Lenzing Aktie: Zehren die Produktionskosten das frische Kapital auf?
Eduard Altmann sieht trotz 301,2 Millionen Euro Kapitalzufluss offene Fragen zu Umbaukosten, Cashflow und Aktionärserträgen.

Kurz zusammengefasst
- Kapitalerhöhung brachte 301,2 Millionen Euro brutto
- Heiligenkreuz-Schließung auf 2027 verschoben
- Rund 30 Interessenten für den Standort
- Faires Zwölfmonatsniveau bei rund 13 Euro
Kann Lenzings Kapitalerhöhung die Grundlage für eine dauerhaft ertragreiche Neuausrichtung schaffen, während schwache Faserpreise und hohe Produktionskosten das Geschäft belasten? Über die Finanzierung von „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ und die auf 2027 verschobene Schließung von Heiligenkreuz spricht die Redaktion mit Eduard Altmann.

Lenzing (AT0000644505) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 29.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 29.10.2026.
Stock World Redaktion: Was bleibt für die Aktionäre, wenn die hohen Produktionskosten das frische Kapital aufzehren, bevor der Umbau greift?
Eduard Altmann: Dann hätte Lenzing Zeit gewonnen und für die Aktionäre wenig geschaffen. Das ist für mich das größte Risiko. Bei schwachen Faserpreisen lässt sich eine teure Produktion nur begrenzt über höhere Verkaufspreise finanzieren. Eine Kapitalerhöhung verändert daran zunächst wenig.
Der weniger beachtete Punkt liegt eine Stufe dahinter: Auch eine operative Erholung kann enttäuschen, wenn sie laufend neues Geld für Anlagen und Umbau benötigt. Der Konsens hat mit seiner Vorsicht gegenüber den Faserpreisen einen plausiblen Ausgangspunkt. Aus meiner Sicht wird stärker unterschätzt, wie viel von einer möglichen Verbesserung überhaupt bei den Aktionären ankommen kann. Daran hängt mein zurückhaltendes Urteil.
Stock World Redaktion: Mit der platzierten Kapitalerhöhung und der starken Stellung von TENCEL müsste Lenzings Erholung doch weitgehend abgesichert sein. Gewichten Sie das Risiko zu hoch?
Eduard Altmann: Sie verbinden die Absicherung der Finanzierung mit der Absicherung des Geschäfts. Das sind zwei getrennte Sachverhalte. Die Kapitalerhöhung brachte rund 301,2 Millionen Euro brutto. Sie vermindert den unmittelbaren Finanzierungsdruck; einen ausreichenden Ertrag aus dem eingesetzten Geld belegt sie noch nicht.
Frisches Geld verschafft Lenzing vor allem Zeit. TENCEL bringt wertvolles Prozesswissen und eine starke Marke mit, das erkenne ich ausdrücklich an. Trotzdem bleibt die Zahlungsbereitschaft der Kunden von der Textilnachfrage und den verfügbaren Alternativen abhängig. Die Stärke bei Spezialfasern hat die Verluste der vergangenen Jahre nicht verhindert.
Ich gewichte deshalb die Verwendung des Geldes höher als die erfolgreiche Platzierung. Mit „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ ist eine Richtung benannt. Wie viel zusätzliche Ertragskraft daraus entsteht und wie teuer der Weg wird, bleibt offen.
Stock World Redaktion: Sie sagen: „Frisches Geld verschafft Lenzing vor allem Zeit.“ Die Schließung von Heiligenkreuz wurde auf 2027 verschoben. Wird diese Zeit damit schon wieder verbraucht?
Eduard Altmann: Die Verschiebung macht mich vorsichtiger. Eine spätere Schließung kann laufende Belastungen verlängern und die Entlastung aus dem Umbau hinausschieben. Ohne belastbare Angaben zu den wirtschaftlichen Folgen lässt sich daraus allerdings kein Betrag ableiten.
Für den Standort wurden zuletzt rund 30 Interessenten genannt. Das eröffnet Möglichkeiten, ersetzt aber weder einen Abschluss noch wirtschaftlich tragfähige Bedingungen. Ich würde eine Transaktion daran messen, welche Verpflichtungen tatsächlich entfallen und welche bei Lenzing bleiben.
Auch eine mögliche österreichische Stromkostenentlastung ab 2027 wäre zunächst ein Beitrag des Umfelds. Ob Lenzing mit den konkreten Verbräuchen anspruchsberechtigt wäre, ist offen. Eine solche Hilfe würde die eigene Umsetzung des Umbaus nicht belegen.
Stock World Redaktion: Ihr Urteil klingt, als hätten Markenstärke und Erfahrung für Sie kaum Gewicht. Muss ein Unternehmen erst wieder Geld verdienen, bevor Sie ihm eine Erholung zutrauen?
Eduard Altmann: Zutrauen darf man Lenzing die Erholung schon heute. Bezahlen würde ich in meiner Bewertung nur einen begrenzten Teil dieser Hoffnung. Eine gute Vergangenheit verdient Respekt; für die nächsten Entscheidungen braucht es neue Belege.
Stock World Redaktion: Welchen Wert gestehen Sie der Aktie dann zu, und woran messen Sie, ob Ihre Zurückhaltung falsch ist?
Eduard Altmann: Mein faires Zwölfmonatsniveau liegt bei rund 13 Euro. Darin steckt bereits die Erwartung, dass die gestärkte Finanzierung einen geordneten Umbau ermöglicht. Für einen großzügigen Vorschuss reicht mir die Beweislage nicht.
Eine reine Substanzrechnung wirkt hier schnell verführerisch. Sie hängt jedoch stark an geschätzten Werten der einzelnen Geschäfte. Hinzu kommt die Hybridanleihe, deren Ansprüche wirtschaftlich vor denen der Stammaktionäre stehen. Der Wert der Anlagen lässt sich deshalb nicht einfach als frei verfügbares Aktionärsvermögen lesen.
Die Größe, an der ich meine These laufend messe, ist der freie Cashflow nach Investitionen, bereinigt um den Zufluss aus der Kapitalerhöhung. Wird dieser nachhaltig positiv, obwohl Lenzing den Umbau weiter finanziert, wäre meine Skepsis zu hoch gewesen. Besonders überzeugend wäre das bei weiterhin schwachen Faserpreisen: Dann käme der Fortschritt erkennbar aus dem Unternehmen.
Die angekündigten Quartalszahlen am 5. November sind dafür der nächste Prüfstein. Ein einzelnes besseres Ergebnis würde mir noch nicht genügen.
Stock World Redaktion: Die 301,2 Millionen Euro brutto haben Sie als Zeitgewinn eingeordnet. Solange der freie Cashflow nach Investitionen den Umbau nicht trägt, verdient die Aktie in Ihrer Bewertung also nur begrenzten Vorschuss?
Eduard Altmann: Ja. Lenzing besitzt ein wertvolles Geschäft mit Spezialfasern und hat durch die Kapitalerhöhung mehr Spielraum. Für mein Urteil wiegt die noch unbelegte Fähigkeit zur eigenen Finanzierung schwerer. Solange der Umbau frisches Geld verbraucht, bleibt die Erholung für die Aktionäre unvollständig.
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