Warum der DAX steigende Preise ignoriert — und wie lange das gutgeht

Trotz beschleunigter Inflation auf beiden Seiten des Atlantiks notiert der DAX im Plus. Unternehmen wie Merck, Allianz und die Telekom überzeugen mit starken Ausblicken und treiben den Markt an.

Eduard Altmann ·
Warum der DAX steigende Preise ignoriert — und wie lange das gutgeht

Kurz zusammengefasst

  • DAX steigt trotz hoher Inflationszahlen
  • Merck hebt Jahresziele an und führt Kursgewinne an
  • Allianz meldet Rekordgewinn im ersten Quartal
  • Telekom und Versorger mit soliden Quartalsergebnissen

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern schloss ich mit dem Hinweis, die Ausblicke genauer zu lesen als die Gewinne. Die Unternehmen haben geliefert — und zwar so überzeugend, dass der Markt ein Problem ausblendet, das nicht verschwinden wird: Die Inflation beschleunigt sich auf beiden Seiten des Atlantiks. Deutsche Großhandelspreise plus 6,3 Prozent, US-Verbraucherpreise bei 3,8 Prozent, US-Erzeugerpreise bei 6 Prozent. Trotzdem notierte der DAX am Mittwochnachmittag bei rund 24.113 Punkten, ein Plus von knapp 0,6 Prozent. Die Botschaft der Anleger ist klar: Solange die Gewinne stimmen, interessieren uns die Preise nicht. Die Frage ist, ob diese Rechnung aufgeht.

Merck, Allianz, Telekom: Die Ausblicke überzeugen mehr als die Quartale

Der unangefochtene Tagesgewinner im DAX war Merck KGaA mit einem Kurssprung von über 8 Prozent auf bis zu 123,60 Euro. Der Grund liegt weniger im Quartal selbst als in den angehobenen Jahreszielen: Der Umsatz soll 2026 nun zwischen 20,4 und 21,4 Milliarden Euro liegen, das bereinigte EBITDA bei 5,7 bis 6,1 Milliarden Euro. Das Halbleitergeschäft treibt — und der Markt preist ein, dass dieser Trend anhält.

Die Allianz meldete ein operatives Ergebnis von 4,52 Milliarden Euro im ersten Quartal, ein Plus von 6,6 Prozent und ein neuer Rekordwert. Der Nettogewinn stieg um 52 Prozent. Die Aktie legte 1,6 Prozent zu — angemessen, nicht euphorisch. Wer genau hinschaut, erkennt: Der Versicherungskonzern profitiert vom hohen Zinsniveau, das anderswo Sorgen bereitet. Was für Kreditnehmer Gift ist, ist für Versicherer Medizin.

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Auch die Deutsche Telekom hob ihre Jahresprognose für das operative Ergebnis (EBITDA AL) leicht auf 47,5 Milliarden Euro an. Der organische Umsatz wuchs im ersten Quartal um 4,7 Prozent auf 29,9 Milliarden Euro. Die T-Aktie stieg um 1,7 Prozent. Im Kontrast dazu bestätigte Deutsche Bank Research für Bayer lediglich die Einstufung „Neutral“ mit einem Kursziel von 45 Euro — nach dem Kurssprung vom Dienstag eine kalte Dusche für alle, die auf Anschlusseuphorie gehofft hatten.

Versorger: Solide Zahlen, gespaltene Reaktionen

E.ON übertraf im ersten Quartal die Erwartungen: Das bereinigte EBITDA stieg um 5 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro, getragen vom Netzgeschäft mit einem Segmentergebnis von 1,8 Milliarden Euro. Der Konzern bestätigte seine Jahresprognose und plant die Übernahme des britischen Versorgers OVO, die bis 2030 einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag zum bereinigten EBITDA beisteuern soll. Die Aktie legte um rund 1,8 Prozent zu.

RWE lieferte auf dem Papier die stärkeren Zahlen: Das bereinigte EBITDA kletterte um rund 25 Prozent auf über 1,6 Milliarden Euro, begünstigt durch bessere Windverhältnisse und neue Offshore-Windparks. Finanzvorstand Michael Müller betonte, bereits ein Drittel des anvisierten Gewinns je Aktie für das Gesamtjahr erwirtschaftet zu haben. Die Jahresziele — operatives Ergebnis von 5,2 bis 5,8 Milliarden Euro — wurden bestätigt. Dennoch gab die Aktie im Tagesverlauf leicht nach. Das schwächelnde Handelsgeschäft und die Frage, ob der Wind auch im Sommer so günstig weht, bremsten die Begeisterung.

Europas Finanzsektor: Das Zinsniveau als stiller Verbündeter

Jenseits der DAX-Grenzen setzt sich das Muster fort. Die Zurich Insurance Group verzeichnete in der Schaden- und Unfallsparte einen Umsatzsprung von 11 Prozent auf 12 Milliarden US-Dollar — die Papiere stiegen um über 3 Prozent. Die niederländische ABN Amro übertraf die Gewinnschätzungen deutlich, die Aktie sprang um 7 Prozent.

Drei Quartalssaisons in Folge liefern europäische Finanzwerte nun Ergebnisse oberhalb der Erwartungen. Der Grund ist strukturell: Solange die Zinsen hoch bleiben, verdienen Versicherer mehr an ihren Anlageportfolios und Banken mehr an der Zinsmarge. Genau das Szenario, das die heutigen Inflationsdaten wahrscheinlicher machen. Die Ironie ist offensichtlich: Was den Gesamtmarkt eigentlich belasten müsste — hartnäckige Inflation und verschobene Zinssenkungen — ist für den Finanzsektor ein Gewinngarant.

Inflation: Die Zahlen, die der Markt nicht sehen will

Die Fakten sind unbequem. In Deutschland stiegen die Großhandelspreise im April um 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr — der stärkste Anstieg seit Februar 2023. Die nationale Inflationsrate liegt bei 2,9 Prozent. In den USA fielen die April-Verbraucherpreise mit 3,8 Prozent heißer aus als erwartet, angetrieben von Energiekosten, die um fast 18 Prozent zulegten. Der Erzeugerpreisindex sprang um 6 Prozent. Brent notierte am Mittwoch 1 Prozent tiefer bei 106,82 US-Dollar — eine Pause, kein Rückzug.

Was bedeutet das für die Geldpolitik? Rasche Zinssenkungen der Fed rücken in weite Ferne. Und dennoch erhöhte Morgan Stanley am Mittwoch das Jahresendziel für den S&P 500 von 7.800 auf 8.000 Punkte. Die Begründung: robuste Unternehmensgewinne, Preismacht und Effizienzgewinne durch Künstliche Intelligenz — ein prognostizierter Gewinn je Aktie von 339 US-Dollar für 2026. Die Rechnung lautet: Wenn Unternehmen die Inflation an ihre Kunden weitergeben können, schadet sie den Margen nicht. Stimmt — solange die Kunden mitspielen.

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Was jetzt zählt

Diese Berichtssaison zeigt eine bemerkenswerte Zweiteilung. Die Unternehmen, die am Mittwoch berichteten — Merck, Allianz, Deutsche Telekom, E.ON, RWE —, haben eines gemeinsam: Sie können Preise setzen oder profitieren direkt vom Zinsumfeld. Ihre Ausblicke sind stabil bis angehoben. Das ist real und verdient Anerkennung.

Aber die Makrodaten erzählen eine andere Geschichte. Großhandelspreise von plus 6,3 Prozent erreichen irgendwann die Verbraucher. Energiekosten von plus 18 Prozent in den USA belasten den Konsum. Und ein ZEW-Index, der den dritten Monat in Folge im Minus verharrt, signalisiert, dass die Konjunkturstimmung der Gewinndynamik hinterherhinkt. Der Markt wettet darauf, dass die Unternehmensgewinne die Inflationssorgen dauerhaft dominieren. Das kann funktionieren — aber es ist eine Wette, keine Gewissheit. Wer investiert bleibt, sollte wissen, worauf er setzt.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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