Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Wochenenden, an denen die Weltpolitik im Ballsaal des Bayerischen Hofs Walzer tanzt, während die Ökonomie noch versucht, nach einer turbulenten Woche den Takt zu finden. Heute ist einer dieser Tage. Während US-Außenminister Marco Rubio in München überraschend sanfte Töne anschlägt und Europa als kulturelle Wiege preist, atmeten die Märkte – und vor allem die Krypto-Investoren – bereits gestern tief durch.
Die Angst vor einer neu aufflammenden Inflation hat sich als unbegründet erwiesen. Doch der Reihe nach. Wir blicken an diesem Samstag auf ein faszinierendes Zusammenspiel aus Washingtoner Personalentscheidungen, diplomatischer Akrobatik in Bayern und einer digitalen Währung, die sich standhaft weigert, abgeschrieben zu werden.
Hier sind die Themen, die Ihr Portfolio und die Weltwirtschaft an diesem Wochenende bewegen.
Der Warsh-Effekt: Nach der Zahl kommt das Personal
Die Zahl der Woche ist inzwischen bekannt und verdaut: 2,4 Prozent Inflation im Januar. Das gestern gemeldete „Goldlöckchen-Szenario“ – nicht zu heiß, nicht zu kalt – hat die Märkte beruhigt. Doch die eigentliche Nachricht für den strategischen Anleger ist nicht die Statistik von gestern, sondern die Personalie von morgen.
Donald Trump hat Kevin Warsh als Nachfolger von Jerome Powell nominiert. Warsh, einst jüngster Fed-Gouverneur und in Wall-Street-Kreisen als „Inflationsfalke“ bekannt, steht für einen pragmatischen, aber harten Kurs. Er ist der Mann, der einen „Regimewechsel“ bei der Notenbank gefordert hat. Mit den entspannten Inflationsdaten im Rücken – die Kernrate liegt bei 2,5 Prozent, Benzin wurde 3,2 Prozent billiger – dürfte sein geplanter Start im Mai ökonomisch sanfter ausfallen als befürchtet. Politisch jedoch droht Gegenwind: Senator Thom Tillis hat bereits Widerstand signalisiert. Für die Märkte bedeutet Warsh primär eines: Die Zeit des „Easy Money“ mag zurückkehren, aber unter strengerer Aufsicht.
Die Wiederauferstehung des Bitcoin: Totgesagte leben volatiler
Wer Anfang der Woche auf sein Krypto-Portfolio blickte, brauchte starke Nerven oder einen sehr langfristigen Horizont. Bitcoin war auf ein 16-Monats-Tief von rund 60.000 US-Dollar gefallen. Der Angst-und-Gier-Index stand auf „Extreme Fear“.
Doch heute sieht die digitale Welt schon wieder anders aus. Bitcoin hat die psychologisch wichtige Marke von 70.000 US-Dollar zurückerobert und notiert zeitweise über 70.200 Dollar. Der Treibstoff für diese Rallye waren die Makro-Daten aus den USA: Günstigere Inflation bedeutet mehr Risikobereitschaft.
Der Blick unter die Motorhaube offenbart dabei eine klassische Markt-Dynamik: Während Privatanleger in Panik verkauften (realisierte Verluste von 8,7 Milliarden Dollar in der letzten Woche), griffen die Profis zu. Die US-Spot-ETFs verzeichneten nach Tagen der Abflüsse wieder Nettozuflüsse von über 562 Millionen Dollar. Das „Smart Money“ kauft, wenn die Blockchain rot färbt. Dennoch mahnen Charttechniker zur Vorsicht: Solange der Widerstand bei 71.500 Dollar nicht nachhaltig fällt, ist der Bärenmarkt technisch noch nicht vom Tisch.
Münchener Dissonanzen: Mozart, Beatles und Flugzeugträger
Szenenwechsel nach München. Dort trat heute Marco Rubio auf das Podium der Sicherheitskonferenz und versuchte sich als Diplomat der alten Schule. Der US-Außenminister der Trump-Administration bezeichnete die USA als „Kind Europas“, schwärmte von Mozart, Beethoven und den Beatles. Eine Charme-Offensive, die eine klare Botschaft senden soll: Wir sind immer noch Freunde, trotz der „America First“-Rhetorik.
Doch die Harmonie ist brüchig. Im Hintergrund schwelt der Konflikt um Grönland weiter. Trumps Interesse an der Insel – motiviert durch Seltene Erden und die strategische Lage – wirft lange Schatten. Die Antwort aus Großbritannien folgte prompt und militärisch konkret: Premierminister Keir Starmer kündigte in München die Mission „Arctic Sentry“ an. Ein britischer Flugzeugträger wird in den Nordatlantik entsandt, um die NATO-Präsenz in der Arktis zu stärken.
Es ist eine paradoxe Situation: Während Rubio im Saal die kulturelle Verbundenheit beschwört, rüsten sich die Verbündeten im hohen Norden für geopolitische Kälte. Für Investoren bleibt die Erkenntnis: Rüstungsaktien und Unternehmen mit Fokus auf Rohstoffsicherheit bleiben ein zentrales Thema, unabhängig von freundlichen Worten auf dem diplomatischen Parkett.
Heimische Hürden: Der DAX und die teure Einigung
Und was macht der heimische Markt? Der DAX kämpft weiter mit der Marke von 25.000 Punkten. Die Woche endete zwar versöhnlich, gestützt durch die US-Daten, doch die Luft oben wird dünn. Die Berichtssaison liefert gemischte Signale: Während Siemens optimistisch in die Zukunft blickt, leidet Mercedes-Benz unter dem schwierigen China-Geschäft und der Zoll-Angst.
Ein weiterer Faktor für die deutsche Wirtschaft wurde heute Morgen finalisiert: Im öffentlichen Dienst der Länder gibt es eine Einigung. 5,8 Prozent mehr Gehalt in drei Schritten. Für die Binnenkonjunktur ist das eine gute Nachricht – die Kaufkraft bleibt erhalten. Für die Inflationsbekämpfung der EZB ist es jedoch ein Warnsignal. Der Lohndruck bleibt hoch, was den Spielraum für Zinssenkungen in der Eurozone einschränken könnte.
Das Fazit
Wir gehen mit einem Gefühl der Erleichterung in den Rest dieses Wochenendes. Die US-Inflation ist nicht außer Kontrolle, der Bitcoin-Crash wurde (vorerst) abgewendet, und in München wird zumindest wieder miteinander geredet, statt nur übereinander zu twittern.
Doch die Ruhe täuscht. Die geopolitischen Verschiebungen – von der Arktis bis zum Iran, wo Oppositionelle nun offen nach US-Intervention rufen – bleiben das größte Risiko für die Kapitalmärkte. Die 2,4 Prozent Inflation geben uns Zeit, aber sie lösen nicht die strukturellen Konflikte einer fragmentierten Welt.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes und einen klaren Kopf für die kommende Handelswoche.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann
