Kaffee im Preiskampf, Gold vor dem Todeskreuz — Rohstoffe im Umbruch

Goldpreis nähert sich charttechnischem Todeskreuz, während Öl durch iranische Exporte fällt und Discounter die Kaffeepreise senken.

Dieter Jaworski ·
Gold Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Gold vor möglichem Todeskreuz
  • Silber erholt sich nach Talfahrt
  • Iranische Ölflut drückt WTI
  • Aldi und Lidl senken Kaffeepreise

Aldi senkt die Kaffeepreise, die Fed verschärft den Ton, und iranisches Öl flutet den Markt. Fünf Rohstoffe, fünf völlig unterschiedliche Dynamiken — mit einem gemeinsamen Nenner: Die geldpolitische Wende in Washington und das Ende der Nahost-Eskalation wirbeln die Commodities-Landschaft gründlich durcheinander.

Gold: Das gefürchtete Todeskreuz rückt näher

Charttechnisch braut sich beim Goldpreis ein Warnsignal zusammen, das selbst erfahrene Marktteilnehmer nervös macht. Die 50-Tage-Linie nähert sich von oben der 200-Tage-Linie — kreuzen beide Durchschnitte in dieser Reihenfolge, entsteht ein sogenanntes Todeskreuz. Historisch gilt das als bärisches Signal, auch wenn die Trefferquote alles andere als eindeutig ist.

Der Goldpreis schloss gestern bei 4.091,60 US-Dollar und liegt damit rund 27 Prozent unter seinem Allzeithoch vom Januar. Im zweiten Quartal verlor das Edelmetall 16 Prozent — die schwächste Quartalsentwicklung seit 2013. Als Hauptursache gilt die geldpolitische Wende unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh, der baldigen Zinssenkungen eine klare Absage erteilt hat. Ein starker Dollar und höhere Realzinsen machen zinsloses Gold schlicht unattraktiver.

Gegenwind für den Abwärtstrend kommt allerdings von den Zentralbanken. Im ersten Quartal 2026 kauften sie netto rund 244 Tonnen — nach 863 Tonnen im gesamten Vorjahr. Diese strukturelle Nachfrage hat frühere Korrekturen wiederholt abgefedert. Und das Todeskreuz selbst ist keineswegs ein verlässlicher Untergangs-Prophet: 2017 blieb ein solches Signal weitgehend folgenlos, 2023 kehrte sich die Formation innerhalb weniger Wochen in ein Goldenes Kreuz um — der Beginn einer Rallye von rund 200 Prozent bis zum Rekordhoch.

Silber Preis: Tagesgewinn nach sieben Monaten Talfahrt

Silber gehörte am Mittwoch mit einem Tagesplus von 2,82 Prozent zu den auffälligsten Gewinnern unter den Rohstoffen. Der Anstieg kommt nach einer schweren Korrekturphase: Die Notierung war zuletzt unter 58 Dollar pro Unze gerutscht — der tiefste Stand seit sieben Monaten. Starke US-Wirtschaftsdaten und hartnäckige Kerninflation hatten die Erwartung verstärkt, dass die Federal Reserve ihren straffen Kurs beibehält.

Der langfristige Rahmen bleibt dennoch bemerkenswert. Im Januar 2026 erreichte Silber mit über 121 US-Dollar ein neues Allzeithoch, bevor die scharfe Korrektur einsetzte. Fundamental ist der Markt angespannt: Seit 2021 befindet sich der Silbermarkt in einer ununterbrochenen Defizitphase. Für 2026 wird das sechste Defizitjahr in Folge prognostiziert, mit einem geschätzten Fehlbetrag von rund 67 Millionen Unzen.

Die Kernfrage lautet: Setzt sich das physische Angebotsdefizit irgendwann in dauerhaft höheren Preisen durch, oder dominieren kurzfristig weiter die Zinssignale aus Washington? Die Analysten-Prognosen gehen entsprechend weit auseinander.

Rohöl WTI: Iranische Exportflut drückt Preis aufs Viermonate-Tief

Die US-Ölsorte WTI ist unter erheblichen Druck geraten und notierte zuletzt bei 68,28 US-Dollar — ein Minus von 2,51 Prozent. Auslöser ist die überraschend schnelle Normalisierung der iranischen Ölexporte. Nach dem Ende der US-Seeblockade an der Straße von Hormus hat Teheran nach eigenen Angaben innerhalb von nur zwei Wochen mehr als 40 Millionen Barrel Rohöl ausgeführt.

Für WTI bedeutet das eine Rückkehr fast auf das Vorkrisenniveau von 69 US-Dollar. Charttechnisch gilt der Markt inzwischen als überverkauft. Goldman Sachs bleibt für die mittlere Frist dennoch skeptisch und rechnet mit einem strukturellen Überangebot, sobald sich die Tankerströme durch die Meerenge vollständig normalisiert haben.

Die zentrale Unsicherheit: Wie nachhaltig bleiben die iranischen Exportmengen? Teheran will die Kontrolle über die Straße von Hormus trotz freier Durchfahrt nicht endgültig aufgeben. Eine erneute Eskalation könnte die Preise schnell wieder in die Gegenrichtung treiben.

Brent Crude: Historischer Quartalsrückgang zwingt Banken zum Umdenken

Auch die globale Referenzsorte steht unter Abgabedruck. Brent schloss gestern bei 71,36 US-Dollar und hat damit in den vergangenen 30 Tagen über 25 Prozent verloren. Der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt liegt bei minus 25 Prozent — ein extremer Wert, der die Geschwindigkeit des Absturzes verdeutlicht.

Im zweiten Quartal fiel Brent um 38,4 Prozent. Das ist der stärkste prozentuale Quartalsrückgang seit dem ersten Quartal 2020, als die Pandemie die globale Ölnachfrage pulverisierte. Vom Kriegshoch bei 118 US-Dollar im April hat sich der Preis fast halbiert.

Die Großbanken haben ihre Prognosen reihenweise gekappt:

  • Goldman Sachs rechnet mit einem globalen Ölmarktüberschuss von 4,8 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2027 und senkte die Brent-Prognose für Q4 2026 von 80 auf 75 US-Dollar.
  • Morgan Stanley warnt vor einer drohenden Überversorgung und hat die eigenen Preisprognosen zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen nach unten korrigiert.
  • Beide Institute verweisen auf den schneller als erwartet anziehenden Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus.

Der RSI von 26,8 signalisiert eine deutlich überverkaufte Lage. Eine technische Gegenbewegung wäre typisch — ob sie nachhaltig ausfällt, hängt maßgeblich von der geopolitischen Entwicklung am Persischen Golf ab.

Kaffeepreis: Discounter reichen sinkende Börsenpreise weiter

Während Edelmetalle und Öl von Geldpolitik und Geopolitik geprägt sind, sorgt der Kaffeepreis für verbraucherfreundlichere Schlagzeilen. Aldi senkte zum 1. Juli zahlreiche Kaffee-Artikel der Eigenmarke Barissimo dauerhaft um bis zu einen Euro. Lidl zog umgehend nach und reduzierte 27 verschiedene Kaffee-Artikel um bis zu 70 Cent — betroffen sind die Eigenmarken Bellarom und Fairglobe. Auch Kaufland mischt im Preiskampf mit, weitere Senkungen sind nicht ausgeschlossen.

Am Terminmarkt notiert Kaffee bei 311,05 US-Dollar und liegt damit gut 11 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt. In den vergangenen 30 Tagen hat sich der Preis um 20 Prozent erholt — nach einem Tief bei 238,85 US-Dollar Anfang Juni. Als Begründung für ihre Preissenkungen verweisen die Handelsketten explizit auf die gesunkenen Rohstoffkosten.

Trotz der aktuellen Entspannung bleibt das Preisniveau historisch erhöht. Von den Preisen aus dem Jahr 2023, als ein Kilogramm Eigenmarken-Bohnen noch unter acht Euro kostete, sind die Discounter weit entfernt. Die Volatilität des Kaffeepreises — annualisiert bei über 45 Prozent — zeigt, wie schnell sich die Lage wieder drehen kann.

Fünf Rohstoffe, fünf Richtungen — und ein gemeinsamer Taktgeber

Die Divergenz im Rohstoffsektor dürfte in den kommenden Wochen anhalten. Beim Gold entscheidet sich, ob das drohende Todeskreuz tatsächlich Verkaufsdruck auslöst oder ob die Zentralbankkäufe erneut als Puffer wirken. Silber bleibt angesichts des strukturellen Angebotsdefizits ein Markt mit hoher Schwankungsbreite, in dem kurzfristige Zinssignale den Ton angeben.

Am Ölmarkt hängt alles an der Frage, wie nachhaltig die iranischen Exportmengen bleiben. Sollte sich die Lage an der Straße von Hormus erneut zuspitzen, könnten WTI und Brent kurzfristig wieder deutlich anziehen — und die gerade erst gesenkten Bankprognosen wären Makulatur. Der Kaffeepreis schließlich zeigt exemplarisch, wie sich Rohstoffbewegungen mit einer gewissen Verzögerung in der Realwirtschaft niederschlagen. Für die Verbraucher ist das eine willkommene Atempause. Ob sie anhält, bestimmen Ernteerträge in Brasilien und Vietnam — nicht die Discounter-Zentrale.

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