgespenst der „Stagflation“ lugt vorsichtig um die Ecke.
Für den Moment ignoriert Frankfurt diese Nuancen. VW (+3,1 %) und SAP (+2,8 %) ziehen den Karren, und im MDax liefert Teamviewer (+6,7 %) mit erreichten Umsatzzielen ein seltenes Zeichen von Verlässlichkeit.
Hängepartie in Washington
Während Frankfurt feiert, hielt Washington heute den Atem an – und atmete frustriert wieder aus. Die Finanzwelt wartete vergebens auf ein Urteil des Supreme Court zu den umstrittenen Trump-Zöllen. Es geht um 133 Milliarden Dollar und die Frage, ob der Präsident seine Befugnisse überdehnt hat.
Das Gericht entschied sich heute für das Schweigen. Für die Märkte ist diese Hängepartie Gift. Zwar taxieren Wettplattformen wie Polymarket die Wahrscheinlichkeit, dass die Zölle kippen, auf 77 Prozent, doch die Unsicherheit bleibt. Bitcoin, der gestern noch unter die Räder kam, verharrt nun paralysiert in einer Seitwärtsbewegung um die 91.000 Dollar (ca. 77.300 Euro). Die Volatilität ist nicht verschwunden, sie wurde nur auf nächste Woche vertagt.
Metas nukleare Wette und der Drache im Nacken
Ein Blick ins Silicon Valley offenbart eine faszinierende Verschiebung, die auch europäische Portfolios betreffen wird. Meta macht ernst mit der Energieversorgung seiner KI-Infrastruktur und schmiedet Allianzen mit den Nuklear-Spezialisten Vistra und Oklo.
Die Logik ist bestechend: KI-Rechenzentren sind Stromfresser epischen Ausmaßes, und sie benötigen eine Grundlast, die Wind und Sonne im 24/7-Betrieb nicht garantieren können. Die Renaissance der Kernkraft durch die Hintertür der Tech-Giganten ist ein Trend für 2026, den man auf dem Radar haben muss – die Aktien von Vistra und Oklo sprangen folgerichtig an.
Doch die Eile hat einen Grund: In China braut sich ein technologischer Sturm zusammen. Das Start-up DeepSeek bereitet den Launch seines „V4“-Modells vor, das laut Insidern die Fähigkeiten von GPT-4 und Claude übertreffen soll. Der technologische Burggraben der US-Firmen könnte schmaler sein, als viele Investoren glauben.
Das bringt mich zu einem wichtigen Punkt für langfristig orientierte Anleger. Börsenexperte Bernd Wünsche analysiert in seinem aktuellen Webinar den Chip-Krieg zwischen USA und China und dessen Auswirkungen auf den Halbleiter-Sektor. Er zeigt konkret, welche Unternehmen vom 280-Milliarden-Dollar-Chip-Act der US-Regierung profitieren und warum europäische Tech-Werte laut Goldman Sachs noch unterbewertet sind. Wünsche stellt eine spezifische Halbleiter-Aktie vor, die er als Hauptprofiteur des aktuellen Megatrends identifiziert hat – inklusive detaillierter Analyse zu Marktposition, Wachstumspotenzial und geopolitischen Faktoren. Sie können das Webinar derzeit noch kostenfrei testen und erhalten Zugang zu seinem Spezialreport mit konkreten Investmentideen. Hier geht’s zum Webinar über den Chip-Sektor
Geopolitik: Das zynische Wegsehen
Es gehört zur Chronistenpflicht, auch das zu erwähnen, was die Märkte heute geflissentlich ausblenden. Russland hat erneut eine „Oreshnik“-Mittelstreckenrakete auf die Ukraine abgefeuert, Ziel war diesmal Lviv.
Die Reaktion der Märkte? Ein Schulterzucken. Der Ölpreis stieg zwar leicht, aber getrieben von Spannungen in Venezuela und dem Iran, nicht von der Eskalation in Europa. Es ist eine bittere Lektion: Geopolitische Gewalt wird an der Börse oft erst dann eingepreist, wenn sie die Lieferketten direkt bedroht. Das menschliche Leid taucht in keiner Bilanz auf.
Was das für Sie bedeutet
Wir gehen mit einem DAX auf Rekordniveau ins Wochenende, getragen von der Hoffnung auf billiges Geld und einer überraschend robusten deutschen Industrieproduktion im November. Doch die Fundamentaldaten aus den USA mahnen zur Vorsicht.
In der kommenden Woche wird es ernst: Am Dienstag stehen die US-Verbraucherpreise an, gefolgt vom Start der Berichtssaison der US-Banken (JPMorgan, Goldman Sachs). Dann wird sich zeigen, ob die Gewinne der Unternehmen die hohen Bewertungen rechtfertigen können – oder ob der heutige Rekord nur ein Tanz auf dem Vulkan war.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende – vielleicht nutzen Sie die Zeit, um einmal nicht auf die Kurse, sondern auf das Wesentliche zu schauen.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann
