Liebe Leserinnen und Leser,
„Vorsicht mit Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.“ Diese alte Weisheit dürfte heute so manchem Händler durch den Kopf gegangen sein. Monatelang flehte der Markt die Statistikämter förmlich an, die Inflation möge doch endlich unter die magische Zwei-Prozent-Marke der EZB fallen. Heute Mittag war es soweit: 1,7 Prozent für den Januar.
Eigentlich das Signal für Sektkorken und Kursfeuerwerke. Doch die Reaktion in Frankfurt und Paris glich eher einem Katerstimmung. Der DAX notiert am Nachmittag im Minus bei rund 24.700 Punkten. Warum? Weil die Märkte gerade schmerzhaft lernen, zwischen „guter“ Disinflation (Effizienz) und „schlechter“ Disinflation (Rezession) zu unterscheiden. Wenn die Teuerung primär fällt, weil Energiepreise einbrechen (minus 4,1 Prozent) und die Nachfrage wegbricht, schmeckt das nicht nach Goldilocks, sondern nach wirtschaftlicher Abkühlung.
Willkommen zu einer Wochenmitte, in der alte Korrelationen zerbrechen und sich die Gewichte an den Märkten neu sortieren.
Der EZB-Stand-by und das österreichische Wunder
Die reine Zahl ist beeindruckend: 1,7 Prozent Teuerung in der Eurozone, deutlich unter der Erwartung von 1,8 Prozent. Besonders in Österreich vollzog sich ein statistischer Sturzflug von 3,8 auf 2,0 Prozent. Doch der Teufel steckt im Detail, und genau dieses Detail dürfte Christine Lagarde morgen Kopfzerbrechen bereiten.
Die Dienstleistungsinflation klebt hartnäckig bei 3,2 Prozent. Das ist der Grund, warum der Konsens für die morgige EZB-Sitzung weiterhin „Füße stillhalten“ lautet. Die Währungshüter werden den Leitzins voraussichtlich bei 2,0 Prozent belassen. Die Botschaft scheint klar: Die Zinswende ist real, aber der Weg nach unten wird keine gerade Linie sein, solange der Arbeitsmarkt (Dienstleistungen) den Preisdruck hochhält.
Pharma-Rochade: Dänemark weint, Indiana lacht
Selten sieht man eine so brutale Divergenz in einem Duopol wie heute im Markt für Abnehmpräparate. Bisher liefen Novo Nordisk und Eli Lilly im Gleichschritt nach oben wie zwei Bergsteiger am selben Seil. Heute riss dieses Seil.
Die Dänen von Novo Nordisk schockten das Parkett mit einer Umsatzwarnung – der Preisdruck bei den Blockbustern Wegovy und Ozempic wird spürbar härter, die Margen geraten unter Beschuss. Die Aktie wurde prompt abgestraft. Fast zeitgleich lieferte der Rivale Eli Lilly aus Indianapolis das genaue Gegenteil: Eine Prognose für 2026, die vor Selbstbewusstsein strotzt, mit Aussicht auf massive Sprünge bei Erlös und Gewinn. Es scheint, als würden die Amerikaner im Moment das Momentum im lukrativsten Markt der Pharmabranche an sich reißen, während Novo mit der Sättigung kämpft.
Lichtblick Chemie, Schatten am Bau
Während der Gesamtmarkt schwächelt, feiert im DAX eine Branche ein kleines Comeback, die lange im „Prügelknaben-Eck“ stand: die Chemie.
Brenntag ist der unangefochtene Tagessieger (+2,2 Prozent auf rund 52 Euro). Hier paaren sich technische Kaufsignale – der Ausbruch über die 200-Tage-Linie – mit vagen Hoffnungsschimmern vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). Auch BASF (+4,4 Prozent) profitiert massiv. Der Treiber hier ist politischer Natur: Berichte über verlängerte kostenlose EU-Emissionszertifikate wirken wie Balsam auf die geschundenen Margen der energieintensiven Konzerne. Regulierung kann eben auch geben, nicht nur nehmen.
Ganz anders die Lage bei Heidelberg Materials. Der Baustoffkonzern rutschte um fast 7 Prozent ab und bildet das Schlusslicht – ein klares Signal, dass der Markt dem Bausektor trotz sinkender Zinsen noch nicht über den Weg traut. Auch Infineon (-1,5 bis -2,5 Prozent) kann trotz der allgegenwärtigen KI-Fantasie nicht punkten; die Quartalszahlen wurden vom Markt mit Schulterzucken bis Enttäuschung aufgenommen.
Tech-Kater und die 50-Milliarden-Wette
Der Blick über den Atlantik verrät: Die Tech-Euphorie bekommt Risse. Microsoft handelt mittlerweile rund 15 Prozent unter Jahresstartniveau. Die Sorge der Investoren verfestigt sich: Die immensen KI-Investitionen müssen sich langsam in barer Münze auszahlen, sonst wird die Geduld knapp.
Noch dramatischer ist die Lage bei PayPal. Die Aktie hat in einer Woche fast 23 Prozent verloren und handelt nur noch um die 40 Dollar. RBC Capital hat das Kursziel radikal zusammengestrichen; der CEO-Wechsel wird dort eher als Zeichen gewertet, dass der Turnaround langsamer verläuft als erhofft.
Und dann ist da noch Oracle. Gestern noch gefeiert, sorgt heute das Preisschild für Schnappatmung: Der Software-Riese plant eine gigantische Kapitalmaßnahme von bis zu 50 Milliarden US-Dollar für den Cloud-Ausbau. Das ist eine Wette auf die Zukunft, die den Anlegern kurzfristig den Atem verschlägt – die Aktie gibt heute nach, da die Verwässerung und die schiere Größe der Summe in den Fokus rücken.
Während Tech-Konzerne wie Microsoft und Oracle Milliarden in KI investieren und die Märkte auf Monetarisierung warten, zeichnet sich bereits der nächste große Tech-Durchbruch ab: die Robotik-Revolution. Tech-Experte Bernd Wünsche analysiert in seinem Webinar, warum intelligente Roboter – angetrieben durch KI – vor einem ähnlichen Durchbruch stehen wie die Künstliche Intelligenz 2022. Er zeigt konkret, welcher Robotik-Champion mit über 75.000 installierten Systemen und bis zu 60 Prozent Marktanteil ideal positioniert ist, um vom prognostizierten Marktwachstum auf 200 Milliarden Dollar bis 2030 zu profitieren. Sie erfahren, warum dieser Titel sowohl vom KI-Boom als auch von der Robotik-Welle profitiert und wie Sie diese Doppelchance nutzen können. Details zur Robotik-Analyse mit konkreter Aktienempfehlung
Parallel dazu bleibt es im Krypto-Markt eisig. Bitcoin ist auf das Niveau der US-Wahlnacht (ca. 75.000 Dollar) zurückgefallen – die gesamte „Trump-Rallye“ ist damit faktisch ausradiert. Ethereum hat in 30 Tagen fast ein Drittel an Wert verloren.
Was das für uns bedeutet
Die heutigen Daten zeigen ein klassisches „Late-Cycle“-Verhalten. Die Inflation fällt, weil die Nachfrage bröckelt – passend dazu die schwachen ADP-Arbeitsmarktdaten aus den USA mit nur 22.000 neuen Stellen. Für Unternehmen bedeutet das: Die Preissetzungsmacht schwindet (siehe Novo Nordisk). Nur wer echte Innovationen liefert (Lilly) oder von regulatorischen Geschenken profitiert (BASF), kann sich dem Sog entziehen.
Morgen blicken wir alle nach Frankfurt. Christine Lagarde wird erklären müssen, wie sie den „Stand-by-Modus“ bei 1,7 Prozent Inflation verargumentiert. Es bleibt spannend.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann
