DJ FOKUS: Alternative Handelsplattformen vor Marktkonsolidierung
Von William Launder DOW JONES NEWSWIRES
FRANKFURT (Dow Jones)--Alternative Plattformen für den Handel mit Wertpapieren stehen nach Einschätzung von Analysten vor einer Marktkonsolidierung.
Die so genannten multilateralen Handelssysteme (MTF) waren vor zwei Jahren in Europa zugelassen worden, um mehr Wettbewerb zu den etablierteren Börsenplätzen zu ermöglichen. Investmentbanken und Hedgefonds hatten daraufhin einige alternative Handelsplätze geschaffen, bekannt sind etwa Turquoise oder Chi-X.
Teilweise haben die MTF ihren Zweck inzwischen erfüllt, die Gebühren für Kapitalmarkttransaktionen sind gesunken und die Effizienz wurde gesteigert. Wegen der Finanzmarktkrise blieb der Einfluss der alternativen Plattformen jedoch begrenzt.
Der transatlantische Börsenbetreiber Nasdaq OMX sieht nun jedoch die Zeit für eine Konsolidierung als gekommen. Nicht alle der Handelsplattformen könnten überleben, sagte der President von Nasdaq OMX, Hans-Ole Jochumsen.
Erfolgreiche MTF dürften auch in Zukunft den etablierten Börsen, wie Deutsche Börse, Euronext oder London Stock Exchange, Umsätze abnehmen, so die Erwartung. Dabei werde jedoch langfristig nur eine Hand voll noch selbständig operierender alternative Anbieter übrig bleiben, erwartet Axel Pierron, Senior Vice President beim Marktforscher Celent.
Die MTF hatten nach ihrem Start dank schneller Abwicklungen und günstiger Gebühren schnell Marktanteile gewonnen. Die Finanzmarktkrise hatte ihnen das Erreichen der Profitabilität jedoch erschwert, Marktteilnehmer wählten in den turbulenten Zeiten lieber die etablierten Börsen für ihre Transaktionen oder verzichteten ganz auf Wertpapiergeschäfte. Experten glauben nun, mit der Markterholung werde das Urteil darüber fallen, ob die Eigner der MTF an diesen festhalten wollen oder ob ihnen die Aussichten auf Gewinne als zu schlecht erscheinen.
Die bislang erfolgreichste Handelsplattform ist die Chi-X Europe Ltd, die nach ihrem Start im Jahr 2007 ihren ersten operativen Gewinn im Oktober 2009 auswies. Der COO von Chi-X, Hirander Misra, sieht diesen ersten Betriebsgewinn zugleich als Bestätigung für das Geschäftsmodell des MTF. Nach den etablierten Börse NYSE Euronext und denen in London und Frankfurt ist Chi-X Europe mittlerweile der viertgrößte Handelsplatz für Aktien.
Wettbewerber Turquoise ist im Vergleich dazu hinter Chi-X zurückgeblieben. Der Marktanteil war insbesondere im März gefallen, nachdem die Verpflichtung der neun Eigner der Plattform ausgelaufen war, dem Handelsplatz Liquidität zuzuführen. Inzwischen hat Turquoise Gespräche mit der Londoner Börse aufgenommen und könnte bis Jahresende von den Briten gekauft werden.
Die drittgrößte MTF in Europa ist die BATS Europe. Dank eines gestiegenen Marktanteils soll die Plattform im kommenden Jahr Gewinne schreiben, wie CEO Mark Hemsley vergangenen Monat zu Dow Jones Newswires sagte. Das Ziel war das Erreichen des Breakeven bis Jahresende, und nun liege man besser als geplant, sagte der Manager.
Ein wichtiger Faktor für den weiteren Erfolg der MTF dürfte ihre Fähigkeit sein, sich von den etablierten Börsen abzugrenzen. Neben den kostengünstigen und schnellen Dienstleistungen ist dazu eine Ausweitung des Angebots notwendig.
Was die Abwicklungsgeschwindigkeit angeht, dürften sich die Anbieter einander annähern und dann schneller als im Millisekundenbereich arbeiten, hatte der COO von Chi-X, Misra, bereits früher im Jahr gesagt. Auch die Gebühren könnten nicht auf Null fallen, wenn man Gewinn schreiben wolle. Mit zusätzlichen Diensten oder verbesserter Technologie zur Steigerung der Liquidität könnten sich die MTF jedoch auszeichnen und so Gewinne erwirtschaften.
Aber auch eine Erweiterung des Produktangebots könnte zu Gewinnen beitragen. Bislang sind die alternativen Plattformen noch vorrangig auf den Aktienhandel konzentriert. Der Handel mit Optionsscheinen und Futures könnte aber neue Möglichkeiten bieten, erwarten Manager. So will die Plattform BATS im kommenden Jahr in das Aktienoptionsgeschäft in den USA einsteigen, und auch Chi-X Europe denkt über neue Angebote nach.
Marktbeobachter sehen auch Chancen im außerbörslichen Handel (over the counter), der direkt zwischen den Investoren abgewickelt wird. Zudem bieten so genannten Dark Pools Möglichkeiten, große Aktienpakete unter Wahrung der Anonymität zu handeln.
Das Verschwinden einzelner MTF dürfte allerdings noch nicht den gesamten Markt verändern. Schnell könnte eine neue Plattform den Platz der wegfallenden MTF ausfüllen, erwartet Frank Gerstenschläger, der als Vorstandsmitglied bei der Deutschen Börse für den Kassamarkt verantwortlich ist.
Der Frankfurter Börsenbetreiber hatte jüngst den Erwerb der Tradegate AG angekündigt, eine Berliner MTF für Privatanleger. Nasdaq OMX will dagegen im Baltikum selbst ein neues MTF aufbauen, obwohl sie dort als Börsenbetreiber bereits tätig ist.
Turquoise-COO Adrian Farnham sagte, mit dem Erwerb einer MTF könnten die etablierten Börsen die kritische Größe erreichen, um auch jenseits des Aktienhandels wettbewerbsfähig zu sein, etwa beim Börsenhandel mit Fonds (ETF), bei Hinterlegungsscheinen auf Aktien und bei Optionsscheinen. Das Geschäftsmodell der Plattformen -attraktive Preise, eine flexible Technologie sowie innovative Clearinglösungen -lasse sich dann vom Handel mit Aktien auf andere Wertpapieren übertragen.
Ein Vorteil für die Plattformen im Konsolidierungsprozess könnte sein, dass sie weiterhin ihre Eigner im Rücken haben. Die Investmentbanken und Hedgefonds können auf diese Weise ihren Druck auf die etablierten Börsen aufrecht erhalten, die Kosten niedrig zu halten. Der Markt wolle niemanden, der ein Monopol für sich beanspruchen könne, sagte Alexander Dalley, Vertriebschef bei BATS Europe.
-Von William Launder, Dow Jones Newswires, ++49 (0) 69 297 25 103, unternehmen.de@dowjones.com DJG/DJN/jhe/brb
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