DJ Spekulationsgetriebener Höhenflug der VW-Aktie hält an
FRANKFURT (Dow Jones)--Der Höhenflug der Volkswagen-Aktie hat sich auch am Dienstag fortgesetzt.
Für eine Aktie von Europas größtem Automobilbauer zahlten Anleger am Morgen zeitweise 1.005 EUR und damit fast doppelt so viel wie am Montag. Bereits zum Wochenstart hatte sich der Kurs des Papiers verdreifacht. Am Montag wie am Dienstag sorgte die VW-Aktie dafür, dass sich der Leitindex DAX trotz überwiegend negativer Kurse im Plus zeigte. Gegen 13.35 Uhr notierte die VW-Aktie mit 45% im Plus bei 752,53 EUR.
Die Gründe für die starken Kursbewegungen waren Analysten zufolge einmal mehr rein spekulativer Natur. Die Banken, mit denen die Porsche Automobil Holding SE die Optionsgeschäfte vereinbart habe, hätten wahrscheinlich VW-Aktien gekauft und diese an andere Investoren wie Hedgefonds verliehen, um eine Leihgebühr zu kassieren.
Die Hedgefonds, die ihrerseits auf fallende Kurse spekulierten, verkauften die Papiere wieder, um sie später billiger zurückzukaufen und die Differenz zu kassieren (Leerverkäufe). Je dichter der Zeitpunkt rückt, zu dem die Optionen eingelöst werden müssen, umso mehr Hedgefonds müssten nun VW-Aktien am Markt zurückkaufen, um die geliehenen Papiere zurückgeben zu können.
Weil nur noch sehr wenige VW-Aktien am Markt verfügbar sind, kommt es zu starken Kursausschlägen. Wie eng der Markt ist, hatte VW-Hauptaktionärin Porsche am Sonntag klar gemacht. Da verkündete der Stuttgarter Sportwagenhersteller überraschend, er strebe nicht nur eine Dreiviertelmehrheit bei Volkswagen an, sondern habe sich bereits direkt und über Optionen 74,1% an dem Wolfsburger Konzern gesichert.
Das Land Niedersachsen als zweitgrößter Aktionär besitzt rund 20,1% der VW-Papiere und hatte bereits mehrfach betont, eher aufzustocken, um seinen Einfluss bei dem wichtigsten Arbeitgeber der Region zu erhalten als Anteile zu verkaufen. Ein Teil der Aktien liegt zudem bei Pensionsfonds und in Portfolios, die Aktienindizes nachbilden. Damit sind nur wenige VW-Aktien tatsächlich verfügbar.
Porsche ließ am Dienstag von einem Sprecher erklären, eine solche Kursexplosion liege nicht im Interesse des Großaktionärs. "Wir gehen davon aus, dass sich der Kurs irgendwann wieder beruhigt", ergänzte er.
Zu Jahresbeginn hatte die Volkswagen-Aktie noch bei rund 150 EUR notiert. Realistischerweise müsste der Kurs gegenwärtig um die 69 bis 87 EUR liegen, sagen Analysten.
Trotz der Verwerfungen auf der Kurstafel sieht die Deutsche Börse am Dienstag keinen Grund, die VW-Aktie vom Handel auszusetzen. "Wir haben keine Pläne für eine Aussetzung der VW-Aktie", sagte ein Sprecher.
Auch für eine Entfernung des Wertes aus dem Leitindex sieht der Börsenbetreiber keinen Grund: "Die Börse richtet sich nach den Regularien". Danach muss ein Wert aus dem DAX herausgenommen werden, wenn der Anteil der frei verfügbaren Papiere die Grenze von 5% unterschreitet. Vorübergehende Handelsunterbrechungen seien möglich, wenn eine wichtige Unternehmensmitteilung anstünde. Davon sei aber nichts bekannt, sagte der Börsen-Sprecher.
Kritik gab es von Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS, die von der Deutschen Börse eine Änderung der Regeln für die Zusammensetzung des DAX forderte. "Ich kritisiere heftig, dass ein Unternehmen wie Porsche in unverantwortlicher Art und Weise den VW-Kurs manipuliert", sagte DWS-Geschäftsführer Klaus Kaldemorgen der "Financial Times Deutschland".
Unterdessen nimmt die Finanzaufsicht (BaFin) den rasanten Kursanstieg unter die Lupe. "Wir prüfen auf Insiderhandel und Marktmanipulation", sagte eine Sprecherin der Bonner Behörde. Ob daraufhin eine formelle Untersuchung eingeleitet werde, sei aber noch nicht entschieden.
Möglicherweise wird sich die Situation um die VW-Aktie aber bald entspannen. Denn für den späten Abend kündigte der Indexbetreiber Stoxx Limited ein "Index Update" an. Stoxx untersuche "die Situation um das Index-Unternehmen Volkswagen", erklärte die Gesellschaft, die von Deutscher Börse, Dow Jones & Co und der SIX Swiss Exchange getragen wird. Details nannte Stoxx nicht.
Analyst Klaus Stabel von der Wertpapierhandelsbank ICF erwartet ein abgestimmtes Verhalten zwischen Stoxx und Deutscher Börse. Der geplante Zeitpunkt deute darauf hin, dass die Mitteilung als marktbewegend angesehen werde. Ein Sprecher der Deutschen Börse wollte nicht dazu Stellung nehmen, ob auch vom Betreiber der Frankfurter Wertpapierbörse im Tagesverlauf noch eine Mitteilung zu erwarten sei.
Nach Einschätzung von Analyst Stabel könnte es in einer solchen Mitteilung um das Gewicht der Volkswagen-Aktie im DAX gehen. "VW sorgt für DAX-Bewegungen von 400 Punkten und mehr, das gab es noch nie bei einem Einzelwert", so Stabel.
"Wenn ein Wert dem DAX 400 Punkte Plus bringt und die meisten anderen Werte stark fallen, dann ist die Index-Funktion nicht mehr darstellbar". Stabel glaubt, dass viele Fonds VW bereits untergewichtet haben, weil sie nicht mehr in der Lage sind, mit dem DAX mitzuhalten.
Webseiten: http://www.porsche-se.com
http://www.volkswagenag.com
-Von Katharina Becker, Dow Jones Newswires; +49 (0)69
-29725 112,
katharina.becker@dowjones.com
(Herbert Rude hat zu diesem Bericht beigetragen).
DJG/kat/rio
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