Verfallstag zeigt Zähne: Telekom verliert 4 Prozent, Siltronic springt zweistellig
Der DAX gerät unter Druck, während Rüstung, Roche und Siltronic Impulse liefern. Zugleich sorgen Steuerpläne für Bitcoin und Pharmastreit für Spannung.

Kurz zusammengefasst
- Telekom verliert rund vier Prozent
- Siltronic profitiert von UBS-Kursziel
- Thales präsentiert NATO-KI-System HexaForce
- Klingbeil bereitet Kryptosteuer-Reform vor
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
vier Prozent Minus bei der Deutschen Telekom, zweistellige Gewinne bei Siltronic – und beides am selben Handelstag. Der große Verfallstag hat dem DAX kräftig zugesetzt: Der Index rutschte unter die Marke von 25.400 Punkten, nachdem er Ende August noch ein Allzeithoch markiert hatte. Doch der Indexstand selbst ist heute die uninteressanteste Zahl. Spannender sind die Einzelbewegungen darunter – und die Frage, was hinter dem Verfallstag-Rauschen wirklich an Substanz steckt: ein NATO-Großprojekt für den Rüstungssektor, ein Pharma-Streit zwischen AbbVie und Berlin, und Finanzminister Klingbeils Pläne, Bitcoin-Gewinne künftig stärker zu besteuern.
Telekom-Schwäche trifft auf Siltronic-Sprung
Deutsche Telekom war der mit Abstand schwächste DAX-Wert und verlor im Handelsverlauf rund 4 Prozent – ein Rückschlag, der die Aktie spürbar von ihrem Februar-Hoch bei 34,35 Euro entfernt. Auf der Gegenseite stand Siltronic: Der Halbleiter-Wafer-Hersteller sprang nach einer Kurszielanhebung durch UBS auf 120 Euro zweistellig an. Für Aktionäre heißt das konkret: UBS sieht trotz der bereits kräftigen Rally der vergangenen zwölf Monate noch deutliches Potenzial nach oben – das neue Kursziel liegt spürbar über dem aktuellen Niveau. Infineon führte die DAX-Gewinner an, blieb dabei aber im Rahmen der üblichen Verfallstag-Schwankungen. Der Tag zeigt exemplarisch, wie sehr ein technischer Termin wie der Verfallstag Einzelwerte durchschütteln kann, ohne dass sich an der fundamentalen Story etwas ändert.
Die Halbleiter-Stärke bei Siltronic und Infineon hat einen Hintergrund, der weit über den heutigen Verfallstag hinausreicht – den enormen Strombedarf von KI-Rechenzentren, die genau diese Chips verbauen. Über 200 Gigawatt an Netzanschluss-Anfragen liegen der Bundesnetzagentur derzeit vor, weit mehr, als die deutschen Netze aktuell hergeben, weshalb sogar eine Notfallplattform zur gezielten Abschaltung von Großverbrauchern vorbereitet wird. Genau dieses Nadelöhr steht im Zentrum des Live-Webinars „FUM Der WATT-CODE“, in dem Carsten Müller morgen um 18:00 Uhr fünf Unternehmen im Detail vorstellt, die seiner Einschätzung nach von der Stromknappheit rund um Rechenzentren profitieren könnten. Eines dieser Unternehmen wird bereits am 21. September offiziell in den S&P 500 aufgenommen, weshalb die Sendung zeitnah live stattfindet. Müller ordnet zudem ein, wie es zu dieser Situation kommen konnte, und zeigt eine Szenario-Rechnung, wie sich aus 1.000 Euro nach seiner Einschätzung bis zu 3.000 Euro entwickeln könnten. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden
Thales bringt NATO-KI, die Bundeswehr baut das Raketenarsenal aus
Während der DAX mit sich selbst beschäftigt war, lieferte der Rüstungssektor die eigentlich relevante Nachricht des Tages. Thales stellte mit HexaForce ein KI-gestütztes Führungssystem für die NATO vor, das mehr als 100.000 Einsatzkräfte unterstützen und die Zahl täglich bearbeiteter Ziele von 100 auf 1.000 steigern soll. Das System baut auf den Erfahrungen mit Artemis.IA auf, das Thales seit 2023 einsetzt, und wird von einem 800 Ingenieure starken KI-Team getragen. Parallel treibt die Bundeswehr die Beschaffung weitreichender Waffen voran: Die Lora-Rakete mit rund 500 Kilometern Reichweite wurde erfolgreich getestet, der bestehende Taurus-Bestand von 600 Einheiten wird ertüchtigt, ein Nachfolger namens Taurus Neo soll ab 2029 kommen, und gemeinsam mit Norwegen entsteht der Seezielflugkörper Tyrfing mit bis zu 1.000 Kilometern Reichweite.
Für Anleger heißt das: Der strukturelle Rüstungsboom ist ungebrochen, auch wenn die Aktien nach den enormen Kursgewinnen der vergangenen Jahre inzwischen deutlich volatiler reagieren. Die Zahlen liefern den Beweis dafür, dass hinter der Kursbewegung echtes Geschäft steckt – Rheinmetall meldete für das zweite Quartal einen Umsatzsprung von 69 Prozent auf 3,289 Milliarden Euro, bei einem Auftragsbestand von 80,4 Milliarden Euro. Am Verfallstag zeigte sich zudem RENK nach einer Hochstufung durch Goldman Sachs deutlich fester. Wer in diesem Sektor investiert ist, sollte die operative Substanz – Auftragsbestand, Umsatzwachstum – konsequent von der Kursvolatilität trennen, die zuletzt stark von der geopolitischen Nachrichtenlage getrieben wurde.
Roche baut in Boston aus, AbbVie greift Berlin an
Auch die Pharmabranche liefert an diesem Freitag zwei gegenläufige Signale. Roche eröffnet in Boston ein neues Genentech Innovation Center mit einem auf zehn Jahre angelegten Mietvertrag für bis zu 500 Mitarbeiter – eingebettet in ein milliardenschweres US-Investitionsprogramm von 50 Milliarden Dollar. Ergänzend empfahl die EMA die Zulassung von Ocrevus bei Kindern ab 10 Jahren mit Multipler Sklerose. Für Roche-Aktionäre ist das ein doppeltes Signal: Der Konzern baut seine US-Präsenz systematisch aus, während die europäische Pipeline weiter Zulassungen einsammelt. Auch für die Onkologie gab es Rückenwind: Der CHMP-Ausschuss empfahl die EU-Zulassung von Relacorilant in Kombination mit nab-Paclitaxel bei platinresistentem Ovarialkarzinom, gestützt auf verbesserte Überlebensraten in der Phase-3-Studie ROSELLA mit 381 Patientinnen. Eine EU-Entscheidung wird im vierten Quartal erwartet.
Ganz anders die Tonlage bei AbbVie: Der Konzern reichte eine EU-Beihilfebeschwerde gegen das deutsche GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ein und kritisiert, dass wirkstoffübergreifende Rabattverträge den Zugang zu innovativen Medikamenten ungleich verteilen könnten. Das zeigt: Der deutsche Pharma-Regulierungsrahmen ist zum handfesten Streitpunkt zwischen Herstellern und Gesetzgeber geworden – mit potenziellen Folgen für Preisstrukturen im gesamten Sektor.
Klingbeil will Bitcoin-Gewinne stärker besteuern
Bitcoin legte binnen 30 Tagen rund 24 Prozent zu und zeigte auch zuletzt weiter Stärke. Ausgerechnet in diese Rally platzt die Nachricht, dass Finanzminister Klingbeil laut einem Bericht eine Reform der Kryptobesteuerung vorbereitet. Bislang sind private Spekulationsgewinne mit Bitcoin & Co. nach Ablauf der einjährigen Haltefrist steuerfrei – genau das soll die geplante Reform künftig erfassen. Für deutsche Krypto-Anleger ist das ein Warnsignal: Wer bislang auf die Steuerfreiheit nach einem Jahr Haltedauer gesetzt hat, sollte die Entwicklung der Gesetzespläne aufmerksam verfolgen. Eine rückwirkende oder verschärfte Regelung würde die Nettorendite spürbar schmälern – gerade jetzt, wo der Kurs wieder Fahrt aufnimmt.
BDI sieht Aufschwung, andere sehen einen Abwärtspfad
Auch bei der Konjunktur gehen die Einschätzungen weit auseinander. Der Industrieverband BDI hat seine Wachstumsprognose für 2026 von 0,4 auf 1,0 Prozent mehr als verdoppelt – allerdings bei einer Kapazitätsauslastung der Unternehmen von 78 Prozent, die weiterhin fünf Prozentpunkte unter dem langjährigen Mittel liegt. Das steht in scharfem Kontrast zu einer Analyse, die Deutschland auf einem „unumkehrbaren“ Abwärtspfad sieht: Seit 2019 habe die Wirtschaft real 5 Prozent an Wachstum verloren, was einem jährlichen Wohlstandsverlust von rund 2.500 Euro pro Haushalt entspreche. Für DAX-Anleger bedeutet diese Diskrepanz vor allem eines: Die Datenlage bleibt uneindeutig. Wer auf breite Indexwetten setzt, sollte sich nicht von einer einzelnen Prognose leiten lassen, sondern die Kapazitätsauslastung als nüchternen Gegenindikator im Blick behalten.
Unterm Strich
Der Verfallstag selbst war heute die am wenigsten interessante Geschichte – ein technisches Ereignis, das echte Substanz überdeckt hat. Der Rüstungssektor liefert mit Thales‘ NATO-Projekt und Rheinmetalls Auftragszahlen weiter handfeste Fakten, die Pharmabranche zeigt mit Roche, dass die Zulassungspipeline läuft, während AbbVie den deutschen Regulierungsrahmen offen attackiert. Und während sich die Woche dem Ende zuneigt, bleibt eine Frage besonders dringlich: Wie schnell Klingbeils Steuerpläne konkret werden, könnte für Krypto-Anleger wichtiger sein als jede einzelne Kursbewegung dieser Tage.
Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann
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