Iran-Krieg erschüttert Weltmärkte
Der Iran-Krieg treibt Ölpreise um 40 Prozent und belastet Indien, Japan und China. An der Wall Street überlagern KI-Gewinne die Kriegsrisiken nur kurz.

Kurz zusammengefasst
- Ölpreis steigt um 40 Prozent
- Japan interveniert am Devisenmarkt
- Chinas Exportboom trügt
- EZB-Chefin gegen Euro-Stablecoins
Der Iran-Krieg zieht immer weitere Kreise. Was am Persischen Golf als militärischer Konflikt begann, hat sich längst zu einem globalen Wirtschaftsschock entwickelt — mit Auswirkungen, die von Tokio über Mumbai bis an die Wall Street spürbar sind.
Energiepreise als Zünder
Öl kostet rund 40 Prozent mehr als vor dem Krieg. Das klingt nach einer Zahl, doch dahinter verbirgt sich eine Kettenreaktion. In Indien treiben gestiegene LPG-Preise die Verbraucherinflantion nach oben — auf voraussichtlich 3,8 Prozent im April, so ein Reuters-Ökonomenumfrage. Noch liegt das unter dem Zentralbankziel von vier Prozent. Doch die Reserve Bank of India beobachtet nervös, ob ein schwacher Monsoon und steigende Energiekosten diese Ruhe beenden.
Japan kämpft unterdessen mit einem ganz anderen Problem: Der Ölschock treibt das Handelsdefizit aus, weil das Land fast vollständig von Energieimporten abhängt. Das lastet auf dem Yen — und zwingt Tokio zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Nahezu zehn Billionen Yen hat die Regierung bereits in Devisenmarktinterventionen gesteckt. Parallel vollzieht die Bank of Japan eine hawkishe Wende, und Finanzminister Satsuki Katayama sucht Rückendeckung bei US-Finanzminister Scott Bessent, der kommende Woche nach Tokio reist.
Das Kalkül dahinter: Wenn Washington die japanischen Interventionen zumindest stillschweigend billigt, steigen die Kosten für Yen-Spekulanten erheblich. „Nobody wants to fight the U.S.“, bringt es ein ehemaliger Notenbankoffizieller auf den Punkt. Explizite Unterstützung von Bessent würde den Effekt noch verstärken.
Chinas Export-Boom auf tönernen Füßen
Während Japan und Indien unter Druck geraten, profitiert China kurzfristig — zumindest beim Export. Unternehmen weltweit horten Komponenten aus chinesischer Fertigung, bevor steigende Energiepreise die Kosten weiter treiben. Die Exportwachstumsrate dürfte im April auf knapp acht Prozent gestiegen sein, nach nur 2,5 Prozent im März.
Doch das Bild trübt sich beim zweiten Blick. Die Kreditnachfrage bleibt schwach: Die neuen Bankkredite dürften im April auf rund 300 Milliarden Yuan eingebrochen sein — ungefähr ein Zehntel des März-Volumens. Strukturelle Belastungen wie die anhaltende Immobilienkrise, zurückhaltende Privatinvestitionen und gedämpfter Konsum wirken weiter. Die Volksbank Chinas hat Banken angewiesen, die Kreditvergabe zu stützen. Doch sinkende Wechselkursdiskontsätze signalisieren: Organische Nachfrage fehlt.
Wall Street zwischen KI-Euphorie und Kriegsangst
An der Wall Street lieferten die Märkte zuletzt ein zweigeteiltes Bild. Der S&P 500 steht noch immer sieben Prozent im Plus seit Jahresbeginn — getragen von starken Quartalsgewinnen und dem kaum gebremsten KI-Boom. Nvidia und Microsoft kletterten am Donnerstag jeweils fast zwei Prozent. Datadog schoss gar 31 Prozent nach oben, nachdem das Unternehmen seine Gewinnprognose anhob.
Dann aber: Chipwerte gaben nach. Intel und AMD verloren je drei Prozent, der Halbleiterindex fiel um 2,7 Prozent. Arm Holdings brach zehn Prozent ein, weil Sorgen um die Lieferkette für seinen neuen KI-Chip die eigentlich soliden Zahlen überschatteten. Parallel dazu griffen die Vereinigten Arabischen Emirate am Freitag erneut iranische Drohnen und Raketen ab — ein Signal, dass der Konflikt am Hormuz eskalieren könnte. Die Frage bleibt offen: Wie stabil ist der vermeintliche Waffenstillstand tatsächlich?
Inflationsschutz, der keiner ist
Wer auf Inflationsschutz durch entsprechende Anleihen setzte, erlebte eine Enttäuschung. BlackRocks global aufgestellter inflationsgebundener Anleihen-ETF verlor seit Kriegsbeginn rund zwei Prozent — ähnlich viel wie normale Staatsanleihen. Der Grund: Wenn die Realzinsen steigen, leiden alle Anleihen. Die Inflation-Kompensation verpufft im Kursverlust.
Kürzerlaufende inflationsgebundene Papiere schlugen sich noch am besten, weil sie weniger zinssensitiv sind. Doch viele Fondsmanager suchen Schutz inzwischen lieber über Rohstoffe, Energie- und Versorgeraktien oder direkte Inflations-Swaps. „Generell ist Anleihenmarkt unattraktiv“, sagt Dorian Carrell von Schroders. „Man findet bessere inflationsangepasste Einkommensströme auf der Aktienseite.“
EZB gegen Euro-Stablecoins
Abseits des Kriegsgeschehens sorgte EZB-Chefin Christine Lagarde für eine klare Positionierung in einer anderen Debatte. Mehrere Eurobanken — darunter Société Générale — arbeiten an Euro-gebundenen Stablecoins, um dem Dollar im Krypto-Segment etwas entgegenzusetzen. Lagarde hält davon wenig.
Der Fall für Euro-Stablecoins sei „weit schwächer als er erscheint“, sagte sie in Spanien. Im Krisenfall seien sie anfällig für Bank-Runs und untergraben die geldpolitische Transmission. Als Beleg nannte sie den USD-Coin-Kurssturz während des Silicon-Valley-Bank-Zusammenbruchs. Statt Stablecoins empfiehlt Lagarde tokenisierte Bankeinlagen — sicherer, aber ebenfalls blockchain-fähig.
Die Haltung stellt sie in Konflikt mit der EU-Kommission und Frankreich, die Euro-Stablecoins als Werkzeug für mehr internationale Bedeutung des Euro sehen. Ein Streit, der in Zeiten des Dollar-dominierten Geopolitik-Drucks an Brisanz gewinnt.
Ausblick: Wer hält die Linie?
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Japans Doppelstrategie aus Intervention und Zinserhöhung trägt — und ob Bessents Besuch die erhoffte Signalwirkung entfaltet. China wartet auf eine Stabilisierung seiner Kreditdynamik, Indien auf Monsun-Daten. Und an den Börsen bleibt die zentrale Frage dieselbe: Wie lange können KI-Gewinne die Kriegsrisiken am Persischen Golf noch überlagern?