Oracle Aktie: 638 Milliarden Dollar Auftragsbestand
Oracles Auftragsbestand explodiert auf 638 Milliarden Dollar, doch die Aktie fällt angesichts massiver Investitionen und Schulden.

Kurz zusammengefasst
- Auftragsbestand steigt um 363 Prozent
- Cloud-Infrastruktur wächst um 93 Prozent
- Investitionen springen auf 55,7 Milliarden
- Aktienplatzierung über 20 Milliarden geplant
Oracle schreibt gerade ein neues Kapitel Unternehmensgeschichte — eines, in dem die Auftragsbücher schneller wachsen als die Bagger graben können. Die Jahreszahlen für das Fiskaljahr 2026 machen diesen Widerspruch schonungslos sichtbar. Und sie verschieben die zentrale Frage für Investoren: Nicht ob die Nachfrage existiert. Sondern ob Oracle schnell genug liefern kann.
638 Milliarden Dollar in Versprechen
Die Zahl, die alles andere in den Schatten stellt: 638 Milliarden Dollar an verbleibenden Leistungsverpflichtungen — sogenannte Remaining Performance Obligations. Das entspricht einem Anstieg von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein im letzten Quartal kamen 85 Milliarden Dollar hinzu.
Um das einzuordnen: Diese eine Kennzahl entspricht fast einem Jahrzehnt des aktuellen Oracle-Jahresumsatzes — vertraglich gebunden, noch nicht realisiert. Der Großteil dieser Verpflichtungen stammt aus großvolumigen KI-Verträgen, bei denen Kunden entweder GPU-Kapazitäten vorausbezahlt oder eigene GPUs bei Oracle eingebracht haben. Analysten der Bank of America, die Oracle zum Kauf empfehlen, schätzen, dass über 50 Prozent dieser Summe allein auf OpenAI entfällt.
Das ist Konzentrationsrisiko — aber es ist auch eine unmissverständliche Aussage darüber, wessen Cloud-Infrastruktur die anspruchsvollsten KI-Workloads der Welt trägt.
Die operativen Zahlen selbst sind beeindruckend. Der Quartalsumsatz erreichte mit 19,2 Milliarden Dollar einen Rekord, ein Plus von 21 Prozent. Die Cloud-Erlöse kletterten um 47 Prozent auf 9,9 Milliarden Dollar. Das Cloud-Infrastrukturgeschäft (IaaS) legte sogar 93 Prozent zu. Für das Gesamtjahr stieg der Umsatz um 17 Prozent auf 67,4 Milliarden Dollar.
Das Physikproblem
Und doch waren es nicht die Umsatzzahlen, die Investoren am meisten beschäftigt haben. Die Investitionen sprangen um 162 Prozent auf 55,7 Milliarden Dollar. Der operative Cashflow erreichte mit 32 Milliarden Dollar einen Rekord — aber der freie Cashflow war mit minus 23,7 Milliarden Dollar tief im negativen Bereich.
Oracle baut. Massiv. CEO Clay Magouyrk kündigte an, allein im laufenden Quartal fast ein Gigawatt Rechenleistung in Betrieb zu nehmen — ungefähr so viel wie im gesamten Fiskaljahr 2026. Das ist eine außerordentliche Beschleunigung des Bautempos.
Ob sie erreichbar ist, bleibt die eigentliche Frage.
Denn die KI-Infrastruktur-Branche kämpft mit einem strukturellen Engpass: Hochspannungstransformatoren und Schaltanlagen sind Mangelware, Lieferzeiten überschreiten ein Jahr. Alle großen Anbieter leiden darunter. Oracle ist keine Ausnahme. Das Risiko liegt nicht in der Nachfrage — es liegt in Lieferketten, Baugeschwindigkeit und Kapitalintensität.
Finanzierung auf Pump
Die Marktreaktion auf die Ergebnisse war bezeichnend. Die Aktie fiel um neun Prozent. Der Auslöser: Oracle plant, im Fiskaljahr 2027 rund 40 Milliarden Dollar durch Fremd- und Eigenkapital aufzunehmen — darunter eine bereits angekündigte Aktienplatzierung über 20 Milliarden Dollar. Das kommt nach 43 Milliarden Dollar Schulden und fünf Milliarden Dollar Eigenkapital, die das Unternehmen bereits in 2026 aufgenommen hat.
Das Umsatzziel für 2027 lautet 90 Milliarden Dollar. Angesichts des Auftragsbestands ist das keine unrealistische Ansage. Aber die Kapitalstruktur, die dieses Wachstum finanziert, unterscheidet sich fundamental von den Modellen der großen Hyperscaler — Google, Amazon, Microsoft finanzieren ihre Investitionen primär aus dem eigenen Cashflow. Oracle finanziert auf Kredit. Das ist eine strategische Wette mit echtem Finanzrisiko.
Souveräne Cloud als zweites Standbein
Abseits des KI-Rennens baut Oracle still an einem zweiten Nachfragepfeiler: Sovereign Cloud. Am 1. Mai 2026 schloss das Unternehmen einen Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium, um KI-Fähigkeiten in klassifizierten Netzwerken bereitzustellen — gestützt auf zehn dedizierte Cloud-Regionen für US-Behörden.
In Europa wächst das Geschäft ebenfalls. Oracle beschäftigt inzwischen über 1.500 EU-Mitarbeiter für den Betrieb seiner EU Sovereign Cloud. Die vertraglich gebundene Rechenkapazität in diesen Regionen ist um mehr als 400 Prozent gestiegen.
Das ist mehr als ein Nischengeschäft. Oracle positioniert sich als neutrale Infrastruktur zwischen konkurrierenden Hyperscalern — regelkonform, souverän, für Regierungen und regulierte Branchen attraktiv. Diese Stellung lässt sich nicht einfach kopieren.
Die asymmetrische Wette
Das Konsensziel der Analysten liegt bei 221,74 Euro. Der Kurs von hier hängt an einer einzigen asymmetrischen Wette: Kann Oracle seinen 638-Milliarden-Dollar-Auftragsbestand schnell genug in Megawatt und Umsatz verwandeln, bevor die Kapitalstruktur zum Problem wird?
Die Nachfrage ist real. Die Verträge sind unterschrieben. Das Geld fließt — nur in die falsche Richtung, solange gebaut wird. Wer Oracle heute kauft, kauft die Überzeugung, dass Ausführung gelingt. Das ist kein kleines Vertrauen, das man da braucht.
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