Liebe Leserinnen und Leser,
800 Punkte Minus beim Dow Jones, ein 13-Prozent-Absturz bei IBM und ein JPMorgan-Chef, der sich fatal an die Vorwehen der Finanzkrise erinnert fühlt. Es gibt Handelstage, an denen sich die tektonischen Platten der Finanzmärkte hörbar verschieben – dieser Dienstag gehört zweifellos dazu.
Während die Aktienmärkte in den vergangenen Monaten jeden Fortschritt der Künstlichen Intelligenz blind feierten, dämmert den Investoren nun die ökonomische Kehrseite. Parallel zwingt die harte handelspolitische Realität aus Washington Europas Börsen in die Defensive. Lassen Sie uns die Puzzleteile dieses bemerkenswerten Marktumfelds zusammensetzen.
Der DAX im Würgegriff der 15-Prozent-Zölle
Der deutsche Leitindex ringt heute geradezu physisch mit der 25.000-Punkte-Marke. Nach dem Schlusskurs darunter am Montag wagte er sich zur Wall-Street-Eröffnung kurzzeitig darüber – nur um zur Mittagszeit wieder leicht ins Minus bei 24.970 Punkten zu rutschen.
Die Zurückhaltung hat einen klaren Namen: Risikoaversion. Donald Trump hat seine Drohungen wahr gemacht und die globalen US-Zölle auf 15 Prozent angehoben. Für eine exportgetriebene Nation wie Deutschland ist das ein toxisches Signal.
Wie nervös Investoren bei Einzelwerten reagieren, zeigen Fresenius Medical Care und MTU. Beide verzeichneten für 2025 Gewinnsprünge – doch weil Analysten die Aussichten für 2026 kritisieren, wurden die Papiere gnadenlos abgestraft: FMC minus 6,3 Prozent, MTU minus 6,5 Prozent. Ein Lichtblick findet sich im SDax: Der Chipentwickler Elmos schießt auf ein Rekordhoch (+9,6 %) und baut sein Jahresplus auf satte 44 Prozent aus.
In dieses geopolitische Minenfeld begibt sich morgen Bundeskanzler Friedrich Merz. Seine 30-stündige Reise nach China gleicht einer diplomatischen Gratwanderung. Peking ist für die deutsche Wirtschaft essenzieller Partner, aber eben auch systemischer Rivale. Derweil jährt sich in Europa heute der Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zum vierten Mal – ein bitterer Tag, an dem die EU wegen eines ungarischen Vetos geplante Finanzhilfen in Höhe von 90 Milliarden Euro blockiert sieht.
Die KI-Katerstimmung und die Geburt des „Halo-Trades“
Die bemerkenswerteste Entwicklung spielt sich jenseits der Geopolitik ab. Ein viral gegangener Bericht von Citrini Research hat an der Wall Street regelrechte Schockwellen ausgelöst: Die Analysten warnen vor einer KI-getriebenen Rezession und 10 Prozent Arbeitslosigkeit bis 2028. Das Narrativ kippt von „KI macht alles besser“ zu „KI zerstört etablierte Geschäftsmodelle“.
Die Folge ist ein brutaler Ausverkauf bei Software-Titeln. Der S&P Software Index hat im Februar bereits 20 Prozent eingebüßt. JPMorgan-CEO Jamie Dimon goss gestern zusätzliches Öl ins Feuer und warnte vor einer KI-Blase mit erschreckenden Parallelen zu den Jahren 2005 bis 2007. „Die Leute tun dumme Dinge“, so Dimons trockenes Fazit.
Die Ironie der Geschichte: Während die Software-Welt zittert, sichert sich der Chip-Gigant AMD einen 60-Milliarden-Dollar-Deal mit Meta zur Lieferung von KI-Hardware. Die Schaufelverkäufer im Goldrausch verdienen weiter.
Genau zu diesem Thema hat Tech-Experte Bernd Wünsche eine umfassende Analyse zum Chip-Krieg zwischen USA und China durchgeführt. In seinem aktuellen Webinar zeigt er, wie der 280-Milliarden-Dollar-Chip-Act der US-Regierung einen ganzen Sektor neu ordnet und welche Halbleiter-Aktie er als „die neue Nvidia“ identifiziert hat. Wünsche analysiert konkret, warum die Abhängigkeit von Taiwan ein massives geopolitisches Risiko darstellt und wie Anleger von der Re-Industrialisierung der Chip-Produktion profitieren können. Sie erfahren, welche Unternehmen von den staatlichen Fördergeldern in Milliardenhöhe am stärksten profitieren werden und wie Sie ein diversifiziertes Halbleiter-Portfolio aufbauen. Besonders interessant: Seine Analyse der europäischen Chip-Champions, die Goldman Sachs als unterbewertet einstuft. Details zur Chip-Krieg-Analyse und der neuen Nvidia-Aktie
Doch wohin flüchtet das Kapital? Die Wall Street hat dafür bereits einen Namen: den „Halo-Trade“. Das Akronym steht für Heavy Assets, Low Obsolescence – schwere Vermögenswerte mit geringer Veralterung. Investoren schichten massiv in Branchen um, die von KI nicht so leicht wegrationalisiert werden können. Minenbetreiber (der S&P Global Mining Index hat sich seit letztem Jahr verdoppelt) oder Fluggesellschaften wie Delta Air Lines (+8,3 % in diesem Jahr) sind plötzlich die neuen Lieblinge der Tech-Flüchtlinge.
Der Krypto-Exodus und die Quanten-Paranoia
Wer im Krypto-Markt einen sicheren Hafen suchte, wurde in den vergangenen Wochen eines Besseren belehrt. Bitcoin rutschte zuletzt zeitweise unter die Marke von 63.000 US-Dollar. Zur Einordnung: Das entspricht einem Einbruch von 50 Prozent seit dem Allzeithoch von über 125.000 Dollar im Oktober 2025.
Im Februar erlebten wir den sogenannten „Great Flush“ – Nettoabflüsse von 3,8 Milliarden Dollar aus den US-Spot-Bitcoin-ETFs. Institutionelle Investoren lösen ihre Arbitrage-Positionen auf. Die britische Großbank Standard Chartered hat prompt ihre Bitcoin-Prognose für 2026 von 150.000 auf 100.000 Dollar gekappt. Bemerkenswert aus europäischer Perspektive: Während die US-ETFs bluten, zeigen sich europäische Krypto-ETPs deutlich stabiler.
Zusätzlich grassiert eine fast schon kuriose Angst im Markt: „Quantum FUD“. Die Furcht, dass Quantencomputer bald die kryptografische Sicherheit des Bitcoins knacken könnten, verunsichert Anleger – auch wenn Experten diese Gefahr noch in weiter Ferne sehen. Bei Ethereum versucht die Foundation derweil, den massiven Verkäufen von Mitgründer Vitalik Buterin (der zuletzt ETH für 21,7 Millionen Dollar abstieß) entgegenzuwirken, indem sie 70.000 ETH aus der eigenen Kasse ins Staking gibt.
Die Notenbanken bremsen die Euphorie
Wer in diesem toxischen Gemisch auf schnelle Zinssenkungen als Rettungsanker hofft, wird von den Notenbankern enttäuscht. Austan Goolsbee von der Chicago Fed machte heute deutlich: Eine PCE-Inflation von fast 3 Prozent sei „nicht gut genug“, um die Zinsen aggressiv zu senken. Sein Kollege Raphael Bostic aus Atlanta warnte sogar davor, dass die USA in eine Phase strukturell höherer Arbeitslosigkeit eintreten könnten, die sich mit billigem Geld schlicht nicht lösen lasse.
Die doppelte Neubewertung
Die Märkte preisen aktuell zwei massive Risiken gleichzeitig neu ein: Die Rückkehr des harten US-Protektionismus und die deflationären, disruptiven Gefahren der Künstlichen Intelligenz.
Richten Sie Ihren Blick in dieser Woche auf Genf: Dort wollen die USA am Donnerstag mit dem Iran verhandeln. Die geopolitischen Spannungen haben den Preis für Brent-Rohöl bereits auf knapp 72 Dollar getrieben. Ein Scheitern der Gespräche könnte den nächsten Inflationsschub auslösen – genau das, was die Notenbanken jetzt am wenigsten gebrauchen können.
Ich wünsche Ihnen einen kühlen Kopf in diesen hitzigen Handelstagen.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
