Sechs von neun VW-Vorständen sehen den Konzern in Existenzgefahr

Sechs von neun VW-Vorständen bewerten den Konzern laut interner Umfrage als existenzgefährdet. Deka erhöht Druck, Sparprogramm reicht nicht.

Eduard Altmann ·

Kurz zusammengefasst

  • Sechs Vorstände warnen vor Existenzgefahr
  • Deka kritisiert schwindende Marktanteile
  • VW baut neue Private-Cloud-Infrastruktur
  • TRATON kürzt Dividende um 45 Prozent

Liebe Leserinnen und Leser,

sechs von neun. So viele Volkswagen-Vorstände bewerten den eigenen Konzern laut einer internen Umfrage als existenzgefährdet. Die übrigen drei stufen die Lage als angespannt ein. Alle neun plädieren für einen radikalen Strategiewechsel. Das berichtet das manager magazin, über das unter anderem DER SPIEGEL die Ergebnisse verbreitet. Besonders kritisch: die Lage in China, Nordamerika und die schwachen Quartalszahlen der Konzernmarken.

Wer am Montag noch fragte, ob die vorsichtige Zuversicht beim ZEW-Barometer Substanz hat — hier ist die Gegenprobe aus der Realwirtschaft.

Volkswagen: Sparen allein reicht nicht

Parallel zur internen Umfrage erhöht die Deka-Fondsgesellschaft den Druck. Der institutionelle Aktionär warnt vor einem „schleichenden Abstieg“ und kritisiert schwindende Marktanteile, die enttäuschende Kursentwicklung und einen eingebrochenen Gewinn im Vorjahr. Die bisherigen Sparmaßnahmen — angestrebte Kosteneffekte von 15 Milliarden Euro jährlich bis 2030 — reichen Deka nicht aus, um die Zielrendite von 8 bis 10 Prozent zu erreichen.

VW-Chef Oliver Blume hält dagegen: Die Fabrikkosten in Deutschland seien um mehr als ein Fünftel gesunken, Ende 2024 habe man sich mit der Gewerkschaft auf den Abbau von 35.000 Stellen geeinigt. Für 2026 stellt der Konzern ein Ergebnis über Vorjahr in Aussicht, eine operative Marge von 4 bis 5,5 Prozent und einen Netto-Cashflow im Automobilbereich von 3 bis 6 Milliarden Euro.

Die VW-Aktie notierte am Dienstag bei rund 88,96 Euro, etwa 1,6 Prozent im Minus. Die Kernfrage für Anleger bleibt unbeantwortet: Reicht Kostendisziplin, wenn Absatz, Margen und Wettbewerbsfähigkeit in den wichtigsten Märkten gleichzeitig erodieren?

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VW baut sich eine eigene Daten-Infrastruktur

Ein Teil der Antwort kommt aus einer unerwarteten Ecke. T-Systems errichtet für Volkswagen eine neue Private-Cloud-Infrastruktur — das Ziel: mehr digitale Souveränität, weniger Abhängigkeit von US-Hyperscalern. Wer Software, Daten, Produktion und Fahrzeugplattformen enger verzahnen will, braucht kontrollierbare IT-Architektur. Das ist kein Randprojekt, sondern Voraussetzung dafür, dass die versprochene Plattformstrategie überhaupt funktioniert.

Dazu passt ein breiterer Branchentrend: Rockwell Automation und das Center for Automotive Research beziffern in einem aktuellen White Paper die Effizienzgewinne intelligenter Fertigung — bis zu 50 Prozent weniger ungeplante Ausfallzeiten, rund 5 Prozent höhere Gesamtanlageneffektivität, 5 bis 7 Prozent mehr Durchsatz. Für europäische Hersteller mit hohen Kostenstrukturen entscheidet Automatisierung zunehmend darüber, ob Sparprogramme nur defensiv wirken oder tatsächlich neue Margen schaffen.

Batterien: Rekordproduktion, wachsende Abhängigkeit

Die deutsche Batterieproduktion ist 2025 um 11 Prozent auf 8,1 Milliarden Euro gestiegen. Lithium-Ionen-Batterien legten um 28 Prozent auf 4,6 Milliarden Euro zu. Gleichzeitig warnt der ZVEI: Die Importe aus China stiegen im selben Zeitraum um ein Viertel auf 11 Milliarden Euro. Das macht Deutschland in kritischen Bereichen — Verteidigung, Rechenzentren — verwundbar.

Die Rechnung ist einfach: Wachstum in der Wertschöpfung nützt wenig, wenn die Importabhängigkeit schneller wächst als die eigene Produktion. Der ZVEI fordert niedrigere Strompreise und Schutz vor unfairen Handelspraktiken. Für Anleger bleibt die grüne Transformation damit nicht nur eine Nachfragefrage, sondern eine Standort- und Lieferkettenfrage.

TRATON kürzt die Dividende — und investiert in Skaleneffekte

Die TRATON-Hauptversammlung beschloss eine Dividende von 0,93 Euro je Aktie, nach 1,70 Euro im Vorjahr. Die Kürzung um 45 Prozent signalisiert vorsichtigere Kapitaldisziplin. CEO Christian Levin verwies auf den Ausbau gruppenweiter Funktionen: den Rollout von TRATON Financial Services, eine neue Forschungs- und Entwicklungseinheit mit 9.000 Mitarbeitern, die Weiterentwicklung des TRATON Modular System und den neuen Scania Industrial Hub im chinesischen Rugao.

Auch im Nutzfahrzeuggeschäft verschiebt sich der Fokus: weg von reiner Volumenstrategie, hin zu Finanzdienstleistungen, modularen Plattformen und Skaleneffekten. Die niedrigere Dividende ist der Preis dafür.

Makro: ZEW-Erwartungen springen, Lage bleibt düster

Die ZEW-Konjunkturerwartungen verbesserten sich im Juni um 20,7 Punkte auf plus 10,5 Punkte — ein kräftiger Sprung. Die Lagebeurteilung verschlechterte sich dagegen auf minus 81,0 Punkte. Das RWI senkte seine Wachstumsprognosen für Deutschland auf jeweils 0,8 Prozent für 2026 und 2027 und verweist auf Belastungen durch den Iran-Konflikt, Konsum- und Investitionszurückhaltung sowie anhaltenden Preisdruck.

Der Fachkräftemangel hat sich zwar entspannt — nur noch 21 Prozent der Unternehmen sind im zweiten Quartal 2026 betroffen, nach 49,7 Prozent im dritten Quartal 2022. Doch der Rückgang ist vor allem Folge der schwachen Konjunktur, nicht einer strukturellen Lösung.

Was jetzt zählt

Die Makrodaten liefern widersprüchliche Signale. Spannender ist, was auf Unternehmensebene passiert. Volkswagen zeigt, wie teuer ein ungeklärtes Geschäftsmodell wird — wenn selbst der eigene Vorstand die Existenzfrage stellt. Automatisierung, Batterieskalierung, Cloud-Souveränität: Das sind die Felder, auf denen die deutsche Industrie nach Antworten sucht. Ob diese Antworten Margen, Cashflows und Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich verbessern, entscheidet über den Investmentcase — nicht die nächste ZEW-Zahl.

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Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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