Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Momente an den Märkten, in denen sich die Realität spaltet. Wer am Freitagabend auf die Kurstafeln blickte, sah Historisches: Der Dow Jones Industrial Average hat erstmals in seiner Geschichte die magische Marke von 50.000 Punkten durchbrochen. Ein Triumph der „Old Economy“, der industriellen Substanz, der physischen Welt. Doch wer sein Depot mit den Lieblingen der letzten Jahre – den großen KI-Wetten – bestückt hat, für den fühlt sich dieses Wochenende nicht nach Rekordjagd, sondern nach Katerstimmung an.
Wir erleben eine Lehrbuch-Rotation: Raus aus den teuren Versprechungen der künstlichen Intelligenz, rein in die klassischen Werte. Während Software-Titel laut Marktbeobachtern in der vergangenen Woche rund eine Billion Dollar an Marktwert vernichteten, suchen Investoren Schutz in der industriellen Basis.
Doch die Welt dreht sich weiter, und zwar rasant: In Tokio wurde heute politisch Geschichte geschrieben, in Washington stellt Donald Trump die Weichen für die Fed neu, und der Kryptomarkt leckt nach einem beispiellosen Crash seine Wunden.
Hier ist der Überblick über das, was Ihr Portfolio zum Wochenstart bewegt.
Der 700-Milliarden-Dollar-Realitätscheck
Lange Zeit galt an der Börse das Narrativ: Koste es, was es wolle – Hauptsache, wir sind bei KI vorne dabei. Dieses Wochenende markiert den Punkt, an dem die Rechnung präsentiert wurde – und sie fällt höher aus als befürchtet. Die großen vier Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Meta und Alphabet – planen für das Jahr 2026 kombinierte Investitionsausgaben (Capex) von nahezu 700 Milliarden US-Dollar. Das ist ein Anstieg von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr und sprengt selbst die kühnsten Analystenschätzungen, die eher bei 527 Milliarden lagen.
Die Märkte reagieren darauf rational, aber brutal. Amazon wurde besonders hart abgestraft: Die Aktie verlor in der vergangenen Woche rund 12 Prozent und notiert nun bei rund 210 Dollar. Allein am Freitag fiel der Kurs um 5,5 Prozent. Der Auslöser waren Quartalszahlen leicht unter den Erwartungen und die Ankündigung von 200 Milliarden Dollar Investitionsvolumen allein für 2026. Der Grund liegt tief in der Bilanz: Um diese KI-Infrastruktur zu finanzieren, wird der Free Cash Flow massiv leiden. Amazon erwartet für 2026 ein Defizit von rund 17 Milliarden Dollar.
Was wir hier sehen, ist der Übergang von der Hype-Phase in die „Build-Phase“. Die Kosten sind sofort und gewaltig, die Erträge durch neue KI-Agentensysteme liegen noch in der Zukunft. Für den deutschen Anleger bedeutet das: Der Tech-Sektor ist nicht mehr der automatische Gewinnbringer. Die Musik spielt vorerst dort, wo diese Milliarden ausgegeben werden – bei den Ausrüstern und Energieversorgern – und paradoxerweise bei den klassischen Industriewerten im Dow Jones, die nun als „sicherer Hafen“ gelten.
Das führt uns zu einer entscheidenden Frage für Anleger: Wo genau fließen diese 700 Milliarden Dollar hin? Ein erheblicher Teil dieser KI-Infrastruktur-Investitionen landet bei Halbleiter-Herstellern. In einem aktuellen Webinar wird analysiert, welche vier Chip-Aktien von diesem Billionen-Boom profitieren könnten – denn ohne diese Mikrochips steht die gesamte KI-Revolution still. Das kostenlose Webinar zeigt konkret, welche Unternehmen als Ausrüster der Tech-Giganten positioniert sind. Details zur Chip-Analyse ansehen
Tokio wählt die „Eiserne Lady“
Während der Westen noch schlief, hat Japan heute Fakten geschaffen. Sanae Takaichi und ihre Liberaldemokratische Partei (LDP) haben einen erdrutschartigen Wahlsieg errungen. Takaichi, die erste weibliche Premierministerin des Landes, macht keinen Hehl aus ihrem Vorbild: Margaret Thatcher.
Für die Märkte ist das ein klares Startsignal für den sogenannten „Takaichi Trade“. Sie steht für eine aggressive Reflationierung der Wirtschaft, Steuersenkungen und – geopolitisch brisant – eine massive Aufrüstung zur Eindämmung Chinas. Investoren erwarten, dass dieser klare Wählerauftrag ihr das politische Kapital gibt, die japanische Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen zu fluten. Japanische Aktien, die zuletzt volatil waren, dürften zum Wochenstart in den Fokus rücken.
Krypto-Chaos: Fettfinger und Miner-Kapitulation
Wer dachte, die Volatilität sei exklusiv den Tech-Aktien vorbehalten, wurde im Krypto-Sektor eines Besseren belehrt. Der Bitcoin stürzte am Donnerstag auf ein Tief von rund 60.000 US-Dollar ab – ein Minus von über 15 Prozent an einem einzigen Tag und der tiefste Stand seit Oktober 2024. Der „Fear & Greed Index“ steht auf 7: Extreme Angst. Zwar konnte sich die Kryptowährung zum Wochenende wieder über die 70.000-Dollar-Marke hieven, doch die Wochenverluste belaufen sich auf fast 30 Prozent.
Was ist passiert? Es ist eine toxische Mischung aus menschlichem Versagen und strukturellem Stress.
Zum einen sorgte ein grotesker Fehler bei der Börse Bithumb für Panik: Durch einen Zahlendreher wurden versehentlich fast 3 Prozent aller existierenden Bitcoin (über 600.000 Stück) als Airdrop verteilt – Nutzer sahen plötzlich Guthaben von 100 Millionen Dollar auf ihren Konten. Zwar konnte Bithumb 99,7 Prozent der Coins zurückholen, doch das Vertrauen litt massiv.
Schwerwiegender ist jedoch der Verkaufsdruck der Miner. Da die Produktionskosten für einen Bitcoin mittlerweile bei rund 72.700 Dollar liegen, arbeiten viele unter Wasser. Große Player wie Riot Platforms liquidieren Bestände, um in KI-Infrastruktur zu diversifizieren. Veteran-Trader Peter Brandt warnt zudem vor „Campaign Selling“ durch große Institutionen. Die 64.000-Dollar-Marke galt als kritische Unterstützung – ihr Bruch könnte weitere Liquidierungen auslösen.
Warsh, Trump und die steile Kurve
In den USA hat Donald Trump heute eine Personalie geklärt, die für die globalen Zinsmärkte entscheidender ist als jede Quartalszahl: Kevin Warsh wurde als neuer Vorsitzender der Federal Reserve nominiert. Warsh, ein Kritiker der bisherigen expansiven Geldpolitik, steht vor einem Dilemma. Trump fordert öffentlich niedrige Zinsen und eine „heiße“ Wirtschaft für die Midterm-Wahlen im November. Warshs ökonomische DNA würde eher für eine Straffung sprechen.
Der Anleihemarkt hat sofort reagiert: Die Zinskurve wird steiler („Bear Steepening“). Das bedeutet, die Märkte preisen langfristig höhere Inflationsrisiken ein. Gleichzeitig wird der US-Dollar zunehmend als „gefährliches Asset“ betrachtet – er hat seit Januar 2025 rund 10 Prozent an Wert verloren. Für europäische Exporteure ist ein schwacher Dollar Gift, für US-Konzerne mit Auslandsumsatz ein Segen. Es scheint, als bereite sich die Wall Street auf eine Ära vor, in der die Fed weniger unabhängig und die Inflation volatiler sein wird.
Der deutsche 940-Milliarden-Schaden
Zum Schluss noch ein ernüchternder Blick vor die eigene Haustür. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert heute die Kosten der Dauerkrisen seit 2020 auf unfassbare 940 Milliarden Euro an verlorenem BIP. Das sind mehr als 20.000 Euro pro Erwerbstätigem.
Passend dazu warnte Mercedes-Chef Ola Källenius in einem Interview vor einer „falschen Richtung“, in die sich Deutschland seit 15 Jahren bewege. Seine Metapher sitzt: Es sei, als würde man vor einer WM sagen, man trainiere genug, während alle anderen das Pensum verdoppeln. In einer Woche, in der US-Tech-Konzerne hunderte Milliarden in die Zukunft investieren und Japan sich radikal neu aufstellt, wirkt diese deutsche Bestandsaufnahme besonders schmerzhaft.
Was die neue Woche bringt
Die kommende Woche wird zeigen, ob der Dow Jones seine 50.000er-Marke verteidigen kann und ob die „Takaichi-Rally“ in Asien auf Europa überschwappt. Achten Sie auf die Reaktion der Tech-Werte: Ist der Ausverkauf bei Amazon eine Kaufgelegenheit oder der Beginn einer fundamentalen Neubewertung des KI-Sektors?
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes und eine glückliche Hand bei Ihren Entscheidungen.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
