Warum der DAX ausgerechnet ohne Tech-Fantasie Rekorde feiert
Der DAX erreichte ein Allzeithoch, während Industrie, Banken und Rüstung zulegten. Rheinmetall blieb trotz starker Aufträge unter Druck.

Kurz zusammengefasst
- DAX erreicht neues Allzeithoch
- Auto-, Chemie- und Bauwerte gefragt
- Rheinmetall mit über 100 Milliarden Euro Auftragsbestand
- PayPal-Übernahme durch Stripe geplatzt
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
während die US-Technologiebörsen am Freitag nach der Jackson-Hole-Rede von Fed-Chef Kevin Warsh ins Straucheln gerieten, lief in Frankfurt eine ganz andere Geschichte: Der DAX markierte mit 26.618,74 Punkten ein neues Allzeithoch und schloss bei 26.569,99 Zählern. Getragen wurde der Rekord nicht von Chipwerten, sondern von Autobauern, Chemiekonzernen und Baufirmen. Die Botschaft der Woche: Anleger setzen derzeit lieber auf Substanz als auf KI-Fantasie.
Alte Industrie schlägt Chip-Sorgen. BMW sprang am Freitag um 5,0 Prozent auf 62,70 Euro, nachdem Citigroup dem Titel den Status „Positive Catalyst Watch“ für 90 Tage verliehen hatte; Bernstein sieht ein Kursziel von 82 Euro. Mercedes-Benz legte um 2,6 Prozent auf 46,70 Euro zu, Siemens markierte mit 291,55 Euro ein neues Rekordhoch und schloss bei 288,80 Euro. Parallel meldete die Chemiebranche eine handfeste Trendwende: Das ifo-Geschäftsklima sprang von minus 26,3 auf minus 2,4 Punkte, die Geschäftslage von minus 14,6 auf plus 11,6 Punkte. Und der Baukonzern Strabag schoss nach starken Halbjahreszahlen um 13 Prozent auf 97,10 Euro – ein frisches 52-Wochen-Hoch, das andeutet, dass die ersten zehn Prozent des 500-Milliarden-Euro-Infrastruktur-Sondervermögens allmählich in echten Aufträgen ankommen. Wer im Depot auf Autos, Chemie und Bau statt auf Nvidia & Co. gesetzt hat, wurde diese Woche belohnt – während Marvell trotz eines Umsatzsprungs auf 2,74 Milliarden Dollar um 9,5 Prozent einbrach und auch Nvidia um 4,1 Prozent nachgab.
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Rheinmetall: Rekordauftragsbuch, aber die Aktie glaubt der eigenen Story nicht. Der Rüstungskonzern meldete einen Auftragsbestand von mittlerweile über 100 Milliarden Euro – getrieben unter anderem von einem 5,7-Milliarden-Euro-Auftrag aus Rumänien für Skyranger/Skynex-Systeme und der NATO-Ankündigung, in den kommenden fünf Jahren über 40 Milliarden Dollar in Drohnenabwehr zu investieren. Der Bereich Air Defence verdoppelte seinen Halbjahresumsatz nahezu auf 478 Millionen Euro. Zusätzlich steckt Rheinmetall über 260 Millionen Euro in einen neuen Defence-Hub am Flughafen Kassel-Calden, wo die Belegschaft von 2.200 auf über 3.000 Beschäftigte wachsen soll. Trotzdem schloss die Aktie am Freitag bei 1.152,40 Euro, 2,1 Prozent leichter, und liegt binnen zwölf Monaten rund 30 Prozent im Minus – weit entfernt vom 52-Wochen-Hoch von 2.007 Euro. Dabei liegt die operative Marge im Segment Waffe & Munition bei rund 27 Prozent, die Kapitalrendite bei über 33 Prozent. Fundamentaldaten und Kurs laufen derzeit spürbar auseinander – das lässt sich als Nachholpotenzial lesen oder als Warnung vor überzogener Wachstumsfantasie, die bereits eingepreist war. Die Umsatzprognose 2026 wurde nach dem geplatzten deutschen Fregattenprojekt zwar um 300 Millionen Euro auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro gesenkt. Bei TKMS wiederum wuchs der Auftragsbestand über neun Monate auf 20,1 Milliarden Euro, plus ein zusätzliches 6,3-Milliarden-Euro-Fregattenprogramm – die Aktie legte seit Jahresbeginn um 36 Prozent zu und schloss bei 90,10 Euro. Wer die Rüstungsstory noch nicht im Depot hat, findet mit Deutz einen kleineren, fokussierteren Hebel: Der Motorenbauer schloss bei 12,89 Euro, ein neues 52-Wochen-Hoch, getrieben von der geplanten 1,6-Milliarden-Euro-Übernahme der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft. Damit peilt Deutz ab 2027 über eine Milliarde Euro Rüstungsumsatz bei mehr als 20 Prozent EBITDA-Marge an – die DZ Bank hob ihren fairen Wert entsprechend von 12 auf 16 Euro an.
Commerzbank: die stille Stärke im Finanzsektor. Während Rüstungsaktien Achterbahn fahren, zieht die Commerzbank unauffällig, aber beharrlich nach oben: Am Mittwoch markierte die Aktie mit 41,00 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch, am Freitag schloss sie bei 40,30 Euro – ein Plus von 12 Prozent seit Jahresbeginn bei einer Marktkapitalisierung von 43 Milliarden Euro. Das passt zu überraschend robusten deutschen Konjunkturdaten: Die Exporte legten im ersten Halbjahr um 3,9 Prozent zu, das BIP wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. Wer dem DAX-Rekord misstraut, weil er zu sehr auf wenigen zyklischen Namen ruhe, findet in der Bankenrallye ein Gegenargument: Hier preist der Markt eine breitere konjunkturelle Erholung ein, nicht nur einzelne Sondereffekte.
PayPal als Mahnung: Tech-Deals sind fragil, Industrie-Deals liefern. Während Rheinmetall und Deutz ihre Übernahmen und Investitionen wie geplant durchziehen, platzte bei PayPal am Freitag die milliardenschwere Übernahme durch Stripe und den Finanzinvestor Advent – ein Angebot von 60,50 Dollar je Aktie und einem Volumen von rund 53 Milliarden Dollar. Die Aktie brach um 12 Prozent auf 46,31 Euro ein, binnen Stunden verschwanden rund 8,1 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung. Mizuho senkte das Kursziel von 60 auf 51 Dollar, Loop Capital von 62 auf 50 Dollar. PayPal kündigte zudem einen Stellenabbau von 20 Prozent sowie eine Restrukturierung in drei Geschäftsbereichen an. Der Kontrast zur Industrieseite könnte kaum größer sein: Dort werden Milliardeninvestitionen verkündet und umgesetzt, im Tech-Sektor platzen sie über Nacht.
Kurzer Blick auf Krypto: Bitcoin notiert bei rund 78.900 Dollar und damit knapp unter der zuletzt erreichten 80.000-Dollar-Marke – Warshs hawkishe Töne aus Jackson Hole hatten am Freitag kurzzeitig eine Liquidationswelle von rund 488 Millionen Dollar ausgelöst. Die wöchentlichen ETF-Zuflüsse blieben mit über einer Milliarde Dollar dennoch robust – ein Hinweis darauf, dass strukturelles Kapital trotz kurzfristiger Zinsangst im Markt bleibt.
Unterm Strich zeigt diese Woche, dass die DAX-Rekordjagd nicht mehr allein an KI-Fantasie hängt. Rüstung, Chemie, Bau und Banken liefern eigenständige, teils sehr unterschiedliche Kursgeschichten – mit Rheinmetall als spannendstem Fall, weil dort operative Stärke und Kursentwicklung so weit auseinanderklaffen wie selten. Ob diese Old-Economy-Rotation trägt, dürfte sich zeigen, sobald die Zinsdebatte um die Fed-Sitzung im September wieder in den Vordergrund rückt – der Wochenausklang gibt uns noch etwas Zeit, bevor der Markt diese Frage neu stellt.
Dass BMW, Mercedes und Siemens den DAX in dieser Woche auf ein neues Rekordhoch trugen, unterstreicht die Stärke etablierter deutscher Industriewerte abseits der KI-Debatte. Ein Report analysiert drei aussichtsreiche Unternehmen aus Immobilien, Maschinenbau und Premium-Automobilsegment mit Renditepotenzial. Report kostenlos herunterladen
Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann
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