Thyssenkrupp Aktie: TKMS-Auftrag für vier Fregatten

Thyssenkrupp hebt Jahresprognose an, doch operative Zahlen bleiben hinter Erwartungen. TKMS treibt Wachstum, Nucera bremst das Ergebnis.

Dr. Robert Sasse ·
Thyssenkrupp Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Prognoseanhebung trotz verfehlter Analystenerwartungen
  • TKMS mit Rekordauftragsbestand und starkem Wachstum
  • Nucera senkt Ausblick wegen Wertberichtigungen
  • Aktionäre stimmen Abspaltung von Materials Services zu

Ein Konzern, drei Erzählungen, ein Kurs, der alle drei irgendwie verkraften muss – das ist derzeit die eigentliche Geschichte bei Thyssenkrupp. Am Freitag legte die Aktie um 2,9 Prozent zu, binnen sieben Tagen sind es zehn Prozent, seit Jahresanfang steht ein Plus von 48 Prozent zu Buche.

Wer nur auf diese Zahlen schaut, könnte meinen, hier verdichte sich eine einzige klare Wachstumsstory. Tatsächlich ist es komplizierter, und genau das macht den Fall interessant.

Die Guidance steigt, aber wovon?

Am Donnerstag hob Thyssenkrupp die bereinigte EBIT-Prognose für das laufende Geschäftsjahr an: Die Untergrenze wandert von 500 auf 600 Millionen Euro, die Spanne liegt nun bei 600 bis 900 Millionen Euro. Das dritte Quartal lieferte die Basis dafür – bereinigtes EBIT von 183 Millionen Euro, ein Plus von 18 Prozent, bei einem Umsatz von 8,8 Milliarden Euro.

Unter dem Strich stand sogar ein Gewinn von 34 Millionen Euro, nach einem Verlust von 255 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Der Analystenkonsens hatte im Schnitt nur mit 207 Millionen Euro bereinigtem EBIT gerechnet – die Konzernzahl blieb also unter dieser Erwartung, während gleichzeitig die Jahresprognose angehoben wurde.

Ein Widerspruch ist das nicht: Ein Gutteil des Ergebnissprungs beim Nettogewinn stammt aus einem bilanziellen Effekt von 131 Millionen Euro im Zuge des Anfang Juli abgeschlossenen HKM-Verkaufs an Salzgitter. Wer die Zahlen bereinigt liest, sieht ein solides, aber kein spektakuläres operatives Bild – die Erzählung von der „Turnaround-Aktie“ trägt also nur mit Einschränkungen.

TKMS liefert die eigentliche Wachstumsdynamik

Die zweite Geschichte spielt bei der Marinesparte TKMS, und sie ist deutlich handfester. Die Tochter hob am Mittwoch ihre Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr kräftig an, von zuvor plus 2 bis 5 Prozent auf nun plus 10 bis 12 Prozent, die EBIT-Margen-Guidance kletterte auf bis zu 6,5 Prozent.

In den ersten neun Monaten wuchs der Umsatz um 19 Prozent auf 1.890 Millionen Euro, der Auftragsbestand erreichte 20,1 Milliarden Euro – ein Plus von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahresende. Untermauert wird das durch den größten Überwasserschiffauftrag der Unternehmensgeschichte: vier Fregatten für die Deutsche Marine, mit Option auf vier weitere.

Wer die Thyssenkrupp-Aktie derzeit kauft, kauft in Wahrheit ein gutes Stück Rüstungsboom mit ein. Die Frage, die sich daraus ergibt: Trägt eine einzelne, wenn auch prächtig wachsende Sparte die Bewertung des gesamten Konzerns?

Nucera bremst, der Konzern strukturiert um

Die dritte Geschichte läuft in die Gegenrichtung. Bei der Wasserstofftochter Nucera wurde am Dienstag der Ausbau eigener Massenproduktionskapazitäten für SOEC-Stacks beendet.

Die Folge sind Wertberichtigungen und aktivierte Entwicklungskosten von rund 30 Millionen Euro im vierten Quartal, die EBIT-Guidance verschlechtert sich auf minus 155 bis minus 135 Millionen Euro, zuvor waren minus 125 bis minus 90 Millionen Euro angesetzt.

Auch die Umsatzprognose für das Grüner-Wasserstoff-Segment wurde gesenkt, auf 100 bis 130 Millionen Euro. Immerhin: Ab dem kommenden Geschäftsjahr soll die Kurskorrektur bei den SOEC-Ausgaben das EBIT um bis zu 10 Millionen Euro und den Cashflow um rund 20 Millionen Euro verbessern.

Parallel dazu treibt der Konzern seinen größten Strukturumbau seit Jahren voran. Die Aktionäre haben der Abspaltung der Sparte Materials Services als eigenständiges Unternehmen tk accelis vor gut einer Woche mit überwältigender Mehrheit zugestimmt, die Rechtswirksamkeit ist für Ende Oktober geplant.

Für September ist zudem ein Kapitalmarkttag zur Stahlsparte in London angesetzt – dort dürfte sich zeigen, wie belastbar die vierte, noch unfertige Erzählung dieses Konzerns ist: die vom eigenständig überlebensfähigen Stahlgeschäft.

Der Aktienkurs, der sich dem 52-Wochen-Hoch von 14,00 Euro nur noch um 1,5 Prozent nähert und mittlerweile 35 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt notiert, hat all diese Stränge bereits in einen einzigen Optimismus verwoben. Ob das gerechtfertigt ist, hängt davon ab, welche der drei Geschichten sich am Ende als die prägende erweist.

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Sektor Industrieunternehmen
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Marktkapitalisierung 8,60 Mrd. EUR
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