Warum Evonik jubelt und BASF beim eigenen Gerücht zittert
BASF-Übernahmeinteresse treibt Evonik, während HelloFresh schwächere Quartalsumsätze meldet und Volkswagen Millionen Fahrzeuge zurückruft.

Kurz zusammengefasst
- Evonik gewinnt bei Übernahmegerüchten deutlich
- HelloFresh reduziert Ausblick für 2026
- Volkswagen ruft weltweit 2,86 Millionen Fahrzeuge zurück
- 2G-Auftrag bringt 2026 weder Umsatz noch Cashflow
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
die deutsche Chemie steht vor ihrer größten Neuordnung seit Jahren: Laut Handelsblatt zeigt BASF Interesse an einer Übernahme von Evonik. Die Evonik-Aktie sprang zeitweise auf 20 Euro und notiert am Nachmittag bei 19,62 Euro, ein Plus von 8,9 Prozent zum Vortag – der höchste Stand seit einem Jahr.
BASF gibt im Gegenzug 1,8 Prozent auf 51,25 Euro nach. Diese gegenläufige Reaktion sagt viel: Der Markt traut Evonik eine Übernahmeprämie zu, hält den Preis für BASF aber für ein Risiko.
BASF und Evonik: Wer trägt das Übernahmerisiko?
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Energie ist wegen des Iran-Kriegs teuer, Europas Gasspeicher sind vor dem Winter nur zu rund 58 Prozent gefüllt, ein Fünfjahrestief. Wer in diesem Umfeld Größe gewinnt, sichert sich Verhandlungsmacht bei Einkauf und Kunden. Zur Einordnung der Dimension: Evonik wiegt an der Börse rund 8,5 Milliarden Euro, BASF knapp 45 Milliarden. Ein Deal wäre für BASF verkraftbar, aber kein Nebengeschäft.
Mehr als das Kaufinteresse ist bislang nicht bekannt, weder ein Preis noch ein Zeitplan. Evonik hat seit Jahresbeginn bereits 47 Prozent gewonnen, ein Teil davon ist jetzt reine Übernahmefantasie – und die platzt, sollte BASF dementieren. Wer BASF-Aktien hält, bekommt in den kommenden Tagen die Antwort auf eine Grundsatzfrage: Will der Konzern in der Energiekrise angreifen oder weiter sparen?
HelloFresh crasht, der Staat rettet mit dem Tankrabatt
HelloFresh liefert die zweite große Einzelwert-Story des Tages, mit umgekehrtem Vorzeichen. Der Kochboxen-Versender meldete einen Umsatzeinbruch im dritten Quartal und senkte die Prognose für das Gesamtjahr 2026. Die Aktie fällt um 6,8 Prozent auf 2,28 Euro, im Tief waren es 2,15 Euro – ein neues Jahrestief. Binnen zwölf Monaten hat der Titel 69 Prozent verloren, der Börsenwert liegt noch bei gut 390 Millionen Euro.
Der Absturz passt zur Stimmung: Das GfK-Konsumklima fiel auf minus 30,6 Punkte, erwartet waren minus 27,2. Die Politik reagiert mit dem Tankrabatt: Bundestag und Bundesrat beschlossen heute eine Senkung der Energiesteuer um 14,04 Cent je Liter, gültig vom 1. Oktober bis Jahresende.
Mit Mehrwertsteuereffekt sind das 16,7 Cent, die Staatskasse verzichtet auf knapp 2,5 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsforschungsinstitute rügten das im Herbstgutachten als Verzerrung kriegsbedingter Preissignale – und hoben im selben Atemzug ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 1,3 Prozent an.
Die Lehre für den Konsumsektor: Nominal steigende Kaufkraft – laut Acxiom plus 3,7 Prozent auf 2.464 Milliarden Euro – kommt nicht bei Anbietern an, deren Produkt in der Krise verzichtbar ist. HelloFresh ist der Beleg.
VW ruft fast eine Million Autos zurück, mitten im Umbau
Volkswagen holt in Deutschland knapp eine Million Autos in die Werkstatt. Grund ist eine korrosionsanfällige Schraube am Lenkgetriebe, die im schlimmsten Fall abreißen kann.
Weltweit sind rund 2,86 Millionen Fahrzeuge betroffen: bei VW gut 2,16 Millionen Golf, Golf Variant, Tiguan, Touran und Caddy der Baujahre 2013 bis 2024, bei Audi knapp 700.000 Q3, bei Seat die Modelle Ateca und Tarraco in noch unbekannter Zahl. VW schätzt, dass etwa 1 Prozent der einbestellten Autos gefährlichen Rostbefall aufweist. Personen- oder Sachschäden sind bislang nicht bekannt.
Der Schraubentausch dauert rund eine Stunde und ist für Halter kostenlos, die Rechnung trägt der Konzern – eine Kostenschätzung nennt Wolfsburg nicht.
Für die Aktie ist weniger die Werkstattrechnung das Problem als der Zeitpunkt: Der Rückruf trifft ein Unternehmen, das im Juli ankündigte, seine Modellpalette bis 2035 zu halbieren und die Jahresproduktion auf 9 Millionen Fahrzeuge zu senken. Mitten in diesem Umbau haben Werke wie Emden, Zwickau und Hannover noch keine Zusage für eine Anschlussproduktion.
Energiewerte, volle Auftragsbücher, leere Kassen
Bei den Energiewerten klafft die Lücke zwischen Auftragsbuch und Kasse, und die Analysten streiten offen darüber. Siemens Energy notiert bei rund 144 Euro und hat auf Jahressicht 49 Prozent gewonnen, liegt aber deutlich unter dem April-Hoch von 195,38 Euro.
Der milliardenschwere Aktienrückkauf läuft, Berenberg vergibt ein neues Kaufvotum, JPMorgan legt ein neues Kursziel vor. Bei Nordex das gleiche Bild: Berenberg rät zum Kauf, RBC bleibt skeptisch.
Am schärfsten ist der Konflikt bei 2G Energy. Der Blockheizkraftwerk-Hersteller feierte am Mittwoch einen 275-Megawatt-Auftrag von Energy Vault für US-Rechenzentren. Parmantier & Cie. hält dagegen und bestätigt Verkaufen mit Kursziel 39 Euro, rund 40 Prozent unter dem Mittwochsschluss.
Die Begründung ist unbequem konkret: Ausgeliefert wird erst zwischen Ende 2027 und Herbst 2028, für 2026 bringt der Auftrag weder Umsatz noch Cashflow. Bislang floss eine Reservierungsgebühr von 17 Millionen Dollar, etwa 5 Prozent des Auftragswerts.
Für das erste Halbjahr erwartet das Haus 140 bis 150 Millionen Euro Umsatz nach 170,3 Millionen im Vorjahr, das EBIT um die Nulllinie. Dazu rechnet der Analyst mit einer Kapitalerhöhung, weil das Netto-Bankguthaben Ende 2025 praktisch bei null lag. Die vorläufigen Halbjahreszahlen kommen am Dienstag, 29. September.
Die These für den Sektor: Ein Rechenzentrums-Auftrag ist eine Schlagzeile, bezahlt wird er erst in zwei Jahren – wer heute kauft, finanziert die Wartezeit, im Fall 2G womöglich per Verwässerung.
Der aktuelle Kurssprung bei Siemens Energy zeigt, wie schnell sich Chancen von einem Sektor zum nächsten verschieben – genau dieses Muster steht im Zentrum des Live-Webinars „Die Cash-Rallye | 20 Cash-Trades in 10 Wochen“. Carsten Müller stellt am 27.09.2026 um 18:00 Uhr sein Cash-Alarm-System vor, das branchenübergreifend nach den stärksten Kursbewegungen scannt – von Rüstung über Energie bis Chips. Zu den bisherigen Treffern zählt auch Siemens Energy mit einem Plus von 96,9 Prozent. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden
Bitcoin akkumuliert, ohne dass jemand verkauft
Bitcoin sammelt derweil still Kapital ein. Der Kurs hält sich zuletzt um 84.000 bis 85.000 Dollar, gut 4 Prozent über der Vorwoche, und damit weit unter dem Rekord vom Oktober 2025 bei 126.198 Dollar.
Die US-Spot-ETFs zogen in dieser Woche bis Donnerstag 2,25 Milliarden Dollar an, so viel wie seit Oktober 2025 nicht mehr. Michael Saylors Strategy kaufte am 21. September weitere 950 Bitcoin und hält nun 846.000 Stück; der Vorstand will die Dividenden auf vier Vorzugsaktien künftig täglich auszahlen.
Bemerkenswert ist, was fehlt: Halter realisierten zuletzt Gewinne von 2,4 Milliarden Dollar, an früheren Marktspitzen waren es 7 bis 10 Milliarden pro Tag. Ein Markt ohne Gewinnmitnahme-Welle bei zugleich hohen ETF-Zuflüssen ist kein Signal für ein Hoch, sondern eine Akkumulation.
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Unterm Strich
Die kommende Woche entscheidet an drei Stellen. Reagiert BASF auf den Bericht, ist Evoniks Kurssprung entweder abgesichert oder verpufft. 2G Energy legt am Dienstag, 29. September, Halbjahreszahlen vor – dann zeigt sich, ob die Verkaufsthese von Parmantier & Cie. trägt.
Und für Ende Oktober preisen die Märkte mit rund 70 Prozent eine weitere Fed-Zinserhöhung ein: Der iranische Vorschlag, die Straße von Hormus nach sieben Tagen zu öffnen, ist die Variable, die den Ölpreis und damit dieses Bild noch drehen kann.
Damit gehen drei offene Fragen mit Ihnen ins Wochenende – Antworten gibt es spätestens am Montag.
Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann
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