Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Samstage, an denen die Weltgeschichte keine Rücksicht auf das Wochenende nimmt. Während wir hierzulande versuchen, die Ruhe des dritten Januartages zu genießen, haben sich die Ereignisse in Südamerika überschlagen. Was die Nachrichtenagenturen heute Nachmittag meldeten, lässt die Grenzen zwischen einem Polit-Thriller und der Realität verschwimmen: US-Spezialkräfte haben in Venezuela zugegriffen.
Es ist ein Paukenschlag, der weit über Caracas hinaus hallt und am Montag die Handelsräume von New York bis Tokio dominieren wird. Doch auch abseits der großen Geopolitik senden die Märkte Signale, die wir nicht ignorieren dürfen – von der digitalen Wiederauferstehung des Bitcoin bis zum harten Aufprall der Realität in der Schweizer Medienlandschaft.
Lassen Sie uns die Ereignisse dieses turbulenten Samstags und die Lehren der ersten Handelswoche einordnen.
Geopolitik: Das Ende der Ära Maduro
Es ist ein Vorgang ohne modernes historisches Vorbild: Ein amtierender Staatschef wird im eigenen Land von einer fremden Macht festgesetzt. US-Präsident Donald Trump bestätigte heute die militärische Operation, die in Washington unter dem scharfen Label der Bekämpfung von „Drogenterrorismus“ läuft. Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores befinden sich auf dem Weg nach New York, wo die Justiz wartet.
Für die Weltwirtschaft ist dies weit mehr als eine politische Fußnote. Venezuela sitzt auf den größten Ölreserven des Planeten, auch wenn die dortige Infrastruktur seit Jahren verfällt. Ein Machtvakuum in Caracas birgt das Risiko kurzfristiger Preisspitzen an den Energiemärkten, wenngleich Optimisten bereits auf eine Renaissance der Förderung unter neuer Führung spekulieren.
Die diplomatischen Wellen schlagen derweil hoch. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas mahnte umgehend die Einhaltung des Völkerrechts an. Die kommende Woche wird zeigen, wie die Weltgemeinschaft diesen schmalen Grat zwischen Intervention und Aggression bewertet – und wie der Ölpreis darauf reagiert.
Krypto: Der Seismograph schlägt aus
Da die klassischen Börsen am Wochenende ruhen, richtet sich der Blick auf den einzigen Markt, der niemals schläft. Der Bitcoin fungiert heute als Echtzeit-Indikator für die globale Nervosität – und er zeigt Stärke. Die älteste Kryptowährung hat die psychologisch massive Marke von 90.000 US-Dollar zurückerobert.
Bemerkenswert war die Intraday-Reaktion: Als die Nachricht des Zugriffs in Caracas die Runde machte, sackte der Kurs kurz ab, nur um sich rasch wieder im Bereich von 89.700 bis 90.000 Dollar zu stabilisieren. Das Narrativ vom „digitalen Gold“ als sicherem Hafen besteht hier seine Bewährungsprobe. Während J.P. Morgan für das physische Edelmetall ambitionierte Ziele von bis zu 6.000 Dollar ausruft, kämpft der Krypto-Sektor mit seiner eigenen Binnenlogik: Trotz massiver Abflüsse aus den Spot-ETFs im Dezember (über 900 Millionen Dollar seit Monatsmitte) kehrt das Kaufinteresse der großen Adressen, der sogenannten „Wale“, offenbar zurück.
Aktienmärkte: DAX stabil, Wall Street wackelt
Bevor uns die heutige geopolitische Lage vollständig vereinnahmt, lohnt ein nüchterner Schulterblick auf den Wochenausklang. Der DAX verabschiedete sich am Freitag mit einem soliden Plus von 0,16 Prozent bei 24.557 Punkten ins Wochenende. Mit einem Jahresplus von 23,28 Prozent steht der deutsche Leitindex bemerkenswert robust da.
Ganz anders die Stimmungslage jenseits des Atlantiks. Der Start ins Börsenjahr 2026 misslang der Wall Street gründlich; der S&P 500 verlor auf Wochensicht 1,1 Prozent. Nach der Jahresendrallye scheinen Investoren Gewinne mitzunehmen und das geopolitische Risiko neu zu kalkulieren. Dass im DAX ausgerechnet defensive Schwergewichte und Rüstungstitel wie MTU Aero Engines (+4,48 %) und RWE (+3,65 %) die Wochengewinner waren, passt ins Bild einer Welt, die unsicherer geworden ist.
Medien: Schweizer Kahlschlag als Warnsignal
Ein Blick über die Grenze in die Schweiz offenbart heute die Brutalität des Strukturwandels in der Medienbranche. Die SRG (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft) verkündete ein drastisches Sparprogramm: Bis 2029 sollen rund 900 Vollzeitstellen gestrichen werden.
Die Ursachen sind ein toxischer Mix aus sinkenden Werbeeinnahmen und politischem Druck auf die Medienabgabe – ein Szenario, das man auch in Mainz und Köln mit Unbehagen registrieren dürfte. Die Schweizer Antwort ist die Flucht nach vorn: Im Herbst 2026 soll die Streaming-Plattform „Play+“ starten. Es ist der Versuch, der US-Dominanz mit gebündelter nationaler Kraft zu begegnen. Ob diese digitale Konsolidierung die analogen Verluste kompensieren kann, bleibt die große Wette dieses Jahrzehnts.
Infrastruktur: Das Berliner Paradoxon
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Während RWE-Chef Markus Krebber zum Jahresauftakt sinkende Strom- und Gaspreise für 2026 in Aussicht stellt, sitzen Zehntausende Berliner im Dunkeln. Ein mutmaßlicher Brandanschlag auf eine Kabelbrücke hat Teile der Hauptstadt lahmgelegt; die Reparaturen sollen bis Donnerstag andauern.
Diese Gleichzeitigkeit von preissenkender Marktoptimierung auf der einen und der physischen Verletzlichkeit unserer kritischen Infrastruktur auf der anderen Seite ist bezeichnend für den Standort Deutschland im Jahr 2026. Günstigere Energiepreise sind ein schwacher Trost, wenn die physische Leitung kappt.
Mobilität: Die endgültige Wachablösung
Zum Abschluss noch eine Zahl, die das Jahr 2025 nun auch statistisch besiegelt hat: Der chinesische Autobauer BYD hat Tesla als weltgrößten Verkäufer von E-Autos abgelöst. Mit 2,26 Millionen verkauften Fahrzeugen ließen die Chinesen Elon Musks Imperium (1,64 Millionen) deutlich hinter sich.
Auch wenn Tesla im Kernmarkt USA noch dominiert, hat sich der globale Wind gedreht. Der Wettbewerb im Jahr 2026 wird nicht mehr über visionäre Ankündigungen entschieden, sondern über harte Preispunkte und Modellvielfalt. China hat hier, zumindest was die Stückzahlen betrifft, das Zepter übernommen.
Was uns nächste Woche erwartet
Der kommende Montag dürfte an den Märkten intensiv werden. Wie reagieren die Rohstoffbörsen auf das Machtvakuum in Venezuela? Wird der DAX seine relative Stärke gegenüber der US-Nervosität behaupten können? Und innenpolitisch dürfte der Vorstoß der CSU, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, für hitzige Debatten sorgen.
Ich wünsche Ihnen trotz der weltpolitischen Unruhe einen schönen Rest des Wochenendes. Nutzen Sie den Sonntag zum Durchatmen – die Märkte werden am Montag unsere volle Aufmerksamkeit fordern.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann
