DAX zwischen Rekordtaumel und Gewinnmitnahmen: Energie glänzt, Zalando fällt weiter
Energie- und Industrieaktien treiben den DAX, während Konsumwerte wie Zalando und Daimler Truck Verluste erleiden. Die Berichtssaison sorgt für starke Divergenzen.

Kurz zusammengefasst
- Siemens Energy mit Rekordquartal
- RWE hebt Prognose deutlich an
- Zalando fällt nach Quartalsschock
- Daimler Truck korrigiert nach Rally
Ein Index nahe seinem Allzeithoch, aber sechs Aktien mit sechs völlig unterschiedlichen Geschichten. Während Energiekonzerne mit Rekordzahlen brillieren, kämpft ein Modehändler mit den Nachwehen eines Kurseinbruchs. Die Berichtssaison sorgt gerade für maximale Divergenz unter den Einzelwerten.
Der deutsche Leitindex bewegt sich am heutigen Dienstag weiter in unmittelbarer Reichweite seines Allzeithochs. Gestern schloss er bei 26.352 Punkten und verpasste damit nur knapp eine neue Bestmarke. Der Handelsverlauf bleibt fragil: Nach einem dynamischen Anlauf zur Xetra-Eröffnung rutschte der Index unter seinen 20-Tage-Durchschnitt, fand an der 50-Tage-Linie aber verlässlichen Halt.
Analysten sprechen von einer möglichen Verschnaufpause nach den kräftigen Kursgewinnen der vergangenen Wochen. Das wäre nach der Rallye seit dem Frühsommer keine Überraschung. Die Marktbreite bleibt dabei ausgeglichen – am Vortag standen sich 20 Gewinner- und 20 Verlierer-Aktien gegenüber.
Sektoral zeigt sich heute ein klares Muster: Energieversorger und Industrietitel mit Sondersituationen führen die Gewinnerliste an. Konsumgüter- und Nutzfahrzeugwerte geraten dagegen unter Druck. Die Berichtssaison bleibt der entscheidende Kurstreiber für Einzelwerte.
Siemens Energy: Rekordquartal treibt die Rally weiter
Siemens Energy zählt weiterhin zu den Favoriten der Anleger. Nach dem Rekordquartal mit Bestwerten bei Aufträgen, Umsatz und Rentabilität legt die Aktie heute um 1,67 Prozent auf 158,42 Euro zu. Besonders bemerkenswert: Die Windkraftsparte Siemens Gamesa meldete erstmals seit 2022 ein positives Ergebnis und peilt für 2026 den Break-even an.
Der Nettogewinn kletterte im jüngsten Quartal auf 1,188 Milliarden Euro, nach 697 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Das Management bestätigte seinen erhöhten Ausblick für das Geschäftsjahr und rechnet mit einer Marge am oberen Ende der Zielspanne. Die Deutsche Bank hatte erst kürzlich eine Kaufempfehlung ausgesprochen.
Mit einem Plus von gut 31 Prozent seit Jahresbeginn zählt der Titel zu den stärksten DAX-Werten des Jahres. Zwar liegt die Aktie noch knapp 19 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro – der Abstand zum Tief bei 83,38 Euro beträgt dagegen beeindruckende 90 Prozent. Der RSI von 55,6 signalisiert weiterhin Spielraum nach oben, ohne dass der Titel überkauft wirkt.
Continental: Umbau nähert sich dem Ziel
Bei Continental überwiegt heute die positive Lesart einer eigentlich zwiespältigen Nachrichtenlage. Die Aktie steigt um 1,65 Prozent auf 69,12 Euro. Operativ hatte der Konzern zuletzt deutlich zugelegt: Das bereinigte EBIT stieg im zweiten Quartal um mehr als ein Drittel, die Marge kletterte spürbar – das Kerngeschäft Reifen erzielte sogar eine zweistellige Rendite oberhalb der eigenen Zielmarke.
Zentral für die Neubewertung ist der fortschreitende Konzernumbau. Anfang Juli unterzeichnete Continental den Verkauf der Kunststofftechniksparte ContiTech an den Finanzinvestor Lone Star – der letzte große Schritt hin zu einem reinen Reifenhersteller. JPMorgan bestätigte Anfang August seine Kaufempfehlung mit Kursziel 78 Euro, UBS bekräftigte „Buy“ mit Ziel 90 Euro.
Trotz der jüngsten Stärke bleibt der Titel auf Jahressicht mit knapp 5 Prozent im Minus. Der Kurs notiert weiterhin unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 71,47 Euro, hat aber die 200-Tage-Linie bei 67,55 Euro klar überwunden. Insiderkäufe mehrerer Vorstandsmitglieder im Frühsommer stützen zusätzlich das Vertrauen in die strategische Neuausrichtung.
RWE: Anleger positionieren sich vor den Halbjahreszahlen
RWE profitiert von der Vorfreude auf die vollständigen Halbjahreszahlen, die übermorgen anstehen. Die Aktie legt heute um 1,70 Prozent auf 57,48 Euro zu. Bereits die vorläufigen Eckdaten Ende Juli hatten für Aufsehen gesorgt: Der Essener Energiekonzern blickt nach einem überraschend starken ersten Halbjahr optimistischer auf das laufende und kommende Jahr.
Für 2026 stellte RWE ein bereinigtes EBITDA von 5,75 bis 6,35 Milliarden Euro in Aussicht – deutlich mehr als zuvor angepeilt. Als Treiber nannte der Konzern vor allem die Segmente Onshore, Solar und Energiehandel, die von starker operativer Performance und positiven Einmaleffekten profitierten. Zusätzlicher Rückenwind soll aus der aufgestockten Beteiligung an Amprion sowie höheren Rohstoffpreisen kommen.
Mit einem Plus von 27 Prozent seit Jahresbeginn und 61,82 Prozent auf Zwölfmonatssicht zählt RWE zu den Jahresgewinnern im Index. Die bestätigte Dividendenpolitik – 1,32 Euro je Aktie für 2026 mit jährlicher Steigerung von 10 Prozent bis 2031 – bleibt ein zusätzliches Argument für Anleger.
Zalando: Verkaufsdruck nach Quartalsschock hält an
Zalando bleibt der Problemfall im Index. Die Aktie fällt heute um 2,35 Prozent auf 24,09 Euro und liegt damit binnen 30 Tagen fast 11 Prozent im Minus. Anfang August hatte der Online-Modehändler mit enttäuschenden Zahlen für einen der größten Kurseinbrüche im DAX gesorgt – ein Tagesverlust von über 13 Prozent.
Der Abwärtstrend riss seither nicht ab. Kern des Problems ist die Wachstumsdynamik beim Bruttowarenvolumen, das klar hinter den Erwartungen zurückblieb. Die Prognose deckt zudem nur den unteren Zielkorridor ab, was die Aktie zunehmend als Bewährungsprobe für das Management erscheinen lässt.
MWB Research senkte das Kursziel bereits von 39 auf 38 Euro, beließ die Einstufung aber bei „Buy“. Charttechnisch hat sich die Lage eingetrübt: Mit einem RSI von 37,0 nähert sich der Titel der überverkauften Zone, unterhalb der Marke von 24,58 Euro drohen weitere Verluste. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt mit 26,17 Euro spürbar über dem aktuellen Kurs.
Daimler Truck: Rückschlag nach Rekordhoch
Daimler Truck korrigiert weiter von seinem jüngsten Höchststand. Die Aktie verliert heute 2,20 Prozent auf 46,14 Euro. Nach endgültigen Zahlen für das zweite Quartal war der Titel bereits deutlich unter Druck geraten – im vorbörslichen Handel hatte es zeitweise über 6 Prozent nach unten gegeben. Als Belastungsfaktor gilt vor allem der schwächelnde Auftragseingang.
Der Rücksetzer folgt auf eine beeindruckende Rally: Erst am Montag vergangener Woche hatten die Papiere mit gut 50 Euro ihren höchsten Stand seit der Abspaltung von Mercedes-Benz erreicht. Auf Monatssicht steht dennoch ein Plus von rund 10 Prozent, seit Jahresbeginn sind es sogar knapp 24 Prozent.
Der aktuelle Rückgang lässt sich als klassische Gewinnmitnahme nach einer überzogenen Kursbewegung einordnen. Entscheidend für die kommenden Wochen wird sein, ob sich die Sorgen um den Auftragseingang als vorübergehend erweisen oder ein strukturelles Problem in der Nutzfahrzeugbranche widerspiegeln. Der 50-Tage-Durchschnitt bei 43,63 Euro bietet charttechnisch einen möglichen Auffangbereich.
Merck: Gute Zahlen, aber Healthcare bremst die Stimmung
Bei Merck KGaA klafft heute eine Lücke zwischen starken operativen Zahlen und der Kursreaktion. Die Aktie gibt um 1,75 Prozent auf 140,55 Euro nach. Der Darmstädter Konzern hatte erst vor wenigen Tagen mit soliden Quartalszahlen überzeugt – Umsatz und Gewinn wuchsen schneller als erwartet, getragen von starker Nachfrage in Life Science und Electronics.
Das Management hob daraufhin gleich mehrere Prognosekennzahlen an, darunter das EBITDA pre auf eine Spanne von 5,9 bis 6,3 Milliarden Euro. Der Hauptgrund für die heutige Zurückhaltung liegt in der Healthcare-Sparte: Dort erwartet der Konzern weiterhin einen organischen Umsatzrückgang, bedingt durch US-Konkurrenz und den Verlust der Mavenclad-Exklusivität.
Auch die geplante Übernahme von Bio-Techne belastet die Bilanz kurzfristig – die Nettofinanzverschuldung stieg zum Ende Juni auf 9,2 Milliarden Euro. Nach dem starken Kurslauf der vergangenen Wochen, der die Aktie bis auf 5,42 Prozent an ihr 52-Wochen-Hoch herangeführt hatte, wirkt der heutige Rückgang wie eine Kombination aus Gewinnmitnahmen und vorsichtigerer Einschätzung der Healthcare-Perspektiven.
Sektordynamik im Überblick
Die heutigen Kursbewegungen fassen das aktuelle Marktbild zusammen:
- Energie und Industrie mit Sondersituationen (Siemens Energy, RWE, Continental) profitieren von Rekordzahlen, Prognoseanhebungen und fortschreitenden Konzernumbauten
- Konsum- und Nutzfahrzeugwerte (Zalando, Daimler Truck) kämpfen mit enttäuschten Wachstumserwartungen beziehungsweise Gewinnmitnahmen nach Rekordständen
- Healthcare (Merck) zeigt trotz angehobener Prognose Schwäche in einer Kernsparte
- Der Gesamtindex bleibt nahe seinem Rekordhoch, während die Einzeltitel stark auseinanderdriften
DAX-Berichtssaison als Weichensteller für die kommenden Wochen
Der heutige Handelstag zeigt, wie unterschiedlich der Markt auf Unternehmensnachrichten reagiert, während der Gesamtindex nahe seinem Rekordhoch verharrt. Energie- und Industrietitel profitieren von starken operativen Trends und positiven Prognosen. Konsum- und Nutzfahrzeugwerte kämpfen dagegen mit enttäuschten Erwartungen und Gewinnmitnahmen nach vorangegangenen Kursrallys.
Für Anleger gewinnt die Selektion einzelner Werte in der laufenden Berichtssaison an Bedeutung. Der Gesamtindex wird zwar von einem intakten Aufwärtstrend getragen, die Kursbewegungen der Einzeltitel driften aber stark auseinander. Die vollständigen RWE-Zahlen am Donnerstag sowie die weitere Entwicklung bei Zalando dürften in den kommenden Handelstagen im Fokus stehen.
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