Rheinmetall und Siemens Energy: Wenn Auftragsbücher die Kurse nicht mehr retten

Bei Rheinmetall und Siemens Energy überlagern Umsetzungsfragen und Risiken die starke Nachfrage und umfangreichen Auftragsbestände.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Rheinmetall-Aktie seit Jahresbeginn 36 Prozent niedriger
  • mwb research bestätigt Rheinmetall mit „Halten“
  • Siemens Gamesa schreibt im dritten Quartal schwarze Zahlen
  • Bitcoin fällt trotz ETF-Zuflüssen zurück

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

46 Milliarden Euro Börsenwert gegen mehr als 80 Milliarden Euro Auftragsbestand: Bei Rheinmetall klafft derzeit eine Lücke, die sich mit normaler Bewertungslogik kaum erklären lässt. Bei Siemens Energy sieht es mit 123 zu 138 Milliarden Euro nicht anders aus.

Zwei Konzerne, zwei Branchen, ein Muster – der Markt zweifelt nicht an der Nachfrage, sondern an etwas anderem. Was das ist und warum es auch Bitcoin-Anleger betrifft, ist der rote Faden dieser Ausgabe.

Rheinmetall: Der Auftragsbestand wächst schneller als das Vertrauen

Rheinmetall schloss am Freitag bei 986,60 Euro und rutschte damit erneut unter die runde 1.000-Euro-Marke. Seit dem Rekordhoch von 2.007 Euro Anfang Oktober 2025 hat sich der Kurs halbiert, seit Jahresbeginn steht ein Minus von 36 Prozent. Dabei liefert der Konzern beinahe im Wochentakt neue Belege für seine operative Stärke: Am Mittwoch meldete Rheinmetall einen Auftrag über eine fünfstellige Zahl von 155-Millimeter-Artilleriegeschossen im niedrigen dreistelligen Millionenbereich, in der Vorwoche startete Italien die Beschaffung von 132 Panther-Fahrzeugen aus dem Gemeinschaftsunternehmen mit Leonardo. Für 2026 stellt der Konzern ein Umsatzwachstum von 40 bis 45 Prozent in Aussicht.

Warum fällt die Aktie trotzdem? Ein Blick auf den Donnerstag liefert die Antwort. Rheinmetall, Hensoldt und Renk verloren deutlich, nachdem der Iran über Vermittler eine Öffnung der Straße von Hormus binnen sieben Tagen vorgeschlagen hatte.

Friedenshoffnungen, Berichte über Mängel bei Bundeswehrprojekten und vorsichtigere Analysten verstärken sich gegenseitig. mwb research bestätigte am selben Tag das Votum „Halten“ mit Kursziel 1.050 Euro – mit einer bemerkenswerten Begründung: Ein Auftragsbestand von über 100 Milliarden Euro zum Jahresende sei bereits eingepreist, das Italien-Geschäft liefere bis 2029 keinen wesentlichen Umsatzbeitrag. Hinzu kommt ein Großaktionär, der leise die Reißleine zieht: Fidelity senkte seinen Stimmrechtsanteil zum 18. September von 3,02 auf 2,78 Prozent.

Die eigentliche Botschaft für Anleger: Der Markt bezweifelt nicht die Nachfrage, sondern das Tempo der Abarbeitung. Solange bis zum Kapitalmarkttag im November keine neuen Zahlen zur Umsetzung vorliegen, fehlt der Aktie ein Auslöser für die Wende.

Wie groß die Unsicherheit ist, zeigt die Bandbreite der Kursziele: Bernstein sieht 1.900 Euro, mwb 1.050 Euro – eine Differenz von mehr als 80 Prozent. Hensoldt notiert mit 76 Euro zwar 3,5 Prozent über dem Jahresstart, hat aber allein in den vergangenen 30 Tagen 13 Prozent verloren. Wer hier einsteigt, kauft Geduld, keinen kurzfristigen Kurstreiber.

Siemens Energy: Zwei Kaufvoten treffen auf eine Warnung des eigenen Chefs

Bei Siemens Energy öffnet sich die Schere in die andere Richtung: Die Analysten werden optimistischer, während die Aktie auf der Stelle tritt. JPMorgan bestätigte am Donnerstag das Votum „Übergewichten“ und verwies auf die Nachfrage nach Strom-Infrastruktur für KI-Rechenzentren.

Berenberg blieb am Freitag bei „Kaufen“ mit Kursziel 205 Euro – gegenüber dem Schlusskurs von 144,06 Euro ein Potenzial von gut 40 Prozent. Seit Jahresbeginn steht die Aktie 20 Prozent im Plus, hat in den vergangenen 30 Tagen aber fünf Prozent abgegeben.

Operativ ist der Turnaround längst belegt: Im Geschäftsjahr 2025 wuchs der Umsatz um 13 Prozent, die operative Marge stieg von einem auf über sechs Prozent. Der Auftragsbestand erreichte 138 Milliarden Euro und übertrifft damit den aktuellen Börsenwert von rund 123 Milliarden Euro. Selbst die Windtochter Siemens Gamesa schrieb im dritten Quartal 2026 erstmals seit 2022 wieder schwarze Zahlen.

Ausgerechnet dort liegt aber das Risiko, und Vorstandschef Christian Bruch sprach es am Freitag offen aus. Er warnt vor „Zombie-Windparks“ vor Nord- und Ostsee: Fabriken warten auf Aufträge, Zulieferer zögern wegen hoher Kosten und Zinsen.

Laut Branchenverband BWO stehen Offshore-Projekte mit 16 Gigawatt Leistung und einem Volumen von 50 Milliarden Euro auf der Kippe – zum Vergleich, vor deutschen Küsten sind derzeit 10,8 Gigawatt in Betrieb.

Die These für Anleger: Siemens Energy wird an der Börse längst als KI-Stromversorger gehandelt, bilanziert aber noch als Windkonzern. Erst die Quartalszahlen am 11. November zeigen, welche Seite die Marge im Schlussquartal bestimmt hat.

Die Konzernmutter Siemens liefert derweil ohne Dramatik. Siemens Mobility holte in dieser Woche Aufträge über bis zu eine Milliarde Euro aus Vietnam und rund 1,3 Milliarden Euro von der ÖBB, dazu bestellte Railpool am Mittwoch bis zu 100 Vectron-Lokomotiven. Die Aktie schloss am Freitag bei 280,10 Euro, auch sie mit „Übergewichten“ von JPMorgan bewertet.

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Konjunktur: Der Aufschwung trägt einen ausländischen Stempel

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 am Donnerstag auf 1,3 Prozent mehr als verdoppelt – im Frühjahr waren es noch 0,6 Prozent.

Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im September zum fünften Mal in Folge auf 89,9 Punkte, den höchsten Stand seit über drei Jahren, der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft kletterte auf 53,8 Punkte, weil auch die Dienstleister wieder wachsen. Selbst beim Stellenabbau gibt das ifo-Beschäftigungsbarometer erstmals Entwarnung.

Entscheidend ist aber, woher das Wachstum kommt. Die Institute nennen drei Treiber: die Weltwirtschaft, den KI-Boom bei Rechenzentren-Ausrüstung und Chemie-Exporte, die von der Hormus-Sperre der Golf-Konkurrenz profitieren. Als Gewinner gelten Zulieferer wie Infineon, Schott und Zeiss.

Der Konsument dagegen fehlt komplett: Das GfK-Konsumklima fiel für Oktober auf minus 30,6 Punkte, die Sparneigung sprang von 15,5 auf 21,5 Zähler. Für Anleger heißt das im Klartext: Die Erholung erreicht exportorientierte Industrie- und Chemiewerte, nicht den Handel oder den Konsum.

Wer den deutschen Aufschwung spielen will, braucht Weltmarkt-Exponierung, keine Binnenmarkt-Wette. Die Institute selbst warnen unter dem Titel „Finanzpolitik auf Abwegen“: Das Staatsdefizit soll von 4,1 Prozent des BIP 2026 auf 4,7 Prozent 2028 steigen, die Inflation 2027 auf 3,2 Prozent springen.

Wall Street: KI-Verträge gegen steigende Renditen

Trotz der höchsten US-Anleiherenditen seit 2007 beendete die Wall Street die Woche im Plus – getragen einzig vom KI-Thema. Akamai schloss am Freitag einen Cloud-Vertrag über 11,6 Milliarden Dollar mit Anthropic ab, Laufzeit sieben Jahre, inklusive Optionsschein auf bis zu fünf Prozent des Unternehmens.

Die Aktie sprang vorbörslich über 20 Prozent, schloss aber nur noch 3,2 Prozent höher – die Euphorie hielt keinen ganzen Handelstag. Microsoft gewann 3,6 Prozent nach einer neuen Copilot-App, die Programmieren und Bürotätigkeiten bündelt, Qualcomm legte 4,1 Prozent zu, nachdem Apple den Patentlizenzvertrag verlängerte, und Meta beendete die Woche dank der Muse-KI mit rund 13 Prozent Plus, gab am Freitag aber 3,5 Prozent ab.

Der Nasdaq 100 markierte am Dienstag ein 52-Wochen-Hoch, und der S&P 500 ist mit knapp 19-fachen erwarteten Gewinnen so günstig bewertet wie seit 2023 nicht mehr. Doch die Bank of America berichtet, dass KI-Investitionen in Kundengesprächen 80 Prozent der Zeit einnahmen – ein Indiz dafür, dass die Sorge vor einem Zyklus aus Boom und Absturz wächst.

Die Terminmärkte sehen aktuell eine Wahrscheinlichkeit von rund 66 Prozent für eine weitere Fed-Zinserhöhung am 28. Oktober. Anleger sollten den Unterschied zwischen Akamai und Microsoft ernst nehmen: Belohnt wird an der Börse, wer KI-Umsatz bereits ausweist – nicht, wer ihn per Vertrag verspricht.

Bitcoin: Die Nachfrage ist da, der Zinsmarkt bestimmt trotzdem den Takt

Bitcoin erreichte am Montag mit rund 87.400 Dollar ein Achtmonatshoch und fiel bis Donnerstag unter 84.000 Dollar zurück. Auslöser war ein US-Einkaufsmanagerindex auf Fünfjahreshoch, der die Zinserwartungen nach oben trieb. Gleichzeitig kauften die US-Spot-ETFs an fünf Handelstagen in Folge über 2,6 Milliarden Dollar – die Nachfrage ist also vorhanden, doch sie verpufft gegen die Zinslogik.

Am Freitag verfielen zusätzlich Optionen im Wert von rund 15 Milliarden Dollar. Die Marke von 83.000 bis 84.000 Dollar gilt Analysten nun als Test dafür, ob der Ausbruch nach oben noch gelingt.

Unterm Strich

Rheinmetall, Siemens Energy und Bitcoin eint in dieser Woche ein Muster: Nachfrage im Überfluss, und trotzdem drücken Zinsen und Geopolitik die Kurse stärker als jede Auftragsmeldung sie heben kann. Das ist keine Bewertungsblase, die platzt, sondern eine Geduldsprobe, die erst mit harten Zahlen endet – beim Rheinmetall-Kapitalmarkttag im November, bei den Siemens-Energy-Zahlen am 11. November.

Bis dahin liefert die kommende Woche eigene Wegmarken: der BMW-Kapitalmarkttag am Dienstag, die Quartalszahlen von Micron und Nike zur Wochenmitte, der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag und, am selben Tag, das Ende der Prüffrist für die Ceconomy-Übernahme durch JD.com.

Das Wochenende liegt jetzt vor Ihnen, und nach einer Handelswoche mit derart gegenläufigen Signalen ist eine Pause vom Kursticker keine schlechte Idee. Ich nutze die Zeit, um die Kursziel-Bandbreite bei Rheinmetall noch einmal in Ruhe nachzurechnen – vielleicht lohnt sich das ja auch für Sie.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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